Wie den hoffnungslos Verirrten ein ferner Lichtschein von einem Haus, aus einem Stall, von dem Wachtfeuer einer Söldnerhorde, von einem Waldbrand, so zog Ferdinand Dighby an, der englische Gesandte, vom König Jakob zum Grafen von Bristol ernannt, von Brüssel aus dem Quartier der spanischen Infantin hergereist. Ferdinand hieß Reisewagen beschaffen, um bequem zu fahren.

„Nach Wien geht es, meine lieben Herren, mein lieber Mollert, Graf Mansfeld. Es gibt Frieden im Reich, ihr werdet sehen. Was halten wir uns auf, wenn solche Freude für alle Welt bereitet wird. Nach Wien!“

Unter den Herren war auf der Rückfahrt nur ein Gerede: wie man die unerwartet rasche Heimkehr feiern wolle. Erst fieberte der Kaiser; in ihm schwang es stürmisch auf und ab, durchschwoll ihn mit gewaltsamer Bewegung vom Hals bis in den Leib, ließ ihn lachen, sich freuen, sich vorwenden zurückwenden, Hände schütteln, nicht zur Ruhe kommen. Der blitzende Mollert lag halb im unverdeckten Wagen, stolz schweigend wie immer. Der Oberstjagdmeister strahlte, daß der mißlungene Tag vergessen war, Paar saß im letzten der sechs Wagen unter fröhlichen halbfremden Kavalieren, mit scheuen Blicken, oft seine Hände betrachtend, die den Zügel geworfen hatten zu der Entführung des Kaisers, an allen vorbei sehend, ab und zu ohne es zu merken dumpf stöhnend, so daß man schon am Tage vorher ihn umging, jetzt von ihm abrückte. Die silbernen Partisanen der Trabanten zuckten über den Wegen wie schnellende Vögel. Ein wildes Bangen durchwallte von Zeit zu Zeit den Kaiser. Französisch, spanisch, deutsch, italienisch plauderte es sich auf den Wagen, Duelle am Ochsengrieß, Karussell und Ringelstechen. Hinter den Worten regten sich die zierlich gezähmten Appetite, die kennerischen Geschmäcker, grenzenlose Bankettier- und Pokuliersucht. Die Arme fechtsüchtig, das Zwerchfell lachsüchtig, ihre Zungen verwaiste Teller, Münder ungefüllte Backofenlöcher. Es hieß Speichel schlucken, staubige Luft essen, mit blitzend verdrehten Augen von zarten Braten träumen. Und dann sollten die Abende kommen mit Kerzen, Fackeln, Trabanten schwerfüßig vor den Türen, die Tische frei, Karten und Würfel über das blanke Holz, heißwangige Spieler, zähe Bankhalter, französische Liköre, Wein in Fudern, Trumpfen: „Meineidige Höllenhunde!“ „Pestilenzialische Teufel!“ „Herr Bruder, jetzt frißt mich der Satan oder ich habe gewonnen.“

Nach Wien! Kein Verzug! Gesegnet sei Dighby, Graf von Bristol!

Die Wagen schütterten auf den Chausseen, die Pferde sprengten mit Hussa hoh; von Dorf zu Dorf wartete Vorspann. Der Staub erhob sich, auf seiner Woge glitten sie vorwärts. Zwei Fanfaren vorn, zwei Fanfaren zur Seite, zwei Fanfaren hinten. Sie sahen und hörten nichts. Und als die Herren in Wien einfuhren, dachte weder der seidige Mollert, noch Nostiz, noch Mansfeld, noch Ferdinand der Andere an Dighby, den Träger einer englischen Botschaft. Der Hohe Markt, die Balkons des Grabens, Gassen nach Gassen, der Petersplatz. Schweres Dröhnen vom Stefansturm, das Türkengeläut; die Wagen hielten, die Herren knieten auf der Straße, der Kaiser im Wagen. Vor dem sonnenüberfluteten Burgplatz, zwischen den Hatschierreihen vorquellend Bettlergelichter Beghinen Minoriten Barfüßer. Mit übermütiger Wucht warf Mollert aufstehend seinen Geldsack einem Savojardenbuben an die Brust, daß der umtaumelte, andere sich balgten.

Da wußte bald Dighby, daß die Römische Majestät wieder residiere in der Burg. Auch die hohen Staatsmänner wußten es, die Karussells fanden statt, Vorbereitungen zu einer Maskerade, Bauernwirtschaft im Prater. Aber mehr wußten sie nicht, morgen nicht, übermorgen nicht. Bis in die Nacht leuchteten die Bogenfenster der Burg aus den großen und kleinen Ritterstuben mit den fröhlichen Herren. Dazwischen ging der Kaiser herum, sann und sann, ohne Rat, wen er sprechen sollte, wen er schicken sollte zu Gurland, seinem Schatzmeister, nach Gold und vielen vielen Geschenken, um Dighby sich willig zu machen.

Eines Morgens wandte sich König Jakob mit wegwerfender Miene von dem eleganten Dialektiker und Lüstling ab, seinem Kanzler Buckingham, dessen feine rosa Seidenstrümpfe ihn reizten: er würde sich in den Garten an die Frühlingsluft tragen lassen; mag denn das Volk recht haben, mag einer nach dem Kontinent fahren, sich die Finger verbrennen an dem Brei, den dieser Narr Friedrich sich eingebrockt hat. Einen Sprung fast einen halben Meter hoch auf dem Teppich des Audienzzimmers machte der sehr junge Lord, als der schlaffe König, kaum den Kopf bewegend, fortgefahren war. Dann zählte er seine Schritte, ein zwei drei vier, er war an der Türe, eine gerade Zahl, die Sache würde gut verlaufen. Und während Jakob zankend die Mistbeete abdecken ließ und sich heimlich darüber grämte, daß seine Tochter Elisabeth in ihrer Liebesraserei sich diesem geleckten deutschen Kurfürsten, diesem Windbeutel, an den Hals geworfen hätte, seine schöne stolze Tochter, erteilte Buckingham hochmütig drei trotzigen Parlamentsherren Auskünfte orakelhafter Art in seiner Villa, beiläufig hinwerfend, daß man sich nunmehr des geschlagenen Böhmenkönigs annehmen werde, spöttisch genießend, wie den betrübten Lohgerbern ihre Agitationsstoffe fortschwammen, benachrichtigte den Lord Dighby. Von London fuhren nach Portsmouth darauf mit dem Lordkanzler, unter dem Schutz derselben fünfzig eisengeharnischten Arkebusiere — gelbe und rote Ärmel, wüst unter dem hochgeschlagenen Visier blickend, auf trampelnden gemästeten Gäulen — zwei deutsche Herren, die sich nicht abschütteln ließen, Rusdorf und Pavel, kurpfälzische Räte. Sprachen öfter heftig auf französisch den Lordkanzler an, der sie nach Belieben anhörte oder englische Worte hinwarf, die sie nicht verstanden.

Dighby verbat sich in Portsmouth den Anhang dieser beiden Herren, worauf Buckingham die Achseln zuckte: es ließe sich nichts machen gegen sie, ohne das Parlament zu erregen. Naserümpfend ließ sich der junge Graf von Bristol die beiden Pfälzer vorstellen; er und Buckingham zwinkerten sich lächelnd zu, als bei der Abfahrt unter Verbeugungen nach vielen Seiten die deutschen Räte das Schiff bestiegen.

Vom Ostersonntag bis Dienstag reiste der Brite um Wien herum, Mauern und Basteien studierend, über Wälle kariolend, wieder in die waldversenkten Nachbardörfer eintauchend, nach Hernals hinein, über den Laurenzergrund, Altlerchenfeld, Nikolsdorf, den Rustschacher, Schutt, die Taborstraße, wo die Juden hausten, Mariahilf. Während alle Kirchen vom Jubelgesang der Menschen erschollen über die Auferstehung des allerliebsten Herrn Jesu, die Türme vom Glockenschwung bebten, schlug sich Dighby vom dicken Rotenturmtor zum Turm Im Elend, Schotten- und Jörgenturm und Sankt Marx. Und als er das Siechenhaus im Regen des Ostermontags passiert hatte, schickte er zwei Knechte zur Heinersbastei, verlangte für morgen beim Torschreiber Einlaß zum Kärntnertor. Junge Burschen ritten langbebändert über die Felder, trieben die Pferde in den Bach. In der Nacht weckte ihn Feuerschein in seiner Herberge; da schwang man draußen brennende Besen, zog grünes Volk singend, Asche streuend ins Freie.

Der geschwollene Lord ließ die zwanzig Mann pikenbewehrter Stadtgarde, die ihn am Kärntnertor erwarteten, bis Mittag stehen. In einer Sänfte kam er, warf seine Kalbsaugen nach den zierlichen Mädchen, den auf Stelzen spazierenden Fräulein, ließ halten, um einer Gruppe Minoriten kopfschüttelnd unter die Kapuzen zu schauen. Am Hohen Markt war Gedränge; ein Umzug wurde erwartet. Mit Flöten und Pauken hoch zu Roß ließ sich die Bäckerinnung erblicken, weißstrumpfig Meister und Gesellen, perlgrau die Beinkleider, blaue Jacken, silberne Schnallen an den Schuhen. Vom Salzgrieß waren sie aufgebrochen. Über einen bekränzten blutjungen Gesellen auf schneeweißem Pferde wurden unter Jubelrufen aus Fenstern, Balkons Blumen geschüttet; angestemmt an die Brust trug er den riesigen Türkenbecher, drei erschlagene Janitscharen, ziseliert in Silber, dazu drei Bäcker und das Heidenschußhaus mit der entdeckten klaffenden Mine, dem Ort ihres Triumphes. In einer verschlossenen Sänfte hinter dem Lord fuhr man die beiden giftigen Pfälzer. Rusdorf hatte sich in Nürnberg englische Lakaientracht verschafft; nur unter der Bedingung, sie tragen zu dürfen, war er mit Pavel nach Wien gedrungen. Sie ängstigten sich hinter ihren Vorhängen, kein Wort ließen sie im Gedränge verlauten.