Man rollte die weiten kahlen Hochflächen, trauriger, aufgelöster. Voran tummelnd auf Pferdchen häßliche kroatische Reiter, trabten hinterdrein. Die wilden schiefen Pelzkappen auf dem Haar, das in schwarzen Locken hoch wirbelte; mit den Füßen kneteten sie den Leib ihrer braunen Tiere; auf und ab arbeiteten in den grellweißen Leinhosen hohen Stiefeln ihre Beine. Sie jagten mit Peitschen und Piken den Zug ab, kreisten ihn ein wie Schäferhunde. Hatten die Necker ihr Spiel zu treiben aufgehört, kreischten die fremdländischen Befehlrufe der unverständlichen Soldaten. Fluch; man duckte sich. Und doch verlor sich die Angst vor ihnen, je mehr man sich der Grenze näherte und abwärts stieg. Man sah mit Angst und Unruhe, wie dies geschah: wie sie sich von der Spitze zurückzogen. Bald werden sie verschwunden sein, nach Böhmen hinein, zurück in die liebe Heimat, sie werden die grünen Matten wiedersehen, und wir stehen draußen. Unwillkürlich verlangsamte sich das Tempo des Vorrückens; die Kroaten hetzten; da und dort brach man heimlich Wagenachsen entzwei, versperrte ganze Straßen. Der Weg ging schon in Straßen abwärts und man hätte rasen können, statt dessen türmte sich der ganze Troß unbeweglich auf. Mit heimlicher Süßigkeit blickte einer den andern an, wehmütig streichelte man sich, sammelte Steine vom Weg, küßte die dürftigen Zwergkiefern; den Rabenschreien lauschte man, als wäre es Mündergesang. Welche drangen bittend in die Reiter, daß sie sie hier verweilen ließen, dachten nicht, von wo sich ernähren. Manche blieben liegen. Wütender jagten die Kroaten, legten selbst Hand an; diese Gegend war ihnen zuwider. Und die wandernden Böhmen, als wenn ihnen ein Unglück bevorstünde, schoben sich übereinander, wurden gesprengt voneinander, kamen elend vorwärts, bremsend, bremsend vorwärts.
Bis am Morgen ein schreckliches fernes sinnenbetäubendes Glockenläuten hinter einem Bergzug, der noch schmal vor ihnen lag, mit einigen Windstößen herschwang, unter dem die Berittenen gelle Freudenschreie ausstießen und sich schmetternd anlachten.
Sachsen! Die ersten weißen armseligen sächsischen Dächer!
Die Begleitrotten zogen sich auf allen Seiten von der Karawane zurück; dann brausten sie unter Geheul, in den Sätteln hängend, von hinten, seitlich gegen die Wagenkolonnen. Spieße Beile Riemen in den Händen. Hieben, lustig krächzend, die Augen rollend, rechts und links, schlugen sich Wege, zerwühlten den Zug, warfen Wagen hügelabwärts. Pferde gingen hoch. Sachsen!
Weiberheulen von seitwärts, rückwärts nach vorwärts, rollte sich verzehnfachend nach rückwärts. Man trieb schrie wirbelte um sich selbst, ließ liegen, was sich nicht bewegen wollte. Die schrecklichen Glocken läuteten den ganzen Tag. Die Kroaten tobten bergaufwärts. Hinüber hinunter. Und als man die Grenze überschritten hatte, die sächsische Landstraße vor den Füßen lag, endloses Lärmen. Flehen, Händeschlagen an der Spitze des Zuges.
Sie wurden wie von Meereswellen nach vorne gespült, schwammen drängten schoben sich rückwärts.
Die benachbarten sächsischen Dörfer und Städte hatten Ratsmannen mit Brotkarren, Prädikanten an die Grenze geschickt, die Glaubensbrüder, die Märtyrer zu empfangen, sie zu bewillkommnen und zu trösten. Diese fanden mit Fackeln herumwandernd die Nacht und den ganzen nächsten Tag das wandernde Volk unbeweglich auf der Landstraße liegen, auf den Äckern; kein Erwachsener nahm die Speise an, die man ihm bot. An der Erde lagen sie, wie hergeworfene Schiffbrüchige; alle waren von den Karren und Wagen gestiegen. Von Zeit zu Zeit erhob sich gräßliches Geschrei; einer schrie, hundert schrien, alle schrien. Dann fielen sie wieder hin, blickten sich zerkratzend nach drüben herüber, wo die Kroaten die Grenze sperrten. Die zappelnden Pelzmützen, die weißen Hosen: da! Aus fünftausend Herzen wurde Gottes Name Tag und Nacht angerufen gewälzt gekaut gebissen geschlungen. In Tränen und Staub mischten sie sich mit der Landstraße, besudelt zertrümmert standen sie auf, rieben sich leer widerspenstig aneinander. Wer nach drüben über den Kirchturm sah, dem gerann das Blut vor dem Unfaßbaren.
Man mußte weiter. Das Vieh blökte, die Kinder schrien, es wollte regnen, die Sachsen trieben sanft. Mit Haß unterdrückte man rechts und links das Aufweinen. Man geleitete sie ins Plauensche, in den Erzgebirgischen Kreis; sie wehrten sich, weiter zu wandern; an die Zschopau, die Zwickauer Mulde, um Neustädtel, Merdau, Sayda, unfern Chemnitz. In der Stadt Wolkenstein stand die Hälfte aller Häuser leer. Zu finster, tief geschlagen, stumpf waren die Flüchtlinge, um sich darüber zu verwundern; sie hörten lange nicht das scheue Flüstern der Einwohner: man hatte sie untergebracht in verlassenen ausgestorbenen Pesthäusern. Noch ging die Pest mit Beulen und Geschwüren im Erzgebirge um; sie regten sich kaum bei der Nachricht. Als man sich an sie wandte, Mädchen dem Rat zu schicken zur Übung des Pestbannes, blieben sie stumm; die mitleidigen Bürger zogen auch ihre Häuser in den Bann ein. Mitternachts sammelten sich erwählte Knechte, reine Jungfrauen, dazu eine Witfrau am Ende Wolkensteins; die Weiber traten beiseite, entkleideten sich; die Jungfrauen spannten sich an einen Pflug, rissen eine Furche im Finstern um den Ort; die Witfrau führte, ein Knecht ging nach, der andre hütete die Kleider. Aber die erwünschte Pest näherte sich den Einwanderern nicht. Es brauchte Wochen, ehe sie ihre verregneten Wagen abluden, noch nach einem halben Jahr sah man Karren vor Häusern und Hütten stehen, als wenn gestern einer angelangt wäre. Dies geschah aus Trägheit, aus Widerwillen und Groll; man ließ es so in einer Art liebevoller Schonung, die man sich angedeihen ließ, und in Angst, sich zu berühren. Man tat sein notwendiges Gewerk mit Fluch und Drohung. Die Bibeln lagen in keiner Kammer mehr auf dem Tisch, der Truhe, auf Ehrenschränkchen; wie unabsichtlich war das Buch verschoben überlagert worden von Decken, war wie in Gedanken heimlich beiseite geschafft, in Kisten ganz tief vergraben. Keiner durfte von ihm sprechen, kaum, daß man die alten Tages- und Tischgebete sprach. Man hatte ein Geheimnis, verbarg etwas wie ein Verbrechen. Wer von der Heimat sprach, den alten Putz anlegte, die bestickten Hauben, roten Westen mit Messingknöpfen, konnte gewärtig sein von einem rasselnden Schwall Zornes überschüttet zu werden; auf wen diese glühenden bangen Augen gerichtet waren, der war beschämt. In Trotz und leiser Wut lebte man hin zwischen Ackerbau Hausjammer im fremden Voigtlande. Die Sachsen fanden kein Ende sich zu wundern über die Gottlosigkeit der vielgerühmten Böhmen, die in die Kirche nicht gingen, werkten werkten. Oft warf einer der Böhmen seine Axt beiseite, sah seine Balken an, spie darauf, stöhnte mutlos. Es war nichts Bleibendes: wer mochte Orte schmücken, an denen man nichts zu suchen hatte! Wolkenstein, Wolkenstein! Prag! Darum weinten sie und konnten sich nicht entschließen, Mörtel für neue Häuser zu rühren, den Boden, der ihnen gestellt war, zu brechen. Halbes Werk leisteten sie, und wenn die sächsischen Amtmänner und Rentmeister vorbeiritten, leise schalten, hatten sie daran ihre Freude wie an nichts. Mit Grimm erzählten sie abends in den Stuben einander: der Sachse auf dem Pferd hätte sie gescholten, hätten Lust, ihn totzuschlagen, wenn er wieder vorbeikäme. Und von Zeit zu Zeit erfolgten in ihren Häusern Explosionen; das entschlossene nicht zu hemmende Hinstöhnen der alten Männer, das Aufweinen und Heulen der Weiber und vergrämten Kinder, die nicht beachtet wurden. Das klagte rüttelte winselte durch die Straßen; von Haus zu Haus, von Erker zu Erker pflanzte es sich fort; und wer draußen im Dunkeln seine Wohnung suchte, konnte im voraus wissen, was ihn erwartete. Man küßte sich, rief sich mit Namen an, zeigte sich die Kinder, sprach, jubelte von Böhmen, Caslau, Teschen, Königgrätz, erinnerte einander an die Reise über das Gebirge, lachte tränenfließend über die Kroaten, rief sich ins Gedächtnis zurück gramlos die grausamen Bekehrungsszenen mit Liebe Verzückung Verklärung, sprach von Braunaus Dragonern, dem tollen Wolfsstirn, — die Kinder lauschten. Es war für halbe Stunden, wo die Türen geschlossen, die Läden angelegt waren, die Unschlüttkerze brannte, als säße man eingehüllt in Böhmen draußen; man brauchte nur die Tür aufzumachen hörte das böse vermißte katholische Abendgeläut!
Wie verraten hielt man sich später in Raserei, zerschmetterte die Stühle, streckte steif die Arme aus, wollte dies nicht dulden, immer immer dulden. Die Kinder schrien, versteckten sich. Nach diesen dumpfen Orgien war die Verdrossenheit gesunken, aus der Apathie schlugen von neuem die dunklen Flammen des Jähzorns, der wilden Gehässigkeit und Schadenfreude. Brutalität war an der Tagesordnung bei den vertriebenen Böhmen; gefürchtet waren sie auf dem Lande und in einzelnen Städten, wo nicht scharfe Polizei herrschte. Sie hatten miteinander keine Verbindung, liebten sich gar nicht, und nur dies verhütete großes Unglück. Ein Dorn im Auge war vielen die sächsische Kirche, und gegen das freche Inwegsetzen beim sonntäglichen Kirchgang konnten die sächsischen Bürgermeister nicht genug eifern. Es konnte nicht ausbleiben, daß bei gelegentlichen Handgreiflichkeiten zwischen Sachsen und Zuwanderern offene Feindseligkeit zutage trat, die sächsischen Ansässigen sich Klage führend an ihre Gerichte wandten über die Behandlung, die sie innerhalb ihrer eignen angeborenen Wohnstätten von undankbaren Fremden erfuhren. Das waren von Bürgermeistern Amtleuten vertretene Klagen ganzer Gemeinden, die Gerichte und befragte Behörden in allergrößte Verlegenheit setzten. Dahin war es gekommen, daß sie wie bösartige Bettler den Stadt- und Landgemeinden auf dem Hals saßen, nichts taten, was sie erhielten, bespöttelten. Katholische Singspiele, papistische Martyrien führten sie zu fünf, zu zehn an den Märkten auf, scheinbar sich zum Spaß, aber doch nur um den Ansässigen Ärgernis zu geben; höhnisch gaben sie Widerrede auf die Verwarnung; könnten tun, was sie wollten, und selbst wenn sie Lust hätten eine Prozession nach Art der Papisten zu begehen, würden sie sich dies von keinem nehmen lassen. Und von da gab es nur einen Schritt, sich zusammenzutun und das Werk in den Weg zu leiten.
Gegen das gefährliche rachsüchtige Gebaren traten, von den Dresdener Behörden angegangen, böhmische Edle, auch der alte Graf Thurn, Flüchtige wie sie selbst, auf. Smil von Hodojevsky, in Dresden am Verschwörerzentrum gesessen, stürmte wie ein Sperber auf die Zuwanderer los, als der von Rhönberg, ein sehr klarer vorsichtiger Mann, ihm die sächsischen Besorgnisse entwickelt hatte. Dem Smil folgten der kühne Sohn des Berka, der sich aus der Gefangenschaft nach der Prager Schlacht befreit hatte, und Adam Luksans älterer melancholischer Sohn Daniel. Diese drei mit ihrem Anhang gedachten ihre Landsleute zu zähmen und sich Einfluß bei ihnen zu erwerben.