An den Wagen mit den Füßen gebunden, über Steine und Äste schleifend, Hände und Kopf aufruckend, niederklappend.

— Nach Wolkersdorf. In den Wald. Wie auf Wellen, gleitend, sinkend, gehoben. Die Füße rasselnd gegen Steine. An der Kohlenbrennerei vorbei; zwischen den kahlen Stämmen irrend durch Stunden.

Laues tauiges Wetter. Die Waldschneise. Der braunbärtige Einsiedler, dessen rechte Gesichtshälfte aus tiefen Geschwüren eiterte, fragte vor der Höhle, was er wolle. „Euch zusehen.“ Aber diesmal waren die Augen des fremden Handwerkers so begehrend, daß der Fromme vor der Höhle blieb und unter dem Vordach murmelnd betete.

Nach langer Zeit fragte er: „Was ist Euch geschehen?“ „Sprecht, sprecht, guter Mann. Erleichtert Euch.“ „Es ist nicht nötig, daß ich spreche. Ich komme zu Euch. Will Euch hören. Euer Gesicht ist zerfressen; seid Ihr deswegen aus der Welt gegangen?“ „Nein.“ Der Einsiedler hockte vor ihm, faßte ihn am Kinn, vertiefte sich in sein Gesicht, das er mit den Augen fast aufwühlte und umpflügte. Ferdinand griff inbrünstig nach seinen Händen. Der Einsiedler zog ihn in die Höhle.

Drin ließ ihn Ferdinand kaum auf das hohe Strohlager sich setzen, so stammelte, ächzte er: „Was, was, ist es, sagt mir, was ist es mit dem Satan?“ „Du hältst mich für einen Teufelsbanner?“ „Nein, nein.“ „Du glaubst, daß ich mich ihm verschworen habe, weil ich gezeichnet bin.“ „Nein.“ „Warum fragst du. Ich gehöre zu seiner Synagoge, glaubst du, ich habe mich vor euch versteckt, habe eine Salbe, laufe als Wolf herum. Darum kommst du hierher. Du bist Soldat, ich soll dir helfen.“ „Nein.“ „Wo ist der Schatz, den ich für dich heben soll.“ Sein Knie berührte Ferdinand. Während sich die Augen anfunkelten, verzerrte sich das Gesicht Jeremias, ein hoher Ton wie das Piepsen eines kleinen Vogels kam aus seiner Kehle: „Du bist ihm begegnet. Ich sehe es ja; du bist besessen. Du kennst ihn.“ „Ich weiß nicht.“ Flüsternd Ferdinand: „Bruder. Was ist mit ihm.“ Der lachte verzerrt, redete hastig: „Kein Gott kann so grausam sein wie das ist, was die Welt gemacht hat. Weißt du das?“ „Ja.“ „Siehst du, siehst du, du sagst ja, du wagst nicht nein zu sagen.“ „Ich werde dich nicht verraten.“ „Bruder, du wirst mich nicht verraten. Es ist alles Teufelswerk. Du brauchst keine Angst vor dir zu haben. Es gibt nur einen Teufel. Gott gibt es nicht. Den Teufel gibt es. Er ist so sichtbar, für alle Augen erkenntlich wie etwas. Alle Zeichen, die für den Bösen gelten, sind erfüllt. Die Verblendung ist unermeßlich.“ Ferdinand warf sich auf den nackten Boden, zitterte: „Das weißt du. Und die heilige Kirche.“ „Sei stark, wenn du suchst, Bruder. Wir müssen es ertragen. Ermatte nicht zu rasch.“ „Ich höre.“ „Jesus Christus hat es gewußt, Bruder. Ihn hat nicht Maria zur Welt gelockt und die Liebe Gottes: er hat das Böse vorausgefühlt und den Menschen dazu und wollte uns die Last tragen helfen. Sieh, Jesus ist dagewesen; er hat sich erbarmt, niemand kann die Fülle seines Erbarmens fassen. Er hat die Menschen gesehen, die Sünde gesehen, der Satan selbst ist an ihn herangetreten; man muß darüber mit Raschheit hinweggehen, was Jesus mit dem Satan besprochen hat. Niemand weiß es, es hat uns niemand gesagt. Sein Leben unter den Aposteln blieb in Dunkel gehüllt. Er ist schnurstracks seines Wegs gegangen und keiner hat sein wahres Gesicht sehen können. Niemand weiß es. Ich — Bruder —“ „Was ist dir?“

„Komm neben mich. Ich kann zu dir sprechen. Ja, du bist auch besessen. Du wirst mich nicht verraten. Willst du mir etwas glauben, willst du mich nicht für einen Schelm oder Trottel halten.“ „Ich bin zu dir gekommen.“ „Ich will dir erzählen. Wie meine Wange hier einsank, war es eine Angst, die ich hatte, plötzlich eine Stunde, einen halben Tag, einen gräßlichen höllensiedenden langen Tag. Ich — habe — sein — Gesicht gesehen, Jesus, des Gesalbten Gesicht —.“ Er zeigte flüsternd, die Augen aufreißend an der halbfinsteren Hinterwand der braunen Höhle einen lose herausragenden Wurzelstock: „Hier ist eine Wurzel; faß sie an, hier. Du kannst sie sehen, wenn deine Augen sich gewöhnt haben. Es ist dunkel hier. Ich bin Einsiedler und brauche die bunten Farben nicht. Hier ist es gewesen, eines hellen Tages, als die Sonne auf den Getreidefeldern lag, als ich ahnungslos hier eintrat. Das heitere Zirpen der Meisen. Da war er da.“ Er faßte wild ächzend die Wurzel an, um sie hingen Stricke und Kettchen und ohne sich um den Gast zu kümmern, wie gezwungen, entblößte er Brust und Arm; kraterförmig tiefe Geschwürsflächen unter dem Hals, über der halben Brust; er fing an sich zu schlagen, die Arme vor der Brust verschränkend, rechts herüber, links herüber peitschend, saß bald in der völligen Finsternis der Höhle, schob sich stürmisch gegen sich arbeitend immer weiter zurück.

Nach einer Weile hörten die Schläge auf, er rutschte mit geschlossenen Augen neben Ferdinand. Blut quoll an den Schultern aus dem groben Hemd, er saß still und keuchend neben ihm. Dann: „Hörst du mich?“ „Ja.“ „Ich will dir erzählen, Bruder. In einem Sonnenfleck da über der Wurzel. Bleib hier, du brauchst dich nicht fürchten.“ „Ich fürchte mich doch“, flüsterte Ferdinand. „Nein, du brauchst dich nicht fürchten. Ich erzähle dir ja nur. Gib mir deine Hand. Er ist ja jetzt nicht da. Er war hier in der Höhle. Es war so hell; meine Augen waren noch geblendet von dem Sonnenschein draußen, wie ich mich bückte, um hereinzukommen. Da bemerkte ich ein Loch in dem kleinen Lichtfleck, eine Höhlung, eine Vertiefung, als wäre Erde aus der Wand herausgefallen oder hätte ein Tier von innen gewühlt. Ich sehe drauf hin, das Licht geht nicht weg, warum rollt der Sand von der Wand, um das Loch herum, da bewegt sich etwas. Ich halte es für ein Tier, ein langfüßiges schwarzes, vielleicht eine Riesenspinne; es läuft so über das Licht. Das Rieseln und Zittern ließ nicht nach, der ganze Kreis, es kommt mir vor, weißt du Bruder, als ob er sich hebt, als ob es eine Metallscheibe ist, die sich beult. Ich traute mich nicht den Kopf zu bewegen. Mit einmal, als wenn mir die Augen herausgerissen würden, erkannte ich — sein Gesicht.“ „Wessen.“ „Seins, Bruder. Nicht doch. Du verstehst nicht. Es war so dunkel mit Haaren, Ohren, Augen, Kinn in der Helligkeit; die dünnen schwarzen Wangen zitterten ihm, als wenn er fröre oder verhindert würde den Mund zu öffnen oder die Lider hochzuziehen.“ „Bruder, wessen Gesicht hast du gesehen.“ „Und dann lief etwas Schreckliches um seinen Mund. Ich kann es nicht mehr sehen; ich kann seitdem diese Stelle nicht verlassen. Es ist kein Schwur, den ich getan habe, es ist — daß ich an diesen Ort genagelt bin. Ich möchte mich hängen an die Wurzel nur um zu leiden, zu leiden.“

Seine Haare hatten sich gesträubt, ihm strömten die Tränen aus Augen und Nase: „Bruder, du bist mir nicht gram, du wirst mich nicht verachten, weil ich gottlos bin. Ich leide, ich stranguliere mich, ich lege mich zum Rösten in die Sonne, um zu vergessen. Um ihn zu vergessen. Den da.“ Entgeistert wackelte der Braunbärtige auf seinem Platz, er bibberte, stotterte: „Oder mich vor ihn werfen; wenn mich nur einer zerreißen wollte.“

Ferdinand zitterte wie er: „Es war Christus.“ „Er hat Satan gesehen, ich ahne ihn nur; ich sehe die Welt, rieche ihre Verwesung — aber er kannte auch die Menschen, die Seelen. Der hat sich für uns geopfert. Er wußte, daß uns nichts überzeugen könnte als sein schmerzensreicher gräßlicher Tod. Christus Jesus hat sich verstellt für uns. Für dich und mich. Die größte Seele, er hat sich in die Wagschale werfen müssen.“ „Gegen den Satan.“ „Es hat ihn an den Satan herangetrieben, alle Freiheit, alle Selbständigkeit, die Lust des Lebens hat er von sich hingeworfen. Ihn wollte er von uns verscheuchen, von Mensch und Getier. Und —.“ „Was ist.“ „Du weißt ja allein weiter, Bruder, was ist.“ Er durchbohrte mit den Blicken den Kaiser, schrie: „Es hat nichts genutzt. Der Satan wiegt schwerer. Nicht einmal sein Andenken ist aufbewahrt, man weiß nichts mehr von ihm. Man weiß nichts mehr von ihm. Die Kirche hat ihn verschlungen.“ Ferdinand hielt sich die Hände vor die Augen: „O Bruder, was du sprichst.“ „Ihr braucht nicht ratlos sein. Ihr seid gut dran. Ich weiß. Man mißbraucht seinen Namen. Aber du weißt es ja auch anders. Du wirst mich nicht verraten.“ „Was tust du hier?“ Der Einsiedler warf sich dicht an ihn heran: „Du brauchst nicht glauben, was ich sage. Ich hab’ dir doch nichts Neues gesagt. Bleibe draußen. Sei fromm. Bist du mein Bruder?“ Ferdinand zog die Hände vom Gesicht.

Wie Ferdinand im Wald an einer niedergebrochenen Buche stand und von dem schweren Gefühl heimgesucht wurde: zwei Adler standen auf hohen Füßen hinter ihm, schlugen ungeheuer mit den Flügeln, Wind vor sich treibend, krachte sehr nahe ein Schuß. Die Stimme des Dieners: „Schützt Euch, Herr, schützt Euch.“