Und die andern schrien nicht mehr Hunger, sondern schon Rache an den Protestanten für die Ablösung jener Stifter und Güter. Der hitzige Abt von Strahow sprach offen aus: Die Kirche habe in der Agonie gelegen vor Jahrzehnten, da sei das Luthertum über sie hergefallen und habe sie ausgeplündert; Leichenraub sei geschehen; das Unrecht muß beseitigt werden, Strafe muß folgen. Mit Strahow sprach ein Profoß der Jesugesellschaft in Wien, sie gingen vor einem wachsenden Klosterneubau hin und her; der Jesuit lobte den Eifer des Abtes, lobte seine Argumente, fand sie nur unvollständig. Und den sehr erstaunten Abt beglückte und stärkte er mit dem Hinweis, zum Leichenraub gehörten zwei, einer der stirbt, und einer der lebt. Ist es ein Verbrechen des Luthertums gewesen, daß es damals lebte; ist es ein Ruhm der heiligen Kirche gewesen, daß sie fast hin war? Wenn Unkraut auf dem Acker überwuchert, kann das Korn nicht gedeihen; wenn das Unkraut ausgerissen ist, findet das Getreide Platz: da ist Recht und Unrecht. Nicht beim Unkraut und Korn, wohl aber beim Gärtner und Bauer. Die Kirche hat Gärtner gehabt, die ihre Äcker nicht gepflegt haben. Jetzt werde man alles nachholen und sich nicht hindern lassen. Heraus mit dem Unkraut; Raum für das blühende Getreide.
Die Kirchenherren erreichten, daß der Abt von Meggau sich an den Herzog von Friedland mit einem Schreiben wandte, was er der Majestät rate und welche vermutlichen militärischen Folgen sich aus einem Zugeständnis ergeben würden. Der Herzog saß in Wismar, organisierte eine deutsche Kriegsarmee gegen Dänemark und arbeitete der drohenden schwedischen Invasion entgegen. Er gab schriftlich von sich, daß man ihn nicht mit Politik befassen möge. Herr von Strahlendorf, Fürsprecher der Rückgabe im Geheimen Rat, drang in das Wismarer Rathaus ein. Was, fragte Friedland verärgert den edlen Herrn, an dieser Angelegenheit denn so wichtig wäre, daß man einen besonderen Befrager an ihn entsende. Als Strahlendorf mit Wärme dargelegt hatte, welches Unrecht der Kirche geschehen sei, schloß der hagere General kurz und den Herrn an die Tür drängend, die Kriegstage erlaubten ihm keine langen Debatten; gehörten die fraglichen Güter der heiligen Kirche, so würde das Reichskammergericht das Urteil fällen; er käme nur für die Exekution in Frage. Erst bei den stockenden Bemerkungen des langen Grafen, daß der Kaiser nicht recht für die Sache zu haben sei, wurde der General aufmerksam, warf seinen schlauen stechenden Blick. Er ließ seinen Freund, den jovialen Arnim von Boitzenburg, in das Zimmer rufen und fragte ihn, den Protestanten, in Gegenwart des kopfsenkenden Grafen, ob er Lust hätte, Magdeburg für die Katholiken zu erobern. Und auf das Erbleichen des Mannes und sein unsicheres finsteres Hin- und Herblicken; gab er ihm die Hand: dies sei ihm nicht zugedacht von ihm, dem Herzog, sondern — irgendwoher, wo man anscheinend Hunger hätte nach dem Rind, aber keine Leine, es zu fangen. Er möge nicht beunruhigt sein, für dies Rind hätte er auch keine Leine. Dies sei, schmähte er nach der Entlassung Arnims gegen Strahlendorf, seine Antwort an ihn: der Krieg habe nichts mit Religion zu tun, man möge nicht Schwierigkeiten machen. — Aber er sei doch Katholik, hob nach langer Pause der Graf den Kopf; ob er es nicht für billig ansehe, Vorteile, die sich aus der Kriegslage für die Religion ergäben, zu benutzen. — „Man denkt vielleicht wieder“, sagte der General, „mir einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Wenn ich katholisch bin, ist es meine Sache; mag den Herrn nicht scheren. Ich lause Rebellen in derselben Weise, ob sie katholisch oder lutherisch sind.“ Darauf wiegelte sehr ruhig Strahlendorf ab, es sei nur eine Anfrage gewesen, die er nicht verübeln wolle; es gäbe in einem Reich vielfache Interessen, regten sich viele Wünsche. Mißtrauisch betrachtete ihn Wallenstein in der Nähe: „Der Kaiser ist wohl dem und jenem zu stark geworden. Möchten ihn etwas zwicken. Möchte wohl auch der und jener im Trüben fischen. Laß er sich nicht zum Werkzeug verkappter Schelmereien machen.“ Strahlendorfs Abschied war nicht gnädiger als sein Empfang.
„Man will ihm an den Kragen,“ streckte Friedland die Arme über sich am Fenster, als Arnim nach Strahlendorfs Abschied wieder eingetreten war. „Sie wollen ihn unter den päpstlichen Hut drücken. Er ist ihnen zu groß, schon jetzt viel viel zu groß.“
„Fühle sich Herzogliche Gnaden nicht durch mich gebunden oder beengt in ihren Entschlüssen. Arnim kann in Boitzenburg seinen Kohl bauen, oder bei den Polen fechten.“
„Es liegt nicht an Euch, Herr Bruder. Hab’ er vielen Dank. Man will ihm an den Kragen, dem Kaiser. Das ist es.“
Er stieg durchs Zimmer: „Sieh da, sieh da, die Liga lebt noch. Man wird den Herren den Kopf vor die Füße legen müssen.“
In Rom residierte im goldenen Vatikan ein Panther, Maffio Barberini, der achte Urban. Man konnte nicht sagen, er verstünde seine Zeit nicht. Zur Macht war er gekommen, indem er beim Konklave beiden Parteien schwor, er sei der Todfeind des andern. Über den Eingang seines Theaters schrieb er, er denke nur an die Sicherheit der Kirche. Vierzigtausend Mann konnte er aus dem Rüstzeug des päpstlichen Arsenals bewaffnen. Das Castell Franco baute er an der Grenze des Bolognesischen, armierte in Rom Sankt Angelo. In Tivoli arbeitete seine Waffenfabrik. Er wollte statt marmorner Denkmäler eiserne. Als jenseits der Alpen der Krieg auf die Höhe stieg, erneuerte er die Nachtmahlsbulle in coena domini, verfluchend Ketzer, Hussiten, Vicklifiten, Lutheraner, Zwinglianer, Calvinisten, Hugenotten, Trinitarier, Wiedertäufer und die Meerpiraten. Zerschmettert sollten die deutschen Ketzer werden, die gestohlene Habe ihnen wieder entrissen werden und der Kirche zufallen.
Schon während der militärischen Aktion erklärten seine Gesandten am Wiener Hofe, die Kirche verlange, wo die Macht des Kaisers, des Kirchenvogtes, dazu ausreiche, daß Anstalten getroffen werden, ihr zu ihrem rechtlichen Besitz wieder zu verhelfen. Witzige Gesellen am Hofe lachten: Wallenstein sollte marschieren, um dem Papst Magdeburg Halberstadt und die anderen deutschen Stifte wiederzuerobern. Es bedurfte nicht des Lamentos der Ligisten, der entrüsteten Hinweise des bigotten Grafen Strahlendorf, um einen Sonderlegaten nach Wien zu rufen, als die Glocken den Sieg in den Straßen läuteten. Schon bereiste eine geheime päpstliche Kommission die besetzten Gebiete und das übrige Deutschland, um für Urban die kommenden Einkünfte abzuschätzen; er hatte vor, mit diesem Gelde die Grenzen des Kirchenstaates vorzurücken, die Liga gegen den gefährlich übermächtigen Kaiser zu unterstützen, Frankreich gegen Spanien zu helfen. Dem abreisenden Nuntius blies Urban bei verschlossener Kammer in die Ohren: „Die Kirche hat nie frömmere Fürsten gesehen als die deutschen und den Kaiser Ferdinand. Das weiß ich. Aber es wäre schrecklich, wenn sie nicht die Frömmigkeit besäßen. Schließlich rechtfertigt nur der Glaube ihre Entsetzlichkeiten und schamlosen Räubereien. Der Kaiser mag uns bitten, die Stifter anzunehmen und auf Ersatz der verlorenen Jahre zu verzichten; wir werden erwägen, ihm einen Anteil am Ertrag, ihm und der Liga, zuzugestehen. Vergeßt nicht, einmal die Bemerkung hinzuwerfen: Ihr hättet von mir das Wort gehört, die Welt verlöre ihr Gleichgewicht ohne Frankreich, und damit verbeugt Euch vor Habsburg; man wird Euch verstehen. Im übrigen liebe ich Frankreich nicht mehr als Deutschland; der Tisch der Kirche ist groß genug für viele Kinder.“
Und zu seinem Unwillen wurde Ferdinand aus Wolkersdorf durch Boten Eggenbergs nach Wien berufen; es sei eine feierliche päpstliche Nuntiatur eingetroffen, die in besonderer Sache empfangen zu werden begehre. Im spanischen Saal, matt in den Armlehnen hängend, wie ein Wundervogel ohne Begierde durch die Käfigstangen den Schnabel steckend, hörte Ferdinand milde und still neugierig den vor großem Gefolge im Kardinalspurpur gestikulierenden Italiener an. Noch einmal ließ ihm der Heilige Vater und nun mündlich Glück zu dem Siege wünschen, dessen Gerüchte den Weltball erschütterten. Es sei durch die Frömmigkeit und Tugend Habsburgs vornehmlich geschehen, daß sich die trauernde Kirche aus ihrem Jammer erhoben habe und nun majestätisch um sich blicke, die Braut Christi, die ein süßes und dankbares Lächeln denen spende, die ihr Schwertträger gewesen waren. Dies aller Welt zu verkünden in feierlich offener Audienz sei dem Papst Urban Herzensbedürfnis. Mögen auch die noch nicht Unterworfenen und unter das Schwert Gefallenen wissen, wessen sie sich zu vergewärtigen haben, wofern sie in Starrsinn verharren. Die Heilige Kirche aber stehe nicht an, ihre Freude zu äußern, wo sie ihre Kinder wieder um sich sammeln wolle, die heimtückisch von ihrer Hand gerissenen Hochstifte und Klöster, die sie mit Jubel an ihr Herz drücke, alles Vergangene vergessend. Sie nehme sie entgegen aus der Hand des kaiserlichen Hauses, dem sie im Glück ihrer Brust keinen Vorwurf über den erlittenen Verlust mache.
Zugegen waren bei dieser Audienz fast alle Herren des Geheimen Rats, die Gesandten Bayerns, Kursachsens, die Vertreter der geistlichen Fürsten. Sie hatten maskenhafte Gesichter, mit keiner Bewegung ihre Anteilnahme verratend. In Ferdinand zog sich, während er zuhörte, ein gräßliches Gefühl zusammen, das ihm den Mund verpappte, sich mit Hitze und Beengung auf ihn legte. Er sollte überfallen werden. Man überfiel ihn: man wollte ihn vor die vollendete Tatsache stellen, daß das Reich geplündert wurde. Ihn, den Kaiser; sie wußten, daß er es nicht zulassen würde. Man wollte ihn zum Erwachen bringen. Er war überflutet, nicht imstande, seitlich zu ihnen hinzublicken. Bestürzt reichte er dem stolzen tönenden Kardinal die Hand.