In den Stuben der Neugläubigen unermeßliches Gejammere. Der Tag war bald vorbei, nach der Nacht mußte der neue Morgen kommen mit der Kommission. Dann klopfte es mit knappen Schlägen an, das Gebell hatte die Nacht nicht nachgelassen. Wenn man sich mit zagen zweifelnden Blicken ansah, das Weib an dem Mann hing, die Kinder in die Winkel krochen, war alles entschieden; zwischen Dragonern konnte man zur Messe gehen, taub, nur mit den Füßen auf diesem Boden konnte knien, während andere draußen zerfleischt wurden und halb tot auf die Fliesen hinklatschten. Die frommen zufriedenen Menschen drin bebten unter den Mienen dieser Knienden, hielten sich ihre Blicke vom Gesicht ab. Noch nie waren die bunten blumenbehangenen Heiligenbilder des Altars von solchen brennenden Augen angesehen worden; mitleidig beteten sie für die Unglücklichen Verblendeten, riefen die nieversagende Fürbitte Marias, der paradiesischen Wundertäterin, an.
In Kuttenberg sprang mit den böhmischen Brüdern Don Martin da Huerta samt seinen Kürassieren; in Leitmeritz Don Balthasar der reiche edle Herr, begleitet von den hochgelehrten und geschickten Kapuzinermönchen Valerian, zubenannt der Lange, und Franziskus; mit Königgrätz wurden die Kroaten fertig. Und als dann noch Haufen Verzweifelter sich zusammenrotteten, da doch alles verloren war, und rechts und links unter bestialischer Wildheit Feuer in Häuser und Scheunen warfen, auch in die eignen, ihre abtrünnigen Brüder anfielen, konnten die um sie besorgten Jesuitenväter, schmerzvoll den Kopf schüttelnd, sich nur zurückziehen; hier war nicht mehr ihr Gebiet. Den Soldaten wurde freies Feld gegeben. Das Land hatte kein Korn auf den Äckern, da es kaum bestellt wurde; dafür setzten die Soldaten auf die Felder die blaugrünen Gesichter der Erwürgten, die purpurnen Stümpfe der Niedergemetzelten, deren Beine in die Luft ragten, Verweste. Den Haß stampften sie ein, wo sie ihn trafen, machten die Erde fett, aus der er gequollen war. An den Galgen dampften in der Hitze die Leiber der Gehängten. Der stinkende Wind warnte vor Rebellion zwischen Elbe und Moldau.
Aus ihren geplünderten Dörfern flohen die Begnadigten, denen Nasen Ohren abgeschnitten waren, die Zunge fehlte, die Eidfinger fehlten. Die Gedanken liefen ihnen kreisförmig um den Kopf, sie irrten nicht lange in den Wäldern zwischen den Kadavern ihrer verzweifelten in die Seligkeit eingegangenen Brüder.
Starr saß über dem Land wie ein fremdländischer Götze, dem man Menschenopfer bringt, um ihn ruhig zu halten, ein alter Mann, Gundakar von Liechtenstein, der Gouverneur und Oberstburggraf, Herr von Troppau und Jägerndorf. Er war schon durch die Kabinette des irrsinnigen Kaisers Rudolf gegangen, hatte den Kaiser Matthias sich abkämpfen sehen. Schwerkrank war er, seine Nächte gestört durch Herzbräune. Er saß vor der Theinkirche unter dem Baldachin an dem Tage, an welchem das rotbehangene Schafott auf dem Altstädter Ring für die Rebellen aufgeschlagen war. Im Karree sperrten zwei Schwadronen Kavallerie, ein Fähnlein Fußvolk den Platz; aus einem Fenster stiegen nach und nach die grauhaarigen herrischen leidenschaftlichen Männer neben dem Priester vor den Henker. Sie hatten nicht viele Schritte gemacht, dann wurden ihre spritzenden Leiber wie Kälberrümpfe angefaßt gehoben geschwungen, in die leeren Holzkisten gekracht. Dem Stadtbüttel fielen ihre Kleider zu.
Nahe beim Veitsdom vor der tiefeingeschnittenen Schlucht des Hirschgrabens stand auf dem Hradschin die Burg. Der Laurenzerberg schob seine dichtbelaubten Gänge zur breitfließenden Moldau herunter. In den spanischen Saal der Burg ließ sich der Gouverneur vor den päpstlichen Nuntius, den Kardinal Caraffa, tragen, der auf ihn wartete. Der Neapolitaner verlangte im Namen seines Herrn, des Statthalters Christi auf Erden, des Mannes in Rom, die Menschen des Landes Böhmen für seine Kirche. Und zwar ohne Verzug in Anbetracht der bedrohten Seelen. Liechtenstein ließ ihn erst zerren, dann dachte er an sein Ende, küßte, auf ihn zuwankend, seine Hände. Sie kamen überein.
In einem ungeheuren Krampf zog sich das Land zusammen, schleuderte mit einer einzigen hebenden schüttelnden Bewegung die ganze Masse der Unbotmäßigen von sich. Nachdem ihnen Todesstrafe und Güterverlust angedroht war, wofern sie Unziemliches von Gott, der Jungfrau, den Heiligen, sowie dem glorreichen Hause Habsburg sprächen, sammelten sie sich. Handwerk und Handel waren ihnen verboten, wenn sie nicht ihren Glauben abschworen. Da traten im ausgehenden Sommer die Ältesten Prediger Ratspersonen der Familien zusammen, denen die Wahl gestellt war, den Boden zu verlassen oder in den habsburgischen Himmel zu fahren.
Auf den obstbaumbestandenen truppenwimmelnden Straßen nach Norden und Westen knarrten die Wagen; die böhmischen Brüder zogen aus, nach Sachsen. Sitzend auf schweren Gäulen, unter breitkrämpigen hohen Filzhüten, Degen an der Seite, verstockte versteinte Männer und Bürger; auf diesen langbärtigen Gesichtern stand: politisches Recht und der König. Neben ihnen die ruhigen freien Bekenner, die sich wiegten in ihrer Hoffnung; ihr Huß in Konstanz verbrannt auf dem Konzil; wer wollte an sie heran? Was wäre aus der Welt und der menschlichen Seele geworden, ohne das Heil, das Huß in Böhmen erneut hat? Jesuiten und ihr Kaiser Ferdinand haben Kelch und Schwert, das Georg Podiebrad vor Jahrhunderten auf der Theiner Kirche aufstellte, herabgerissen; tote Glaubenshelden gruben sie aus, verbrannten sie, schütteten ihre Asche in den Mund: die körperliche Stärke kann sich in alle Ewigkeit nur an der Materie vergreifen, nur an der Materie. Lange braune und blaue Röcke trugen sie alle, große schwarze Schlapphüte; die Westen mit roten Aufschlägen. Viele Jüngere schritten festlich in kurzen Jacken mit gereihten Messingknöpfen und gelben Hosen, an genagelten Stöcken. Hinter den Martyriumsfrohen die Verschüchterten, angstvoll Bestürzten, die das Leben retten wollten. An den Dorfausgängen, vor den Stadttoren schoben sich die Armen; zu ihnen war keine Kommission gestiegen; wie ihre Wohltäter fortgingen, zogen sie mit; mit Schnappsäcken, einrädrigen Karren, Maultiergespannen stießen sie zu den breiten Zügen der Rollwagen Reisekutschen. Jetzt waren sie hier, im beginnenden Elend, die stärksten; Bitterkeit, augenverschleiernde, regte sich bei ihrem Anblick in den Wohlhabenden, denen es heiß aufquoll; Scham bei den Armen. Die Bauern wußten schon, als sie einander stumm in den gefüllten Wagen ansahen, wegblickten von den Mitwandernden, was ihnen bevorstand: im Elend ein fremdes Gefühl zu lernen, den sinnlosen Haß aufeinander! Den Gram würde man sich vorwerfen, um zu vergessen; man würde sich bestrafen für die Erinnerung an die verlassenen Häuser und Felder. Die Strohdächer, roten Ziegeldächer, die Scheunen Ställe Salbeigärtchen Lavendel Reseda Minze. Die schönen Giebel mit Säulchen, gezähnten Luken, krajky, dunkle Schindelvordächer mit Denktafeln, Terrassen vor den Häusern; hinter Bildern Meerzwiebeln.
Tränenvergießend umdrängten an manchen Flecken fast um Verzeihung bittend Altgläubige, Priester im Ornat, ihren Zug. Blicklos zogen sie im Straßenstaub, den sie nicht gehen brauchten, ganz umhüllt von ihren Gedanken; das Buch, die Bibel in der Hand. Das Buch, das entsetzliche Buch, das grausige Buch! Wie oft hatten die altgläubigen Priester sie im Geist mit Trauer und Erbarmen, die Ärmsten, wandern sehen mit dem Buch; welches unsägliche Unglück hatte das Buch angerichtet. Es zogen aus viele Tausende, aus allen Ständen, dazu Weiber und Kinder. Das wandernde Volk nahm seine Fruchtbarkeit mit. Die Frauen volle, junge, vergrämte, Mütterchen, braungesichtige, stolze, verdorrte; Frauen auf Karren, neben Eseln, in Kutschen. Lange Röcke, Kopftücher, bunte Schürzen, Mieder; die gestickte Holubinka auf dem Haar, Frauen aus Pilsen mit weißen Flügelhauben. Die aus dem Chodenlande mit roten Leibchen. Sie reisten im ausgehenden Sommer; auf den großen Straßen trafen sie sich; die Apfelbäume schüttelten runde rote Früchte über sie. In vorwärtsliegenden Dörfern achteten die Amtsleute auf die Kirchtürme, denn es kam vor, daß ein böser Geselle die Glocken bei ihrem Annahen läutete, um das Volk durch den Anblick des traurigen Zuges aufzureizen. Kompagnien wurden vom Regiment Holstein gestellt, die drängten die Auswanderer auf Seitenstraßen, trieben sie um größere Orte herum; auf schwierigen Knüppelwegen, über Brachfelder hin. So mußten sie sich aus ihrer Heimat winden.
An Wegkreuzungen, unter Mariensäulen tauchten Männer auf, zerlumpt, wie Bettler aussehend, mit gefährlichen Knüppeln; sie waren geschickt vom alten Grafen Thurn, dem geflohenen Rebellenführer, der in Sachsen Brandenburg und Holland agitierte. Verhöhnten die Wandernden, um sie aufzustacheln: „Wo zieht Ihr hin? Wie seht Ihr aus! Hat Euch der Kaiser Euer Land abgekauft? Hat Euch viel gezahlt, daß Ihr es eilig habt damit, daß man Euch nichts raubt. Wieviel ist es, wieviel ist es?“
„Zigeuner, Zigeuner,“ lachten sie schallend hinter ihnen her. Und dann ballte es sich vielen vor Schmerz und Verzweiflung in der Brust; die Schultern wurden ihnen schwach, die Knie lose. Das war die Straße! Nach Wegstunden schlängelten sich wieder, auf Maultieren kauzend, die Lumpen heran, boten: „Gelobt sei Jesus Christ.“ Die hörten stumm über den papistischen Gruß weg. „Seid ihr Heiden?“ „Hat man euch die Zunge schon ausgeschnitten?“ „Ah, die Frommen, es sind die Frommen. Von Trautenau, von Königgrätz, von Brunau. Die Aberfrommen; denen die Herren Jesuiter nicht fromm genug waren. Da ist ja Simeon von der Nadlergilde. Hast du die Lade aufgeschlossen, Simeon, die Pokale eingesackt?“ „Simeon, seid nicht stolz, ich bin Wanderbursch, Herr Meister, biet Euch ehrbaren Gruß und Mundsprach.“ „Die würdige Jungfrau Faustina, schau an, schau an, im Wagen, bei ihrem Herrn Vater; will selbst auf die Freite gehen in Sachsen, vergesse sie mich nicht.“ „Ein Schuhknecht gefällig, eine Totennadel gefällig, Junker Schön, daß Ihr fest und gefroren seid, wenn Euch einer anfällt, maßen beim Chausseen walzen?“ „Allesamt ehrsame strenge Herren, Mühmchen, Bäschen, Gott zum Gruß. Die ganze Chaussee entlang die liebliche Kompagnie. Willkommen zwischen unseren Pfählen. Das Dach habt Ihr vorsorglich mitgebracht.“