Sie ritten, redeten, donnerten, lobten, entwickelten Pläne. Sie überfuhren die Einwanderer mit ihren Worten, Blicken und Gesten wie eine pelzige Raupe eine Steinplatte: kaum daß sie sie berührt und mehr auf ihr hinterläßt als etwas graue Feuchtigkeit, derer sich die Platte schämt. Der Smil, im feinen französischen Gewand mit Degen, wie der prächtige Pfälzer sich zu tragen pflegte, redete lockend vom Sterne, dem Prager Tiergarten, wo die böhmische Jugend sich verblutet hatte für die gerechte Sache, Wahlkönigreich, freie Religionsübung. Die Worte schlugen den Böhmen um die Ohren und trafen sie nicht. Der Berka wandte sich direkt an die Ältesten, die Angesehenen, die Patrizier; er ging zu Fuß, sprang unter sie, feurig wie er war; prahlend beschrieb er ihnen die Schönheiten ihres Landes, dessen sollten sie eingedenk sein; von ihrem Land sei die Welle der Befreiung über die Welt gegangen; sollten nicht verzagen, die Welle käme zu ihnen zurück. Daniel Luksan, reich wie er war, ritt auf einem Maultier in kläglichem blauem Tuch, die Federkappe auf dem Kopf. Stellte sich mit trübem Gesicht unter die Leute des Abends, hörte ihnen zu, fing an. Sprach von den Köpfen auf dem Altstädter Brückenturm, beschrieb das Leben und den Tod der Männer, traurig, mit innerem Anteil, dabei stumpf und sichtlich verzweifelt. Erzählte, was er gehört hatte gestern und vorgestern aus der Heimat, ließ nichts aus; das Weinen bekümmerte ihn nicht, das sich um ihn erhob. Sprach nicht, um aufzuhetzen; ließ sich nur gehen vor ihnen; sein schweres Temperament hatte ein Fressen gefunden am Unglück seines Vaterlandes. Betrübt sah er wie die Weiber wegschlichen, wie man ihm auswich. Bald erlebte er es, daß man ihm zuschrie beim Reden: „Genug!“ Die Weiber, die noch herumstanden, schluchzten, die Männer hoben mit wütenden Mienen gegen ihn die Arme, gingen gegen ihn vor: ob er plane mit ihnen ein Spiel zu treiben, ob sie nicht elend genug seien. Man brauchte dem Daniel Luksa nicht lange zu drohen; er hörte, man wollte ihn nicht, ging.

Und hinter den drei her das hitzige Gerede: das waren die Herren, für die wir gebrannt wurden; es ist ihnen noch nicht genug, wir sollen noch einmal ins Feuer! Herren, die Böhmen ins Unglück gestürzt hätten; sie hätten sich den fremden Pfälzer verschrieben, um besser ihr wüstes Selbstregiment zu führen; wollten einen König, um ihre krummen Sachen gerade zu machen.

Wie es unter ihnen gärte, wurden sie vom alten Grafen Thurn überfallen und so ergriffen und geschüttelt, daß sie wie ungezogene geschlagene und heulende Kinder an den Wänden standen und nicht wußten, was ihnen geschehen war. Denn dem alten Thurn bedeuteten sie nichts; ihm war nichts gewisser, als daß Böhmen in sehr naher Zeit sich glanzvoll wieder erheben werde über Habsburg; er schlang den Faden, dies war seine Arbeit und sein Beruf. Als er hörte, was im Erzgebirgischen Kreise, im Voigtlande sich ereignete, erfaßte ihn eine Wut über die Aufsässigen Undankbaren Gedankenlosen, die nicht zwei drei Jahre warten konnten; Tausende im Lande hatten sich verblutet, und diese im Asyl rebellierten. Er kannte viele von ihnen persönlich; auf seinen Reisen als Direktoriumsmitglied war er die Dörfer abgefahren, um die Kreisaufgebote zu überwachen. Jetzt saß er in seinem kleinen niedrigen Wagen, die Pferde lenkte er selbst, der grauhaarige kleine schmale Mann mit den mongolisch vorspringenden Backenknochen, den trüben schwarzen Augen und der hellen schrillen Stimme. Die silberne Peitsche hielt er in der Faust; so schrie er die Leute zusammen, und jedesmal wieder, wenn sich die Leute zögernd beieinanderstellten, befiel ihn die Wut über sie, er schmähte sie in dem wohlbekannten heimischen Idiom, überhäufte sie mit jedem gemeinen Schimpfwort. Wer schlaff und unehrerbietig in seiner Nähe stand, den schlug er vom Bock aus mit seiner Peitsche und war imstande ihm nachzuspringen. Ohne ein Wort ihrer Widerrede abzuwarten, fuhr er weiter, drohend und noch nach rückwärts schimpfend. In einigen Dörfern, von deren Gottlosigkeit er gehört hatte, hüpfte er vom Wagen, warf einem Beliebigen in der Nähe, alten oder jungen, die Zügel zu, eilte in ein offenes Haus, verlangte, den Tisch mit der Peitsche klopfend, die Bibel zu sehen. Und wo man zögerte, sich drehte, maulte, riß er selbst Laden Schränke Truhen auf, holte das Buch heraus, schlug es, wer ihm in die Nähe kam, an den Kopf, und das Buch in die Mitte des Tisches legend schwur er mit greller, weit gehörter Stimme, die Bibel bleibe hier draußen liegen; er werde, so gewiß er der Graf Thurn sei, den eigenhändig niederschlagen, der es wagen sollte, das Buch zu verstecken.

Eines Sonntags traf er, nur mit einem halbtauben Kammerdiener reisend, einen Trupp Böhmen auf der Dorfstraße lungern und würfeln; sein Pferd bäumte sich, hitzig hatte er die Leine gezogen. Kochend, eine Bestie von Angesicht, stand er vor den tief erschrockenen Burschen, die er mit wuterstickter Stimme anfauchte, denen er mit der Faust unter der Nase fuchtelte. Jagte sie in die Kirche; er bedauere, keine Hunde wie Wolfsstirn zu haben, um sie zu hetzen. In dem Kirchlein war kein Pfarrer; er sperrte sie ein; nach zehn Stunden holte er sie; sie hatten kein Wörtchen darüber verloren.

Die böhmischen Zustände in Sachsen gewannen ein besseres Ansehen. Größere Rüstigkeit machte sich unter den Flüchtlingen bemerkbar. Sie begannen sich wieder anzuschauen, zu grüßen, nach dem Ergehen zu fragen. Sie schämten sich ihrer früheren Schlaffheit, hatten unbegrenzte Liebe zum Grafen Thurn. Auf ihn setzten sie Hoffnungen. Man arbeitete, um zu zeigen, wer man sei. Die Heimat mußte befreit werden. Jach sprossen die frommen Triebe wieder auf. Glaubenseifer und Glaubensstolz, finster gefärbt, erhob sich, grollte drohend in den Straßen, in den Kirchen; man war das Volk des Johann Huß. Die Bibel war verwandelt; jetzt keine Läuterung, keine Seelenreinigung mehr. In den Kisten, Truhen war das Buch wie unter einer eisernen Presse steinhart geworden, feierte seine Auferstehung als Rüstzeug Waffe Schwert. Soldaten wurden sie. Der sächsische Kurfürst, der Brandenburger Georg Wilhelm hörten es gern.

Über ihre Heimat, über das Erzgebirge, spannten sie sich wie eine furchtbare Wolkenbank, die sich von Jahr zu Jahr schwärzer färbte.

In Böhmen hieß es Gelder beschaffen, die Truppen aus dem böhmischen Feldzug abzudanken, das Besatzungsheer zu erhalten, die ungarischen Grenzstädte gegen die Türken zu armieren verproviantieren, verdienten Generalen hohen Beamten Gnadengeschenke zu machen. Der Ertrag aus den konfiszierten Rebellengütern reichte nicht, der aus der Schuldenkommission war zu gering.

Eine Prager Mark galt neunzehn Gulden. Im Braus hatte der schöne Pfalzgraf gelebt, auf Bällen Jagden Schlittenfahrten hatte sich seine üppige Gemahlin getummelt und mit dem Volke gemein gemacht. Nach dem verjubelten Winter steigerten die pfälzischen und böhmischen Räte den Wert der Mark. Der Sieger gab ihm nicht nach; als der Kaiser kam, preßte er den Böhmen das Gebiß zwischen die Zähne, daß eine Mark siebenundzwanzig Gulden betrug. Der Gouverneur Liechtenstein ließ das gute Geld aus dem Lande schleppen.

Der Sohn eines serbischen Fleischhauers, Paul Michna, war Sekretär in der böhmischen Hofkanzlei geworden. Dieser warf sich mit einer Rotte Helfershelfer nach der Prager Schlacht auf das Pferd. Sie ritten in das Land hinaus; allmählich vergrößerte sich der Zug, Wagen schlossen sich an. Sie drangen auf die Güter und Herrschaften der Rebellen, brachen die Tore der Schlösser und Sommerhäuser mit amtlichem Gebaren, Siegeln, Drohungen auf, beschlagnahmten, was sich an beweglicher Habe fand. Während panikartig das Grauen von der verlorenen Schlacht, dem drohenden Hochgericht die Dörfer belief, die Städte lähmte, alles sich zusammenzog, tauchte Michna mit seiner Bande erschreckend, unverständlich, bald hier, bald da auf. Die zurückgelassenen Frauen, die betäubte Dienerschaft lieferte ihnen aus, was sie verlangten. Leiterwagen mit Stroh fuhren, von Ochsen gezogen, in einiger Entfernung hinter den Berittenen; toll hinein stülpten, stauchten sie, was sie erhaschten, übereinander, ohne Schutz Prunkkästen Rollenschränkchen, silberne Spiegel, Perlenketten Ölbilder flämischer florentiner Meister, Pelzwerk Geschirr Kristall Seidengewänder. Sie fuhren so rasch, weil das Gerücht sich bald verbreitete. So daß man, wie den Fuchs an seiner grauen Losung, ihren Weg erkennen konnte an abgerollten Kruzifixen, Splittern der Deckelpokale, Nautilusbecher, den zerdrückten und weggeworfenen am Wegrand liegenden Kredenzstücken Silberplatten Konfektschalen. Wer hinter ihnen suchte, konnte reich werden; aber niemand bedachte Silber und Tafelgerät; alles verrammelte sich.

Rasch war in Spelunken und Gewölben der Juden verschwunden, was eben unerhört strohgelagert über die Chausseen gewackelt war. Die Topase Brillanten Rubine in Ringen und Halsschnüren legte ein alter Jude liebkosend sich über die braune faltige Haut, ließ sie sanft in seine eingemauerte Eisenkiste sinken über wattierte Wämser. Während die böhmische Gräfin schluchzend mit ihren Dienerinnen die aufgebrochenen Holzwände der Schränke anstarrte, krochen die grünen Roben, von kundigen Fingern gezogen, über die fetten Formen eines orientalischen Leibes; die gerafften gürtelgehaltenen Gewänder rauschten wie bei den Bällen der Königin Elisabeth hintennach, über den Synagogenweg. Wieder lachten Weiber in diesen Gewändern herzlich und voller Inbrunst, vor andern gewaltigen Männern. Die Greise vorn auf den Bänken in den Tempeln sahen sich um, sangen im Talare von der Zerstörung Jerusalems, von Jehovas Rache, weinten über die Vergänglichkeit.