„Was war das? Was war das?“ flüsterte er, in sich verwirrt, auf den Korridoren. Er saß kaum eine halbe Stunde, als Eggenberg und Trautmannsdorf angemeldet wurden, während er selbst auf die Mantuanerin wartete. Der Habsburger, noch im großen Ornat des Empfangs, in die Ecke eines Armstuhls geschoben, über dessen Lehne Purpurmantel und Schärpen bauschig herabfielen, als gehörten sie nicht zu diesem Manne. Seine Kammer halb dunkel.

Als sie eintraten, machte er, ohne die Arme zu bewegen und sich aufzurichten, ohne sie anzusehen, wagerechte Striche mit den bedeckten Händen, hauchend: „Nicht sprechen. Nicht nötig. Der Besuch ist geschenkt.“ Die beiden, erschüttert, wie er im Audienzornat, wollten unter Verneigungen auf dem Teppich näher treten; er winkte gleichmütig weiter: „Ihr stört mich. Nehmt an, ich hätte euch schon angehört. Ich billige eure Argumente. Es ist gut.“ Eggenberg: „Wir haben keine Argumente. Wir wollten eine Erklärung abgeben.“ „Empfangen. Danke. Die Herren sind entlassen.“ Der schmerzbewegte Fürst: „Was haben wir verschuldet?“ „Ich erwarte die Kaiserin. Ich danke.“ Er strich immer weiter vor sich in die Luft. Trautmannsdorf grub sich die Nägel in die Handteller: „Auf die Gefahr, den Zorn der Majestät herauszufordern: wir sind nicht schuld. Den Satz muß ich gesagt haben.“ Fast mitleidig drehte sich ihm der Kopf Ferdinands zu, die linke Hand fuhr leicht in die Höhe: „Welchen Satz?“ „Daß wir nicht schuld sind. Der Kardinal hat uns bloßgestellt.“ „Wie sonderbar.“ „Eine feierliche Danksagung an Eure Majestät, die Überbringung des päpstlichen Segens war verabredet.“ Wortlos, ohne seine Lage zu verändern, ließ der Kaiser minutenlang von einem zum andern seine weißen Augen gehen: „Was wollt ihr mir erzählen.“ Eggenberg, mit tiefer, wutzitternder Stimme: „Es ist nötig, beim vatikanischen Stuhl zu protestieren in aller Form, wie der Kardinal hier verfahren ist. Gegen den Anstand, gegen Treu und Glauben.“ „Das wollt ihr mir erzählen.“ Eggenberg standen die Tränen in den Augen; voll Bitterkeit sah er auf den Boden. Der Ausdruck des Kaisers veränderte sich, seine Stimme klang entspannter: „Graf Trautmannsdorf, es ist wahr, man hat euch übertölpelt?“ „Es ist ein schwacher Ausdruck für das, was vorgefallen ist.“ „Und ihr beide und andere?“ „Vor uns hat der Kardinal geredet, ohne daß wir uns dessen versehen konnten.“ „Er wollte, er hat erreicht —“ „Gut, Graf Trautmannsdorf.“

Der Kaiser bog den Kopf zur Zimmerdecke, gerade auf das goldene hohe Kruzifix, sein Gesicht wurde wieder gleichmütig; wie er den Kopf gegen die Schulter ablegte, atmete er erleichtert. „Mich freut, daß ich nicht allein überrascht bin und daß ihr meine Freunde seid. Daß ihr nichts gegen mich gewollt habt. Wahrhaftig, Eggenberg, hättet ihr wieder mit mir so getan wie vor einiger Zeit, so hätte ich“ — der Kaiser sprach sehr leise, versunken, monologisch — „kaum noch Lust gehabt zu irgend etwas. Es hätte mich genug gedeucht hier. Ich dachte vorhin: dieser Tag, mich auf meinen Heiland zu besinnen, sei heute gekommen. Gegrollt hätte ich euch nicht —, qualvoll war es nur für einen Augenblick. Geht. Ich danke euch.“

Die Herren traten zögernd nach Verneigungen ein paar Schritt zurück. Dann bat, hingewandt, Eggenberg um Vergebung; was man tun solle, sachlich; wie sich die Majestät zum Heiligen Vater und zur Stifterfrage stellen werde. Es sei genug, äußerte der Kaiser erst, den Kopf in die linke Hand gestützt. Dann mit verhauchender Stimme: den Heiligen Vater respektiere er immer; er habe ja Vollmacht, zu lösen und zu verdammen; worum handle es sich? Um die Stifter —; er werde auch darüber nachdenken.

Dann kam sie hinter den Damen und ihrem Obersthofmeister, die sich ehrfürchtig zurückzogen. Sie half ihm aus den schweren Prunkmänteln und Schärpen heraus. Schwer ließ sie die Stoffe auf den Teppich rauschen. Er saß noch erschöpft, die linke Hand den Kopf stützend, sprach wenig. „Ich denke,“ sagte er, als sie ihn bedrängte, „unser Leben ist nicht lang. Ich wäre heute bald aller Schwierigkeiten Herr geworden.“ — „Ich wäre,“ flüsterte er später, „bald so gegangen, wie mein spanischer Vorfahr, der fünfte Karl. — So durchschauert hat es mich.“ Bleich, langgezogen das tieflinige Gesicht, aufgerissen Mund und Augen, suchte sie mit ihrer linken Hand seine rechte, die zwischen seinen Knien hing, zu fassen: „Du wolltest ins Kloster.“ Sie krümmte sich auf ihrem Stuhl, sie schlug ringend die Arme zusammen: „O, du hattest recht, Ferdinand. O, hattest du recht.“ Sie schlang ihren linken Arm um seine Schulter, er ließ sich zu ihr herüberziehen, still sie anschauend, deren Augen fast delirierten: „Es gibt nichts als den Himmel und Maria, Jesus, die Heiligen, Ferdinand. Wir können nichts weiter tun, als uns zurechtmachen für die Seligkeit. O, wie freue ich mich, daß du sie finden willst. Ich bin glücklich bei dir, mein Leben.“

Er ließ sie sprechen und stammeln. Seine innre, wie wartende Ruhe wurde in diesen Tagen selten unterbrochen. „O, gib nicht nach, Ferdinand,“ flüsterte sie, sich über ihre Knie werfend, „sei da, wenn es dich ruft. Ich will bei dir sein.“

Ferdinand zog das linke Augenlid höher. Er betrachtete sie von der Seite her, rief sie an. Er rief sie nochmal an. Verloren schob sich die Mantuanerin auf. „Eleonore, willst du mich anhören? Dies ist ja vorbei. Es ist an mir vorübergegangen für jetzt. Man ist an mich herangetreten mit Vorschlägen. — Laß mich das überlegen mit dir.“

„Ich kann nicht. Verzeih’ mir.“

„Was hat man von mir gewollt? Schlechtes und Niedriges sollte ich dulden. Es könnte ihnen passen. Ja, ich gefalle ihnen nicht.“

„Willst du mir verzeihen, Ferdinand, daß ich dir nicht folgen kann. Rufe den Beichtvater, oder, es soll ein päpstlicher Legat am Hof eingetroffen sein: er wird dir helfen.“