Es kamen viel neue, überall aber war ersichtlich, daß die Situation Keime zu Erregung und Zwistigkeiten barg und daß man einem bösen Wesen gegenüberstand. Es wurde klar, als ein Geistlicher von oben sich entschlossen unter Mitnahme eines Gebetbuches in das Treiben hineinwagte. Auf der Treppe drückte er das Buch gegen seine Brust mit der Linken, mit der Rechten hob er sein silbernes Brustkreuz vor sich. So dachte er bannend in den Saal zu schreiten. In der Tat, sobald er erschien, geriet alles in furchtbares Toben, das Geschrei nahm überhand, die Figuren fuhren toll umeinander. Zugleich aber zog sich der heiße Brodem um ihn in sonderbar spiralig schwebenden Wellen, rauchartig zusammen; wie er mit seinem Kreuz schlug, hingen Flammen an den Spitzen; sein Gebetbuch öffnete er in herausfordernder Ruhe, die Blätter kräuselten sich, wurden gelblich, an den Rändern tief braun. Und jäh brannte das Buch; der erschreckte öffnete die Hand, das Buch loderte am Boden. Wie er das zusammenrinnende bläulich überlaufene Kreuz losließ und gegen die verbrannte Hand blies, seufzte er aus tiefem Herzen auf; er streckte, die Augen schließend, schwarzhaarig, langgewandig wie er war, die Arme sehnsüchtig aus: schon vergingen in den scharfen Luftwellen um ihn seine Talarröcke, die weiten Ärmel. Er konnte tanzartig gehen wie keiner im Saal, einen schmächtigen Jünglingsleib trug er auf langen Beinen, die in Leinenhosen steckten. Aus unverschleierten großen blauen Augen blickte er, er sang hymnisch. Hell trillernd, alle siegreich übertönend, klang seine Stimme; so schön und freudig schmetterte er, daß die auf den Galerien sich mit kleinen Augen scheu ansahen, von gleichgültigen Dingen sprachen und das Beben in sich unterdrücken mußten. Er hatte ein leicht albernes Jungengesicht mit Stuppnase. Einer der beiden Schimpansen zog ihn bald an den Ohren hinter sich her, ängstlich folgte man ihnen, von leisen Angstrufen wurde der Gesang unterbrochen.
Es wirkte verführerisch auf die Massen, die sich an den offenen Türen drängten. Die Türmeister hielten die Stäbe vor, aber die Lockung war zu groß. Man lief, während der Dunst des Saals schwoll, in kleinen Rudeln hinein, hatte sich noch eben die Hände gereicht, war im Saal wie auf dem babylonischen Turm, mit verrenkten Gliedern, hängenden Zungen, sonderbaren Gebärden, fremd gegeneinander, von einer ungekannten Rastlosigkeit und Befriedigung erfüllt. Man lief wie im Traum gegeneinander, prallte voneinander ab, lief wieder gegeneinander, konnte sich darin nicht sättigen. Sie sprangen, schoben sich mit irgendwelchen Begierden in den Saal und dann waren sie jäh entgeistert, absonderlich verloren und verwirrt. Ein paar edle Herren gingen streng durch die Menge, hoben die Arme hoch, schrien den Hut schwenkend: „Hier ist der berühmte edle Soundso, lobt ihn, ehrt ihn“; mit feierlicher Grimasse spazierten sie weiter. Fragte sie einer: „Was kann der Herr?“ antworteten sie: „Alles was man will; nichts ist uns verborgen. Lobt uns, ehrt uns!“ Sie breiteten die Arme aus, nickten würdevoll.
Pferde tummelten sich unter den Menschen, auf denen Männer saßen. Hunde sprangen lüstern umeinander, es war kein Hund in den Saal gekommen. Eine Anzahl Herren blickten nach lauten Ausrufen ihre Umgebung an, dann verunreinigten sie den Boden unter Gestank, wiesen darauf hin, schienen hochentzückt, wieherten vor Lachen. Eine furchtbare Erscheinung zeigte ein Mann, dem die Tränen aus den Augen troffen; ihm war der Kiefer bis auf das Knie gesunken; ungeheuer schnappend mit klaffenden Lippen hing das Maul mit armlangen Zähnen; der Schädel und das obere Gesicht stand trübselig klein dahinter, die blicklosen Glotzaugen und das vertrocknete Bäuchlein mit den Beinchen, die wie Stiele unten tripp-trapp liefen. Er hielt sich bejammernswert an einer Säule auf; von Zeit zu Zeit trippelte er, schlürfte schnaubte schnarchte grausig. Schnüffelnd sich einem Menschen nähernd, faßte er den erstarrenden schreienden eisern bei den Händen, schlug den Oberkiefer wie eine Zange über ihn, rang sich den gebückten strampelnden in den Rachen, saugend, blauwerdend. Unter dem entsetzlichen Gekeif der Zuschauer würgte er das Geschöpf in seinen anschwellenden Leib. Man schlug, spie auf ihn, er heulte, schluchzte; Tränen und Speichel liefen ekelerregend von ihm. Nach kurzen Minuten war das Treiben um den Stummen wieder wie vorher. Nur bläuliche durchsichtige Schatten von Menschen setzten sich neben ihn; das waren, die er verschlungen hatte: sie suchten von Zeit zu Zeit in seinen Mund einzudringen, um ihre Leiber zu holen, aber er sperrte krampfhaft die Kiefern, schnatterte grimmig gegen sie mit den Zähnen.
Atemlos schweißbedeckt drängten manche in einer unsicheren Verzweiflung zurück an die Treppe, an die Saaltür, hatten sogleich ihre alte Gestalt wieder, lächelten lispelten ängstlich. Sie fragten, hatten ein Zittern an sich, brachen in Gelächter aus, als man ihnen erzählte, was unten vorging, drängten stürmisch fort. Manche waren, kaum bei sich, von einer Traurigkeit befallen, saßen fassungslos da, bedeckten das Gesicht.
Unter der Hitze im Saale, dem wachsenden Andrang stieg der Lärm. Die Menschen fielen sich gegenseitig an. Sie bemerkten sich allmählich. Wer nicht fortgeschlichen war, fand sich in seiner neuen Heimat zurecht. Plötzlich schwang sich der Hoppser, der unglückliche Offizier, mit einer, dann einer anderen Dame in die Luft; sie schrie, er juchzte, improvisierte, wenngleich nicht Herr seiner Sprünge, einen ungeheuerlichen klatschenden Tanz über den Köpfen des Gedränges. Er riß dem Riesenmaul einmal einen halberstickten aus den Zähnen; das Brüllen des Enttäuschten, das Keuchen des Befreiten, der schlapp auf dem Arm des Springers durch den Raum segelte. Die Hunde lagen verbissen im Kampf mit den Affen bald hier bald da auf dem Boden. In einem rasenden Entschluß fiel der singende Jüngling, plötzlich verstummend, die vorübertänzelnde Junge mit dem Pferdeschwanz an; sie schlug ihm den Schweif um den Hals, er warf sie um; sie schrie kläglich.
Eine Stimme rief, während grausig Massen von Tieren durch den Saal wogten, Pferde, Kühe, Eber, während blitzartig manche Erscheinungen wechselten, sich überkugelten, rief: „der Herzog, der Herzog.“ Immer durchdringender rief sie. Eine Feuersäule ging durch den Saal, sie sauste wie ein Wasserstrahl, streckte sich langsam gegen die Decke auf; im Wandern äscherte sie Menschen und Tiere ein, die nicht auswichen. Der beizende Qualm wallte durch den Saal.
Da schlug man auf den Galerien und von außen am Saal die Fenster ein. Erschütternd rasselte das Geschrei aus dem Saal und von oben. Die Feuersäule bewegte sich nicht. Wie an den Füßen abgeschnitten brach sie plötzlich zusammen. Der Rauch schwelte über die Diele, legte sich dick über die Geschöpfe, die hilflos im Tumult kreischten und sangen. In Stößen drang frische Tagesluft ein.
Nach diesem alarmierenden Vorfall erlebte die Bevölkerung um Prag und an anderen Teilen Böhmens eine ganze Reihe Teufeleien. Zwei Teufel hatten sich in der Hölle von ihren Ketten losgemacht und schweiften über den böhmischen Boden. Sie suchten besonders die Gegend bei Aussig, an den Felsenwänden des Ziegenberges, am Waltheimer Tal heim, ließen sich in der Abenddämmerung blicken, scheuten bald frech das Tageslicht nicht. In den Monaten April Mai sah man sie über die dreizipfligen Gipfel des Sperlingsteins mit den Spießen im Rücken herumlaufen, langen wippenden mit Widerhaken versehenen Stangen, die oberhalb der Hüften in ihrem Fleisch saßen, mit denen man aus dem Höllenabgrund geworfen haben mußte, als sie entwichen. Sie taten in diesen Monaten, als trügen sie wie müde Knechte der Artillerie ihr Schanzzeug da hinten in einer Lederröhre am Leib und als mochten sie es nicht von sich tun. Man entlarvte sie aber mehrfach, als sie leicht berauscht am Schlosse Tetschen die Mäntel von sich taten und unversehens die Bedienten der Losamente nach dem lustig schaukelnden Gestänge zugriffen, um es davon zu tragen. Ein mordsmäßiges Geschrei, schrilles Keifen und Jaulen erhob sich, die beiden Gevattern warfen die Arme hoch, ihre Augen hingen ihnen wie Äpfel vor der Stirn, ihre Leiber bogen sich nach vorn unter den schönen Westen zusammen, die Stangen zitterten, klirrten metallisch auf den Dielen, jach sausten die Gesellen, Rauch um sich schüttelnd, heulend in den Schornstein, von den Spießen lief grüner Saft herunter, noch vom Dach klapperten und pfiffen sie. Gegen Ende Mai war es aber in der ganzen Gegend, in der sie sich herumtrieben, schon zu bekannt, daß sie entlaufene Teufel wären. Sie hatten einmal selbst davon geplaudert, daß man sie bei einem Aufruhr in der Hölle nicht hätte bändigen können, die Aufruhrsucht in der Hölle wüchse von Tag zu Tag, es werde alles krank und ließe es auf Gewalt ankommen; sie seien nur die Vorläufer von ganzen Scharen. Die beiden konnten sich darauf nirgends mehr sehen lassen, und eines Abends bemerkten Viehtreiber an der Berghalde bei Bodenstedt ein stumm ringendes Paar im Klee, das anscheinend mit Spießen sich zu Leibe ging. Aber es waren Teufel, die geschworen hatten, sich umzubringen oder sich von den Stangen zu befreien. Sie warfen sich in heißem Kampf rechts und links; wie Schwänze, die hochgehoben waren, zappelten an ihnen die Stangen; plötzlich hob der eine den andern, ein Knall, ein rasender Schrei, Wimmern; der eine lag bleich bewegungslos auf dem Rücken, die Lanze dreißig Schritt zersplittert vor ihnen, der Sieger kroch nach ihr, beschnüffelte ihr Ende, von dem das grüne Satansblut troff. Er richtete den Bewußtlosen auf, fuhr ihm mit dem Arm in den Rachen, holte die Zunge zurück, spritzte ihm seinen brennenden Harn ein, wobei der andre würgte, sich wand und wieder zu sich kam. Mit Baumrinde verpflasterten sie das sickernde Loch am Rücken. Dann bellten sie wieder gegeneinander. Der Sieger lief heulend vor Neid um den geraden schlanken andern; der nahm die abgebrochene Eisenlanze, band seinen Gefährten an einen Baumstamm und fing an, lustig auf dessen Stange zu klopfen, darauf ihn zu bespeien und, des Jammerns nicht achtend, zu ziehen, bis er rückwärts stürzte, vom grünen Saft begossen, und jener bald verreckt wäre. Entschlossen stemmte sich der andre an ihn, preßte, Rücken gegen Rücken, die Wunde zu, verstopfte sie mit Pech, das ihm zwischen den Zähnen hervorquoll, und mit dem Körper eines toten Kätzleins, das gerade vor seinen Füßen lag.
So erschienen sie einmal unversehens zu zweit mittags vor der Wegkreuzung bei Bodenstedt, als nackende buschige Teufel, mit trappsigen Pferdefüßen, roten Fellen, stieren Glotzaugen, das schwarze Haar in Strähnen nach rückwärts gestrichen, kaum größer als ein zehnjähriger Junge, rauh miteinander schnatternd. Die Vögel auf den Feldern schwirrten vor ihnen auf. Plötzlich schwirrten die Teufel selber als Raben hinter einer Magd her, über deren Schultern sie fielen, hackend mit ihren spitzen Schnäbeln in das blanke Fleisch. Das gräßliche Gebrüll der Weiber und Knechte; das Geifern der scheugewordenen Ochsen, Flattern der Hühner und Quieken der Schweine war grausig. Die Bauern verbarrikadierten sich in ihren Häusern, läuteten Sturm. Nach einer reichlichen Stunde kamen zwei modisch gekleidete edle Herren des Wegs, hatten Lehm an den seidenen bebänderten Schuhen, schienen ermüdet. Sie sahen erstaunt auf der toten Dorfgasse um sich, riefen sanft nach Menschen, nach einem Trunk Wein, spielten mit ihren Degen. Zaghaft öffnete man die Laden; man fragte aus den Fenstern heraus, ob sie nichts gesehen hätten. Aber die hatten nichts bemerkt; nur einen abscheulichen Gestank hätten sie, wie sie verwundert erzählten, gespürt, aber der könnte von verwesendem Vieh herrühren. Die Bauern hätten sich für geäfft gehalten, wenn nicht die stumpfsinnigen Stalltiere auch jetzt noch heftig um sich geschlagen hätten; das Loch in der Schulter der Magd bearbeitete noch eben der Bader. Sie kamen heraus aus ihren Türen, erwiesen sich beglückt, daß gerade jetzt zwei edle Herren des Weges kamen, denen sie vertrauen könnten. Der eine der Herren betrachtete durch sein Brennglas mit Grimm und Freude, die seine Lippen umwulstete, das Loch in der Haut der Magd; die fuhr jammernd zurück, lief über die Gasse, es sei nicht richtig mit denen, der eine sei der Teufel, der sie gehackt hätte. Allgemein verspotteten die Bauern, die über die Gasse strömten, die Verletzte, dienerten vor dem Besuch. Gerade auf die rabiate Magd hatte es aber der eine Herr abgesehen; er ließ sich noch einmal die besalbte Wunde zeigen, er wolle sie auf italienische Art kurieren. Das Mädchen weigerte sich, der Herr wütete, lachte gell und drohend. Die beschämten und empörten Bauern schoben in einem Häuschen die Widerstrebende ab, er wies stolz das andere Gesindel hinaus. Da drin saß er mit der Magd allein, saß vor ihr, blickte sie an, weidete sich an ihrer Angst. Und während er grinste und die Arme hinter dem Rücken verschränkte, sich seine Nase lang herunterzog, hatte er plötzlich einen dicken starken Schnabel, weitete hob sich sein loser Mantel mit plusternden Federn, saß ein Rabe auf der Bank, stieß mit dem Schnabel in die Wunde, pickte, hackte, riß. Er flatterte um sie, die aufgesprungen war und unter entsetzlichem Geblök um sich schlug, drängte sie ab von der Wand, aus einer Ecke heraus, fuhr ihr gegen die Stirn, vor den kreischenden Mund, kratzte. Er krächzte und freute sich. Mit einem Bein krallte er sich an ihrem Schürzenband über der Schulter fest, dann patschte er in die spritzende Wunde hinein, hier verkniffen tastete er mit dem aufgebogenen Bein ihren Mund ab, riß ihr von der Nase herunter Schramme auf Schramme. Sein dicker fedriger Rumpf drängte sich an ihre erblichene Backe, der Schnabel hackte; auf ihre Nase springend verteilte er nach rechts und links auf die hochstoßenden Hände Hiebe zwischen die Haarwülste, die er auseinanderzerrte, zerzupfte; die starken Flügel schlugen blendend vor ihre Augen. So vertieft war er in den hitzigen Kampf, daß er das Klopfen nicht wahrnahm. Erst als die Tür gesprengt platzte, ließ er wild von ihr. Die draußen sahen noch den mächtigen Raben, seine Federn flogen. Aber schon gleichzeitig saß da und kam ihnen entgegen der degenklingende Herr, zornsprühend, blitzenden Auges, fest gegen sie geworfen: was sie sich erfrechten, er sei eben dabei, den bösen Geist, der in sie gefahren, aus ihr zu vertreiben; da lägen die Federn, nun sei er verschwunden; wüste ungebärdige Tröpfe und Tölpel, die sie seien. Die Hände hatte er auf dem Rücken; als er sie vorholte, waren sie bis an die Knöchel blutrünstig. In ihrem Schrecken sagten sie nichts, ließen ihn durch, die Magd schlug bewußtlos und schäumend um sich am Boden. Beim Wein in der Kammer des Pfarrers beruhigten sich die beiden Herren; sie feierten lärmend den Nachmittag über, bis gegen Abend der verwirrte Geistliche sich ermannte nach der Spätmesse; er wolle sie examinieren, was ihm und dem Dorf die Ehre brächte, von wannen des Weges sie kämen, dann —.
Und während er in der Küsterei nachdachte, war ihm schon, als wenn er wuchs, als wenn etwas Geweihtes aus ihm sprach; fast zornmütig war er und kaum zu halten, sich auf den Weg zu machen. Denn auch die andern Bauern hatte ein Verdacht ergriffen, sie standen vor dem Kirchlein, munkelten miteinander, fürchteten sich. Steckten die Köpfe in das Fenster des Pfarrhauses, die Gäste waren ausgeflogen. Der eine von den beiden, der sich im Hintergrund gehalten hatte, ging pfeifend in der Nachbarschaft herum, hatte Interesse an den Kornhäusern Backöfen Vorratskammern Viehställen, fragte rechts und links seine katzbuckelnden Begleiter, wovon sie meist lebten, was sie am meisten quäle und betrübe. Es war Mißwachs im Jahr gewesen, lange hatte der Regen gedauert, eine kurze Spanne, kaum eine Woche schien die warme Sonne, und man mußte mähen und einbringen, das schwarze Mutterkorn fiel über die Ähren. Der Edelmann, gänzlich unorientiert, sog die Neuigkeiten ein. Seine eindringlichen Fragen waren kurios; wenn aber welche aus dem Haufen über den Herrn lachen wollten und schon daherpolterten, so sah er blitzrasch mit einem gräßlichen ins Herz schneidenden, Blick an ihnen herunter; sie faßten sich an die Brust; es schien, als ob kein Mensch so schnell die Augen bewegen könnte. Zischend, leise, zum Boden schauend, fragte er nach seinem Freund, verschwand im Augenblick um eine Ecke. Schon schoß er wieder gegen sie, scheltend, wo also sein Freund wäre, ob sie ihm ein Leids angetan hätten, er wolle sich beschweren bei der Landeshauptmannschaft, bei der Prager Statthalterei, haderte, schrie, er wolle doch einmal wissen, wo sein lieber Geselle sei. Eine schwarze Henne gluckerte vor ihnen auf einem Dach; er krähte, gackerte sie höhnisch an, schlüpfte, über die Schulter weg den anwandernden Pfarrer erkennend, ihm den Hut entreißend, in die offene Kirche, gackerte noch grinsend an der Tür, er wolle seinen Freund suchen. Und schon schallte der Raum innen wider vom Toben, Lachen, Klatschen. Gegen den Pfarrer höhnte er hinter dem Altar: „Bring’ mir mein Brüderlein“, jauchzte, lockte, der Pfarrer suchte ihm den Hut zu entwenden, ein kalter Schleim sprühte ihn an, er wich voll Ekels zurück, stürzte im Entsetzen die Turmstiege herauf, riß das Glockenseil. Alarm läutete er über das Tal und die Nachbartäler. Die Nachbardörfer antworteten, er gab nicht nach, unablässig unter dem höllischen Krachen und Getobe unter sich riß er die Glocke und ließ sie sausen. Vom Altar zu den Beichtstühlen hüpften sie, kauzten schmutzverbreitend auf den Heiligensäulen Kruzifixen. Mit Wagen Äxten Feuerspritzen Löscheimern knarrten und trabten die Nachbarn an, staubend auf den Alleen. Der Pfarrer, angsterstarrt, sah und hörte im Regen und Anspannen seiner Arme nichts mehr. Auf dem Turm stand er noch, als die Glocke plötzlich hochanschwingend aus dem Stuhl flog, auf die Straße wuchtete und berstend ein Schwein erschlug. Der gleiche Schwung riß ihn zur Seite, er wehte der Glocke nach, zerknickte kopfaufgestellt. Der Raum selbst der Kirche begann zu beben, sich zu dehnen, zu weiten, ein Dunst von Kalk rann an ihren Wänden herunter, im Kirchturm klaffte plötzlich ein Loch, daraus zwischen fallenden Steinen zwei kupferrote geschwänzte Gestalten vorstießen im Zickzack. Aus der Luft meckerte es. In dem Tumult unten fielen sich die Dörfler an; die Nachbarn glaubten sich gefoppt von den Einheimischen, in rätselhafter Weise flammte bei den Leuten eine dunkle Wut auf, sich zu zerfleischen und zerkratzen wie unter einem wilden Juckreiz. Die Glocken der Nachbardörfer dröhnten; von Bergen herunter, die Bäche entlang wälzten sich schreiende Menschen, gräßlich tieffaltige Gesichter, dicke pralle Lippen, stöhnende Brüste, von der Arbeit, vom Essen, vom Schlaf aufbrechend, wo sie standen und lagen. Unten an dem geborstenen Kirchlein schlugen sich, zerrissen sich die verwirrten, sich selbst nicht kennenden Männer und Frauen. In den Kessel mußten sie. Wie sie stockten im Gedränge, schaute einer betrübt und leidend dem andern an den Hals, griff ihm um die Kehle; es war die Not einer gräßlichen zähneknirschenden umdampfenden Lust.