Draußen fuhr man auf Karren Rebellen, frisch eingefangen, trotzige Ketzer zur Folter, Arkebusiere stolzierten vor den Häusern, Menschenfleisch wurde billig, verdarb auf Wiesen. Indessen waren die gestohlenen Juwelen gut aufgehoben. Deutsche Flamen Italiener beleckten sie, rieben sie an der Haut; wo sie erschienen, verkleinerten sich die Augen der Menschen, Lippen spitzten sich; wie Schlüssel waren die Juwelen zur Rachsucht Feindseligkeit Eifersucht der Menschen. Im geheimen ganz geheimen hetzten sie, übten ihre Macht, heißes Blut zum Verspritzen bringen, selber nur funkelnde tote entschlafene Steine, die blind in ihrer polierten Härte ruhten.

Als Michna, ein fettleibiger Mann, dessen Kopf auf einem zu kurzen muskulösen Halse saß, eine kleine Zeit hatte verstreichen lassen, wagte er es, einen Brief an das Bankhaus des Hans de Witte in Prag zu richten, dann selbst angemeldet vor de Wittes Haus anzureiten. Es war ein resoluter furchterregender Mann, der das Kontor des reichen Holländers betrat, welcher die Geschäfte der höchsten Gesellschaft besorgte. Michna wies sich gut aus bei de Witte. Der kannte die Wege, auf denen sein plattnasiger Besucher mit den starken Kiefern, Wulstlippen, geäderten trüben Augen reich geworden war; er hatte Vertrauen zu diesem energischen Kanzlisten. Sie gingen einen Pakt ein. De Witte schlug vor, das Geld so anzulegen, daß man die böhmische Münze pachte. Dies sei ein Vorschlag, der ihm von zwei Herren seiner Klientel gemacht wäre, dem angesehenen Judenrichter Bassewi, der dem Römischen Kaiser schon eine gewisse Summe vorgestreckt hatte, dann einem Soldaten, der freilich hier zulande einen anrüchigen Namen hätte, dem derzeitigen Obersten von Prag, dem Eusebius Albrecht von Wallenstein. Der Kaiser brauche Geld, um die Operationstruppen abzudanken und sonst; es sei ein vielversprechendes Geschäft.

An einem andern Tage erklärte de Witte dem widerstrebenden Serben, der sich durchaus nicht bereit fand, in das lockend geöffnete Gastzimmer des Bankiers einzutreten, mit ihm einen Becher zu leeren, es würde nötig werden, noch weitere Teilhaber bei der geplanten Aktion hinzuzuziehen. Denn nach seinen vertraulichen Informationen übersteige die Pachtsumme durchaus den Betrag, den die bisher interessierten Herren, nämlich sein Gast, dann der Judenrichter, der spekulierende Oberst, er selbst herschießen könnten ohne sich zu ruinieren. Das Geschäft sei zwischen ihm und den genannten Beiden fast abgemacht; sie seien von Michnas Interesse informiert und er sei eingeladen, sich zu beteiligen. Der hatte aber übel Lust zuzuschlagen, denn zwar war gegen den reichen und redlichen Judenprimas Bassewi nichts einzuwenden, aber der andre Geladene flößte ihm Widerwillen ein. Er erklärte de Witte nach langem Herumrücken auf seinem Schemel, während er eine Hornschale der Silberwage tanzen ließ über seinem Handteller, daß ihm die Partnerschaft des Obersten einfach unbehaglich sei, und daß dies das ganze Unternehmen gefährde. Wallenstein hätte schon damals, als die Teuerung in Prag begann, unmenschlich viel Wein in Mähren aufgekauft, um ihn mit unerhörtem Aufschlag an Wucherer weiterzugeben; ebenso sei es bekannt, wie er es mit Kornlieferungen getrieben habe; dann das ominöse, monatelang verschlossene Tuchlager Wallensteins in Olmütz, während nirgends Tuche zu kaufen waren. Alle diese Sachen gefielen ihm nicht; der böhmische Edle werde ihnen das Fell über die Ohren ziehen. Überhaupt, wenn es verlaute, der verrufene Oberst beteilige sich an dem Unternehmen: was die Beamten vom kaiserlichen Schatzamt, die Wind davon hätten, dazu sagen würden.

Der hochstirnige alte de Witte, hinter seinem Tisch mit den Folianten in einen Armsessel gestreckt, mit langem geteilten Weißbart, müden langsamen Augen, groß und breitschultrig wie sein serbischer Gast, hörte alles Geflüsterte mit Freude. Er empfand herzlich das Lob seines alten Freundes; er konnte nun bei Wallenstein einen höheren Teilhaberbetrag herauspressen, indem er auf die Schwierigkeit seiner Beteiligung hinwies. Er fragte teilnahmsvoll, ob jener schon von Wallenstein benachteiligt worden sei. Auch die Angst seines Besuchers erfreute den stillen Holländer, sie vergrößerte seine Neigung, mit ihm ein Geschäft zu machen. Michna unterbreitete ihm, man möge bedenken, wie Wallenstein sich gegen seine eigenen Verwandten verhalten hätte, gegen die Smirsitzky; ein Vormund, beim Leben Jesu, der sich schnöde einen Besitztitel auf die Habe seines kranken Mündels erschleicht! Was drohe ihnen dann?

Da meinte de Witte lachend, man solle sich nicht in Familienangelegenheiten mischen; man kenne nicht die persönlichen Beziehungen und so weiter. Michna wollte mehr eifern. De Witte schnitt ihm stärker lachend das Wort ab; sie sollten sich nicht zum Richter aufwerfen. Beschämt lenkte der Fleischhauerssohn ein. Der Handel kam zustande, indem Bassewi für den Oberst gutsagte; Michna wolle auf keinen Fall ohne Sicherung einen Vertrag mit Wallenstein schließen.

Um sechs Millionen jährlicher Pachtsumme fiel ihnen die Prager kaiserliche Münze zu.

Sie konnten prägen soviel sie wollten. Die Technik war den Juden und sonstigen Kippern und Wippern abgelernt: Beschneiden des Geldes, Untermischen unedlen Metalls bis zum Verschwinden des edlen. Die vier Männer, von Michna geführt, warfen sich auf den Handel mit der niedertretenden Wucht einer Stierherde. Die Münzräume wurden von zwei ganzen kriegsstarken Fähnlein gesichert. Fünf Nachbarhäuser, ein halber Straßenblock wurde zugekauft, bei der Kürze der Zeit und der Gefahr drohender Zwischenfälle war keine Minute zu verlieren. Während Bassewi und de Witte nur ihr Geld hineinwarfen, raste die Angelegenheit vorwärts durch das Betreiben dieser beiden: Michna und Wallenstein.

Der Serbe, seiner Sinne kaum mächtig, dauernd geneigt auf Menschen loszustürzen, in gräßlicher Furcht, sein Geld zu verlieren, betrogen zu werden. Er umschlich die Gebäude; seine Frau, ein scheues schönes Weib, mußte die Straßen durchwandern, wenn er schlief.

Der böhmische Edle befehlerisch, in schneidender Ruhe und Unbeirrtheit. Zu dem Serben, den er einmal erschöpft, schmierig vor der Hauptpforte der Münze traf, beugte sich der hagere, prächtig sechsspännig daherfahrende Böhme heraus: „Der Herr sieht nicht aus, als ginge es ihm gut. Denke er zu leben. Sonst will ich ihn beerben.“ Das stachelte den Serben, daß er sich mit Qual schonte.

Barren und Münzen häuften sich in den stallartig langen niedrigen Stuben; in Steinkammern standen die Münzknechte vor den Muffelöfen, heizten glühten. Wöchentlich vermehrte sich die Zahl der eisernen Schmelztiegel, über denen die Männer hinter vergitterten Fenstern standen, mit Graphitstangen, langen dicken Stäben, die Schmelzmassen rührten. Hier hatte keiner Zugang aus dem ganzen Gebäude als die Knechte und Meister; hier wurde ihnen in geschlossenen Zink- und Kupferkästen gereicht, was sie in den Tiegeln zu schmelzen und zu verrühren hatten. Stechende Dämpfe durchzogen die Häuser; in Scharen, wie Regimenter, standen die hölzernen Beizfässer nebeneinander, darin schwamm die kochende Säure; die Münzen, geglüht, geschnitten, waren unkenntlich geworden, hatten Masken für die Augen der Menge. Die Knechte arbeiteten in den Räumen; wie in einer Folterkammer rührten sie die Arme; man sah nicht den, dem die Folter bereitet wurde.