Aus Dänemark vernahm man durch die ernannten Kommissare von der tiefen Bestürzung des geschlagenen Christian und der von Tag zu Tag wachsenden Leidenschaft und Begeisterung des Volkes; die grausamen Friedenspunkte des Friedländers waren das Signal zu einer ungeheuren nationalen Erhebung.

Die Prager Helfer des Herzogs hielten sich in dem Güstrower Schlößchen auf. In dem verräucherten schmalen Speisesaal vor Arnim und schweigenden Offizieren scholl der Lärm des Friedländers: „Der Krieg hat sich gewendet. Wir haben gesiegt, aber zum Schluß muß ich mich mit dem giftigen Dänen verbinden und über den Kaiser herfallen. Meine Freude, Ihr Herren!“

„Setze Euer Liebden den Wiener Hof her,“ schmähte Arnim, die Fäuste ballend und sich auf die Knie pressend, „soll er die Butter an der Sonne hart erhalten.“

„Ich schmeiße den Säbel nicht hin zum Gefallen anderer. Aber meine Freude, Ihr Herren! Täte der Spanier mit und wollte er uns nicht das Reich verderben, so könnte ich das Meer halten. Indianisches Gold und Silber: in dreißig Jahren regt sich nicht der Engländer noch Schwede noch Holländer. Nichts. Basta. Sie werdens bezahlen. Ich kämpfe mit den Dänen gegen den Römischen Kaiser. Es wird nötig, daß ich Offiziere nach Fünen schicke, um das dänische Heer zu organisieren. Mein Herr Bassewi hat schon verraten, er wisse, wohin er das nächste erhobene Geld schicken werde. Nach Kopenhagen. So ist’s.“ Seufzte der fette de Witte: „Wofür, mit Verlaub, führt der Herr denn Krieg? Um die Sache des Römischen Reiches? Wenn der Römische Kaiser glaubt, seines Rates nicht mehr zu bedürfen und er Euch für überflüssig hält.“

„Hat Er beinah’ recht, Herr Vetter,“ blinzelte auf seinem Faulbett der General, dessen rechter Fuß in einem gepolsterten Eisenkasten steckte, der von heißen Ziegeln getragen wurde, „Ulmer Zuckerbrot schmeckt besser als ein Brieflein aus Wien.“

Wieder seufzte der fette de Witte, besah seine ringgeschmückten Finger: „Wüßt’ ich mir nachgrade etwas Besseres an Eurer Statt. Trüge nicht meine Haut zu Markt. Ich vermeine, so wie die Sachen jetzt zwischen dem Kaiser und Euch liegen. —“ Da brüllte, keifte, röchelte der Herzog, der Schaum wehte über seinen Kinnbart: „Was wißt Ihr von meinem Verhalten mit dem Kaiser. Hab’ ich Euch was davon aufgebunden. Wollen die Herren nicht die Nase in meinen Topf stecken. Der Kaiser ist der Kaiser und mein freundgnädiger Herr. Diene ihm und dem Reich treu. Laß nichts wühlen zwischen ihm und mir.“

In Lübeck erschienen im Winter für den dänischen König des Reiches Kanzler Christian Fries und Jakob Ulfeld, der Reichsrat Albert Skaal, der Kanzler Levin Marschalk, Detlev und Heinrich Rantzau. Aus Wien war herübergefahren der rechtskundige Rat Walmerode mit den Offizieren, auch der vielgewandte Aldringen und Balthasar Dietrichstein. Tilly hatte abgeordnet den Rat Ruepp, gelehrt wie sein Begleiter, der Graf Gronsfeld. Die Schlacht war für Friedland gewonnen, als der weißbärtige straffe Walmerode die Wallensteinschen Quartiere durchfuhr und bis in die sumpfigen Dithmarschen geleitet war.

Die dänischen Kommissare, flanierend mit den lübischen Weinherren, zu Gast bei der Gesellschaft der schwarzen Häupter in Riga, im Hause der Schiffergesellschaft, hochangesehen als Vertreter des mächtigen Seestaates, setzten Gerüchte in die Welt: nächst der zunehmenden Neuformation des dänischen Heeres, das der wachsenden Interesse und Teilnahme des jungen Schwedenkönigs Gustav Adolf für das unglückliche Brudervolk. Drohend vor aller Welt spielte sich dazu im Pfarrhaus zu Ulfsbrück eine Zusammenkunft der beiden Könige ab, die sich sonst nicht über den Weg trauten. Man erfuhr nicht, daß der junge ehrsüchtige dicke Schwede vorhatte, den Dänen vor seinen Wagen zu spannen, daß zum Schluß beim Trinken halbgefrorenen Weins, der in den Gläsern klirrte, der gedemütigte Däne in die Worte ausbrach: „Was haben Euer Liebden in Deutschland zu tun?“ in Eifersucht giftend, daß jener unternehmen und ausführen konnte, was ihm mißglückt war. Für die Unterhändler in Lübeck war es klingende Münze: der Schwede beriet geheim mit dem Dänen. Das Wort des todeswilden Christian kam herüber: seine Kommissare mögen die Sachen rasch in Bausch abmachen; kämen sie zu einem günstigen Frieden: recht; sonst möchten die Herren die Dinge liegen lassen wie sie liegen.

Der Kaiser mußte aus seinen Träumen gestürzt werden. Walmerode reiste nach Wien. Schwer drang er zu Audienzen bei Eggenberg und Meggau. Er stellte den widerwillig Zuhörenden das ganz Unbegreifliche der Friedensbedingungen vor; das Heer war das kaiserliche; es würde nutzlos aufgerieben. Meggau, zugänglicher als der Fürst, erklärte offen eines Nachmittags auf einer Schlittenfahrt: niemand in Wien, der den Herzog kenne, glaube recht an die Jeremiade von der zerfließenden Armee; man fürchte ein politisches Manöver des Friedländers gegen die Liga. Und dies — nun: der Wind hätte sich am Hof gewandt; bei aller Ehrfurcht vor des Herzogs Genie, in solche wilden revolutionären Experimente hätte doch niemand Lust sich einzulassen. Ob es wahr wäre, fragte sehr ernst Meggau, als sie unter Schneegestöber zwischen den Stämmen des Praters klingelten, daß der Herzog an offener Tafel in Güstrow erzählt hätte, man müsse nach französischem Muster verfahren; ein Land, ein König?

„Wie entsetzlich, Euer Liebden, Herr Walmerode. Wir sind in Scham fast in den Boden gesunken vor dem sächsischen Gesandten, der danach anfragte. Solche Bemerkung kann uns teurer zu stehen kommen als eine verlorene Schlacht. Ich fasse es nicht.“