„Wir stehen gut mit allen Ständen des Reiches,“ glaubte auch Herr Eggenberg Walmerode warnen zu müssen. „Wie lange, meint Ihr, soll der dänische Krieg noch dauern?“ „Sagt und meldet seiner herzoglichen Gnaden: so lange, wie Kaiserliche Majestät ohne Einbuße an Macht und Reputation bestehen bleiben kann.“
Walmerode reiste ab. Er sah nach Gesprächen mit der Umgebung des Kaisers in Wolkersdorf: es bestand keine Möglichkeit, ihm mit den Wünschen des Herzogs zu kommen. Seinem fast unirdischen Machtgefühl hatte er das Zugeständnis des Stifteredikts abringen lassen; daß er gesiegt hatte über die Rebellen, in Böhmen, Süddeutschland, Niedersachsen, Dänemark war der Pfeiler seines Fühlens, seiner kaiserlichen Erhabenheit. Keiner seiner Umgebung hätte gewagt ihm zu sagen: der Krieg muß Hals über Kopf beendet werden, ein böses Ende drohe, keiner hätte es geglaubt.
Da, während Hungermeutereien in Holstein und Pommern unter den Söldnern stattfanden, als die Verhandlungen mit Tilly sich zerschlugen, baute Wallenstein selbst ab. Etwas Unerwartetes Kaltblütiges Feindseliges geschah.
Von Jütland her in langen Zügen marschierten die Truppen landeinwärts; in Pommern ballten sie sich bis auf kleine zurückbleibende Garnisonen zusammen. Es waren noch tausende über tausende, hinter denen das verlassene Land rauchte und verwüstet lag. Halbverhungert und von dem untätigen monatelangen Lungern verwahrlost strömten sie im niedersächsischen Kreis zusammen, fielen über Kurbrandenburg, standen da, bereit, das Reich zu überziehen. Der Herzog, des Kaisers Generalobrister Feldhauptmann schien die Gewalt über sie verloren zu haben. Die kaiserlichen Legaten vernahmen angstvoll in Lübeck das Gerücht, Friedland ziehe die Truppen zu einem neuen Offensivstoß zusammen. Sie liefen umeinander, die Kuriere jagten nach Güstrow.
Der Herzog reise, nach Berlin, Frankfurt, hieß es da; man traf ihn nicht. Sein Schwager Harrach hatte ein Handschreiben von ihm, das im geheimen Rat verlesen und besprochen wurde; es sprach von beliebigen privaten Dingen; dann zum Schluß: er gehe jetzt auf Berlin; der Soldat sei eine Bestie, wenn er hungere friere und nichts zahlen könne. Er bürde denen die Verantwortung für das Geschehene und Kommende auf, die auf ihn nicht gehört hätten.
In der Bestürzung fand man sich. Der Friede mußte geschlossen werden. Es war nicht klar, ob das Heer wirklich zusammenschmolz, oder was der Herzog vorhatte. Der Kaiser war zu verständigen. Man wandte sich an den Obersthofmeister, an den der Kaiserin, man verzagte.
Bis der Beichtvater der Kaiserin die hohe Frau informierte und sie den Kaiser aufklärte. Sie nahm es als ein vermutetes Glück hin, daß man mit dieser Aufgabe kam; sie hörte, der Entschluß müßte gefaßt werden, trotz aller Bitterkeit. Sie dachte an die Entzückungen und Zerknirschungen, die der Stifterhandel mit sich gebracht hatte; der Kaiser mußte wieder opfern.
Aber kaum sie zaghaft die Situation erläutert hatte, lächelte sie Ferdinand an. Es geschah etwas Unglaubliches. Der Kaiser hatte ein Übermaß von Lasten über den unglücklichen Dänen gehäuft, es war sicher, daß er sich mit der Mantuanerin weidete an den Leiden der befallenen Landstriche. Fast überhörte er alles, was ihm an Demütigendem gesagt wurde. Er hörte nichts; er hörte nur, es sollte der Friede gemacht werden. Er nickte; unberührt schenkte er alles weg, wie er zuletzt die Stifter weggegeben hatte, aus der Fülle seiner kaiserlichen Macht. Er war versteift in seine Majestät. Er ließ sich nicht noch einmal, wie durch den Zwischenfall der Stifter, aus seiner Starre bewegen. Jetzt rüttelte man vergeblich an ihm, alles veränderte sich vor seinem Blick. Die Mantuanerin war leicht enttäuscht.
Sie klagte, um ihm einen Schmerz zu entlocken, sich eine Hemmung zu bereiten: der dänische Übeltäter solle einen guten Frieden bekommen nach solchen Untaten und nach solchen Niederlagen? Das sei es ja, fand Ferdinand, mit dunklen weichen Blicken nach langem Besinnen, man könne ihm Frieden geben: man hätte es in der Hand. Er stockte wieder, nun völlig genesen, in einer dunklen genießerischen Trunkenheit. Man solle den Herzog tun lassen, gab er von sich; er hätte die Schlachten durchgefochten. Von weitem erinnerte er sich der Stifteraffaire; ein feiner kurzer Schmerz wirbelte durch ihn; in einer traumhaften Abwehrbewegung sagte er: nein, man solle den Herzog tun lassen; wenn er könnte, würde er ihm noch größere Ehren zuteil werden lassen. Und schließlich müsse man auch dankbar sein gegen den König Christian von Dänemark, an dem man sich so habe erheben können.
Er war mit leichter Schlaffheit und viel Fett aus dem letzten Anfall seiner Krankheit herausgekommen, langsam hatten sich die Prunkmähler und Bankette in Bewegung gesetzt, im üppigen Verschleudern fand er sich wieder, eine fast dankbarkeitgesättigte innere Freude am Menschen und allen Dingen hatte er. Er schenkte, schenkte.