Das war wieder der Fremde. Sie stand auf. „Wohin willst du?“ fragte er höhnend.

Sie kniete vor seinem Kruzifix.

Tage gingen hin; täglich marterte sich lange Stunden der Kaiser im Gebet neben der Mantuanerin. Lamormain, der große Beichtvater, trat an ihn heran. Ferdinand erhob sich mühsam, verstört aus den Andachten. Lamormain pries den Kaiser, daß er im Glanz des Siegerruhms den demütigen Glauben, den kindlichen Gehorsam bewahrt habe. Die schmächtige Kaiserin lief, nachdem sie rasch vor dem lächelnden hinkenden Jesuiten ein Knie gebogen hatte, aus der Kammer mit stürmischer Atmung. Mit lahmen Füßen schleppte sich Ferdinand an seinen Sessel, seine Hände zitterten. Dumpf, leise sagte er: „Ich danke.“ Hing an den Lippen des Jesuiten, bückte sich in sich, fiel zusammen. Beichtete ihm.

Dem Beichtvater gab er am nächsten Tage den Entscheid über die Stifter: Er sei mit sich zu Rat gegangen, habe Maria und die Heiligen fleißig und innig angerufen. Durch die Gnade dieser Himmlischen sei ihm zuteil geworden, daß ein furchtbar schwerer Feldzug beendet, der einen glücklichen Ausgang bis zur Stunde genommen habe. Sein Thron sei gefestigt worden, der erst so unsicher war wie sonst etwas Irdisches. Nun habe man ihn angegangen um Wiederherstellung kirchlichen Eigentums, das im Laufe der Jahrzehnte verlorengegangen sei. Er hätte sich schon früher dem nicht verschlossen, daß den geistlichen Gewalten ein Recht auf diese Güter zustand. Aber trotzdem hätte er sich gesträubt, um nicht neue Unruhen im Reich entstehen zu lassen. Ihm sei gewiß, daß er nicht wohl daran tat, sich zu sträuben. Die Kirche müsse belohnt werden für die unsagbare Hilfe der Gebete. Die armen Seelen, die in jenen Stiftern den Ketzern anheimgefallen seien, wiederzugewinnen, müsse er sich bemühen als gottergebener Mensch, geschweige als Kaiser. Ihm, seinem Beichtvater, müsse er gestehen, wie er geschwankt habe, sündig und zage. Er wolle von der Sünde befreit werden. Der Pater lächelte: „Glücklich der Mensch, dem es verliehen wurde, seine Macht zugunsten der Heiligen Kirche zu verwenden.“

Papst Urban der Achte, an seinem goldenen waffenklirrenden Hofe umgeben von Artilleristen Ingenieuren Landmessern Intriganten von Legaten Vizelegaten Notaren, nahm in Gegenwart des französischen Botschafters die Meldung seines Nuntius mit Freude auf. Er bezeichnete es im übrigen als Selbstverständlichkeit, daß diese Maßnahme des Restitutionsedikts getroffen wurde, und schließlich als eine kaum verzeihliche Lässigkeit, daß sie erst jetzt getroffen wurde. Die Franzosen beglückwünschten ihn im Auftrag des dreizehnten Ludwig, dessen Gevatter der Papst war. In Urbans Namen erklärte dem deutschen Gesandten Paolo Savelli der Kardinalstaatssekretär Franzesko Barberini, der Papst fühle sich durchaus nicht bemüßigt, eine Dankprozession angesichts der Verkündung der Restitution zu veranstalten, auch lehne er strikte ab, dem Kaiser die erste Besetzung der verlangten Bistümer zu konzedieren. Was dem Heiligen Stuhl zustehe, hielte er fest.

Eggenberg hatte mehr für den kaiserlichen Hof erhofft. Aber eisig kam aus Rom die Nachricht, der Papst gedenke die Hälfte der Renten aus den neu erlangten Stiftern der frommen Liga des bayrischen Maximilian zuzuweisen. Fein lächelte darauf Trautmannsdorf den Fürsten an, auch der Abt von Meggau sah auf den Boden; aber jetzt hielt Eggenberg alle Blicke aus. Sehr fest äußerte er, ihn freue, ja freue die Nachricht; den Kaiserthron auf breiten Fuß zu stellen, sei sein Bemühen; man werde mit Bayern zusammenarbeiten müssen, auf Bayern sich stützen können. „Zu welchem Zwecke“ — Meggau blickte vor sich — „haben wir den Herzog von Friedland gerufen?“ Eggenberg: „Ihr werdet es einmal lobpreisen, was ich sage; der Kaiser ist nicht vom Teufel befreit, um dem Beelzebub anheimzufallen.“

Die schmähenden Worte, die unverhüllten Drohungen, die aus den mecklenburgischen Quartieren an den Hof drangen, gelangten nicht an den Kaiser. In unbestimmten Wendungen überbrachte ihm Graf Strahlendorf die friedländische Ansicht; verschleiert, ernst, mit stiller trächtig schwerer Zärtlichkeit hörte Ferdinand den Bericht. Plötzlich fuhr er auf, warf erregte Blicke, ging auf und ab: „Wer ist dieser Friedland? Wie kommt er dazu, mich mit der Heiligen Kirche in Widerspruch zu bringen? Wie kommt irgend etwas dazu, mir mein Seelenheil zu nehmen?“ Er stand klein, mit gequältem Blick vor dem sehr stolzen Grafen, schwitzte. Und wie als Buße für Vergehen gab er doppelten und strengen Befehl, der Kirche nichts vorzuenthalten, weder an Gut noch an Seelen.

In diesen Tagen gab er das Edikt heraus, daß in allen neu eingezogenen und von kaiserlichen Truppen eroberten Gebieten der alte Grundsatz der Glaubensfreiheit aufgehoben und beseitigt werde, als nicht vereinbar mit kaiserlichen Pflichten gegen die Kirche; mögen die, die andern Glaubens seien, die eingezogenen Länder verlassen, dies sollte ihnen freistehen. Die herrscherliche Fürsorge und Verantwortung erfordere Anwendung des Satzes: Wessen Land, dessen Bekenntnis; die Auswanderer hätten den zehnten Teil ihres Besitzes zu hinterlassen.

Wie zur Sühne war das Edikt hingeworfen, und der Kaiser, von der fast irren Freude der Mantuanerin umfaßt und gestachelt, sättigte betäubte sich in der Übertreibung seiner Durchführung. Es dünkte ihm ein Glück, Vogt und Schwert der Kirche zu sein. Und einen Triumph empfand er über Wallenstein: er hatte sich über ihn erhoben, hatte ihn besiegt. Wallenstein war das Blinde, Mechanische, das Schwert; der Herzog verstand nicht, daß es noch etwas anderes gab als die Unterwerfung von Ländern. Er war Meister über ihn. Herzlicher als vorher liebte er Wallenstein, der Gedanke an Wallenstein machte seine Augen verschleiern, ein trunkenes Glücksgefühl schlug durch seinen Leib; die Knie zitterten ihm manchmal, wenn er an Wallenstein dachte. Er fühlte den Herzog sonderbarerweise noch fester an sich gebunden, weil er ihn abgewiesen, gestoßen und verwundet hatte. Wie ein warmer Dunst schwelte in ihm das angenehme Gefühl: der Herzog rast jetzt meinetwegen, er ist bestial, er ist ja ein Untier, er flucht mir, er möchte mich zerreißen. Zum Lachen schön war die Vorstellung.

Er ließ sich melden, welche Maßnahmen getroffen seien, welcher Stifter man sich bemächtigt habe. Wieder zogen vor ihn jammernde Abordnungen einzelner Städte und Hochstifter von protestantischer Religion, er nahm sie an, nur um über ihren Schmerz zu triumphieren und demütig die Anerkennung aus den Augen und Mündern der Jesuiten entgegenzunehmen. Die Mantuanerin war zugegen bei dem kläglichen Schauspiel, sie genossen es gemeinsam als ihr Werk.