Es raschelte um sie im Wald, von den Stämmen lösten sich Menschen; in Sprüngen kam ein älterer säbelschwingender Geselle näher, stolperte über seine eigene Säbelscheide, griff Ferdinand an die Brust, riß ihn herum, sah ihm ins Gesicht. Einer mit einem Feuerrohr lief dicht hinter ihm; von allen Seiten sprangen sonderbare Kerle mit Pistolen und Knütteln an. Der Ältere, der Anführer, ein Mann mit einem kühnen Gesicht, fragte den Kaiser, wo die anderen wären. Ferdinand war sehr ruhig. Die Bande suchte in der Umgebung alles ab. Die Debatte zeigte, daß man sich vergriffen hatte; wer ergriffen werden sollte, erfuhr der Kaiser und sein mit Stricken gebundener Diener nicht. Man durchsuchte sie, wollte sie wieder laufen lassen.
Da fühlte Ferdinand plötzlich die tiefe Ruhe, die sich seiner während des Überfalls bemächtigt hatte.
Die Höhle des Einsiedlers.
Die Spinne. Was war das. Es kam ihm meilenweit vor, jahrelang fern.
Er konnte sich nicht trennen. Dem Anführer, der sich in einem Hinterhalt zu einigen gesattelten Pferden begab, folgte er trotz der Anrufe der anderen. Er fühlte, daß ihm befohlen war, mit dem gewalttätigen Kerl zu sprechen, der seine Wut an einigen Bauern ausließ, die bei den Pferden standen und offenbar mitgeschleppt wurden. Bei Wolkersdorf wüßte er einen Grafen, der morgen oder übermorgen zu einer großen Reise die Ausfahrt mache, er nannte einen beliebigen Namen, war glücklich, als der andere anbiß. Der Diener wurde von der Bande nicht losgelassen, Ferdinand nahm tuschelnd von ihm Abschied, der an ein Pferd gebunden war.
Als Ferdinand allein in der Höhle der Kohlenbrennerei war — wußte er nicht, was er vorhatte. Dachte kaum. Fühlte nur, daß ihm ein Glück zuteil geworden war. Ein sonderbares Glück.
Als wenn er eine glatte eingeseifte Bahn herunterrutschte. „Ich gebe nicht nach“, seufzte er noch im Scherz, und rutschte schon weiter den bekannten Weg, den er oft irgendwo gefallen war. Es war eine Freiheit, die ihn mit wachsender Stärke entzückte. Als wenn er das Ende einer Stange ergriffen hätte, an der er sich ruhig, mit geschlossenen Augen, entlang bewegen konnte.
Die Armeen, die der zu Friedland angesammelt hatte, standen massiert in Böhmen, starke Detachements hielten unter dem von Aldringen bei den Bayern; gegen Schlesien und die Mark waren Regimenter vorgetrieben unter Schaffgottsch, nach Süden gegen Budweis und Tabor beobachteten Abteilungen unter Marradas. Eine tiefe Lethargie hatte sich der Truppen bemächtigt. Ein eigentümliches Mißtrauen ging unter den Offizieren um. Man hatte seit dem heißen Leipziger Treffen, bei dem die Königliche Würde von Schweden ihr Leben lassen mußte, nichts getan, was Ruhm und Freude brachte. Märchenhaft weit lagen die Tage von Nürnberg zurück; die Söldner kamen und sangen von dem Burgstall bei Zirndorf, den der Bernhard von Weimar gestürmt hatte, wieder abgeben mußte und Hunderte seiner Knechte verlor. Von Wallenstein, der den König von Dänemark über Jütland weg in die Ostsee gejagt hatte, und den Mansfeld, den Bastard, den Durlacher und den Halberstädter ergriff, daß sie zerbrachen und sich nicht retten konnten. Italienische Fähnlein zogen herauf, einstmal von dem weinseligen toten Kollalto vor Mantua angeworben zur friedländischen Fahne: sie hatten Mantua geplündert, der Herzog von Nevers hatte nicht standhalten können. Nun lungerten sie seit Monaten herum auf schlesischem Boden, vor den sächsischen und schwedischen Heeren, verlagen.
Die Meister der Artillerie häuften die Kugeln an zu Bergen, verkauften sie heimlich an fremde Unterhändler. Die Stückknechte und Büchsenmeister wüteten widerwillig gegen Rost und Staub. Der Arkebusier trug ein Schußgewehr und zwei Pistolen, die Offiziere schrien, wenn sie den Degen umlegten; warum sollte man sich mit dem schweren Gewehr und Pistolen schleppen. Konstabler Schneller Schanzbauern Granatiere Minatoren Bergknappen Pontoniere Petardierer schleiften ihre Füße durch den Lehm des Artillerielagers, ließen untätig die Mäuler hängen, verfluchten Granaten Petarden Lunte Ladungskapseln. Schlichen davon zum Schweden, Sachsen. Fragten wo Krieg sei. Immer noch liefen Neugeworbene an; wurden zu besonderen Fähnlein zusammengeschlossen, nach einundzwanzig Kommandos wurde die Pike exerziert, neunundneunzig Tempi brauchte das Feuern und Wiederladen, hundertdreiundvierzig Kommandos die Musketen; die Alten standen dabei, grinsten und zogen mürrisch weiter. Auch in die Jungen wurde Mißtrauen gelegt, die Strafen stiegen, Wippgalgen, hölzerne Esel wurden überall vermehrt. Die alten Söldner freuten sich mit Grimm: es war das einzige, das sie an die früheren Jahre erinnerte. Heiß wurde draußen geworben, die Agenten ließen trommeln: hundert Gulden Werbegeld, für den Tag zwölf Kreuzer. Während die Rotten zuströmten, schmolzen innen die Heere aus, zogen die neuen in den Schwund hinein; das leckende Rinnsal war nicht zu stopfen.
Heftigkeiten kamen vor. Gegen Artilleristen, die an sächsische und schwedische Händler Munition und Stückkugeln verkauften, verbanden sich Freifähnlein von Kürissern, legten sich in Hinterhalt, nahmen den Betrügern das fremde Geld ab; stießen einige nieder; sie selbst erzwangen sich Aufsicht über größere Waffenlager; ihre heimliche Verpfändung und Verschleuderung betrieb man dann im Verein. Offiziere wurden in solche Affären mit hineingerissen, gegen die Generalspersonen wurden die Vorfälle geheimgehalten, Mannschaften und Offiziere riskierten Posten und Leben. An der bayrischen Front und nach Schlesien hin brachen Fähnlein und Rotten aus, führten auf eigene Faust Krieg. Durch die schärfsten Mandate war Aldringen wie Graf Schaffgottsch bedeutet, jeden Kampf zu verhindern, Plänkeleien und Provokationen zu bestrafen. Die Truppen waren nicht zu halten, die Obersten mußten froh sein, wenn die Abteilungen von ihren wilden Exkursionen zurückkamen und sich den vorsichtig sanften Strafen beugten und nicht einfach beim Feind blieben. Die Offiziere gewöhnten sich, Spione und Vertrauensleute bei den einzelnen Regimentern zu halten, um jedem Ausbruch von vornherein zuvorzukommen; es war ein gefährliches Mittel, das sich oft gegen die Offiziere selbst richtete. Denn bisweilen verrieten sich die Spitzel, wurden erkannt, gegen die Offiziere wurden Anfälle unternommen, die Truppe wankte, die Führer mußten gewechselt werden.