Der eine der Ringer, schwarzhaarig, breit, den Unterkiefer vorstreckend, ging im Hintergrund der Bühne wild, mit ängstlich verzerrtem Lächeln einher, zog meckernd hinter dem unbeweglichen braunen nach vorn, spazierte an der Rampe entlang, nach rückwärts schielend, nach vorwärts schielend, gegen den Saal sich unter Öffnen der Arme verbeugend. Er wartete vorn im Winkel, die Arme höhnisch übereinanderschlagend, den braunen unbeweglichen imitierend. Grinste keck, schlenderte drei Schritt gegen den anderen. Mit seinem rechten Knie berührte er das vorgebogene Knie des andern, schob, drückte gegen das Knie. Er stieß, der andere stieß. Sie holten ihr freies Bein heran. Der Braune schlank, kopfhöher als der Schwarzhaarige, aus einem Traum geweckt, drängte plötzlich heftig mit dem spitz vorgekeilten Knie, rot überflammt, daß sie aneinander vorbeirutschten, auseinander taumelten, der Kleine mit den Händen den Boden berührte. Wie er sich aufrichtete, umdrehte, funkte ein höllischer Schlag ihm in die Schläfe, daß er, wie verwundert, sich hinsetzte, den Kopf senkte. Er wollte wieder höhnisch, vertraulich dem Saal zulächelnd, hochklettern, als der Braune eine Fußsohle ihm auf die nackte Schulter legte von hinten und ihn leicht wippte. Mit verändertem Gesicht riß er seinen Rumpf beiseite, stand atemlos blaß auf den Füßen, stieß einen Arm krümmend hervor: „Mach’ nur Herrchen, immer mach’ nur. Ich zahl’ wieder.“ Der Braune hob reizend wieder den Fuß. „Komm nur heraus. Ich zahl’ jeden Schlag. An dich.“ Stammelnd näherte er sich dem Braunen, sabbernd, mit weiten Augen; der legte ihm, ehe er, wie geplant, in sein Bein hatte beißen können, zwei schwere Hiebe über die Schultern, daß der Schwarze umknickte, wie mit Säcken über den Achseln nach rechts schlich, nach links schlich, sich gegen die Rampe wandte, sich duckte, um die Beine vom Podium herunterzulassen. Vier Leibwächter liefen klirrend an mit gefällten Hellebarden; der Kleine brach in lautes Lachen aus, stellte sich schwankend vorn hin: „Ich fordere dich heraus, Herrchen. Glaubst mich zu besiegen, mit deinen plumpen Schlägen. Da steh’ ich. Schlag. Ich wehr’ mich nicht. Ich krieg’ dich schon.“ Der Braune mit dicken, knöchernen Fäusten gegen ihn. „Ich krieg’ dich. Du bezahlst mir jeden Hieb, entgehst mir nicht.“ Sie wechselten mit leichten Berührungen Stöße. Über den Schwarzen war plötzlich ein farbenstreuendes Summen, Dröhnen gefallen; halb besinnungslos lehnte er an der Seitenwand, murmelte: „Überleg’ dir, was du tust. Du richtest dich zugrunde.“ Versuchte zu lachen nach einem grausamen Hieb gegen seine Oberlippe: „Ich weiß nicht, wie du das wirst aushalten können. Das — haha — das ist entsetzlich. Das ist ja tödlich. Bist ja ein Mordsverbrecher.“ Hin und her wankend wälzte er sinnlos seine Arme wie Schlägel um seinen Kopf, dem ausweichenden Braunen nachschleifend. „Mein Gott,“ greinte er an der Hinterwand, ohne zu wissen, daß er nur mit einem Auge sah, „ich wußte nicht, mit wem ich mich einließ. Pfui, das bist du. Es war nötig, dich aufzudecken vor der Welt. Da sitzen die Zeugen, die hohen Herren. An dir soll keine Gnade geübt werden.“ Der schlanke Braune raste: „Was verleumdest du mich. Willst du schlagen, willst du nicht schlagen, Hundsfott?“ „Du spuckst mich nicht an. Ich warte, bis du dich ganz ruiniert hast an mir. Wir werden alle sehen, wie weit du gehen kannst.“

Tierartig hing der Lange über ihm, rammelte an dem schwankenden kopfverbergenden Körper; in den Pausen schluckte und schluchzte der unten: „Mann. Mann. Ja. Schlag weiter. Zwanzig. Wenn du fertig bist, ist die Abrechnung fertig. Ich zähl’ jeden Schlag. Unterhalten wir uns nicht; schlag’ nur weiter. Möchtest der Rache entgehen.“ Der Braune faßte den über den Boden gekrümmten von oben um die Hüften, hob ihn, schwenkte ihn. Einmal, zweimal sauste gerissen der Schwarzhaarige kopfabwärts, strampelnd herum. Am Boden, hingepoltert, spuckte er Blut, rollte, wackelte, blind, blöde auf: „Hähä. Weiter. Zwanzig.“ Der ruderte fünfmal durch die Luft; knapp an der Rampe krachte er, losgelassen, hin. Als er den Kopf drehte nach einer Weile, lispelte sein verquollener Mund: „He du. Eitler Hahn. Gearbeitet. Zwanzig. Ist noch nicht fertig. Wollen sehen, wann er fertig ist.“ Der Braune kreischte wie gebissen, kniete vor dem liegenden Schwarzen und nun, die Augen zukneifend, alle Gesichtsmuskeln zusammenreißend, schmetterte er, würgte, wühlte, klopfte, rollte, malmte an dem weichen Körper vor sich. Der richtete sich einmal, blau, japsend, auf, wollte die Augen aufreißen, brach einen Strom Blut, legte sich seitlich um. Der Braune, noch hingekniet, packte den Schwarzen mit beiden Fäusten beim Hals, zog den Rumpf lang am schlaffen Hals hoch, ließ ihn auf das Gesicht zu klappen. Wütend spie er sich in die blutbeschmierten Handteller. Unten lachte man schallend über sein böses Gesicht.

Der schmeerbäuchige Fürst zu Hohenzollern wechselte mit dem aufgestandenen Kurfürsten einige Worte. Die Wache formte sich zum Spalier. Maximilian sprach erregt auf Richel ein. Sie verließen die Halle. Leuchter wurden von Pagen in das Haus getragen.

Im kleinen Singvogelsaal bemerkte Maximilian, ohne den Jesuiten Kontzen oder Richel anzusehen: „Jedenfalls soll der Musketier belohnt werden und die ganze Patrouille, die den Boten abgefangen hat. Es war mir eine Genugtuung, diese Aufklärung zu erhalten.“

Richel auf dem Schemel: „Leider geht aus dem Handschreiben Meggaus nicht hervor, wie lange der Hof schon Geld für den Kaiser aus Kontributionen bezieht. Oder ob es nur eine einmalige Zahlung war.“

„Das Tüpfelchen auf dem I? Mir genügt es.“

Richel, den geschwollenen Zeigefinger an der Nase: Dieser Brief wiege so viel wie eine gewonnene Schlacht. Maximilian wechselte häufig die Farbe, er hatte die Knöpfe seiner Lederweste geöffnet, hauchte stark, von Hitze überströmt. Es dürfe nicht davon gesprochen werden, er werde selbst und allein mit dem Kaiser darüber verhandeln. Es kam zu keinen weiteren Debatten. Die Herren merkten, dies war eine Angelegenheit der Fürsten. Richel wurde entlassen.

Der Jesuit wurde mit funkelnden Augen gefragt, welche Treue ein Kurfürst seinem Kaiser schuldig sei. Kontzen sprang an: „Dem Kaiser alle Treue, dem Nichtkaiser keine.“ Des näheren ergab sich: Ferdinand der andere ist nur, und besonders nach dem eben aufgedeckten Vorgang, nur dem Namen nach Kaiser. Er hat die Machtfunktion an seinen General abgetreten. Man hat also keinen Kaiser, den man verraten könnte, und an dem Herzog von Friedland kann man keinen Verrat begehen. Es gibt zwei Möglichkeiten: entweder der Kaiser billigt willensfrei den Friedland oder er wird genötigt von ihm; im ersten Fall hat er sich seiner Herrscherattribute begeben; oder er steht in friedländischer Sklaverei. Man muß den letzten Fall bei seiner christlichen Frömmigkeit annehmen. Verrat an diesem Verratenen heißt ihm, als dem Kaiser, beistehen. Er konkludierte: Wie die Dinge liegen nach der Kapuzinerrelation und dem aufgefangenen Schreiben Meggaus ist es Pflicht jedes Deutschen, besonders jedes Fürsten, den Kaiser von seinem Vergewaltiger zu befreien.

Maximilian fragte leise: „Auch wenn die Befreiung des Kaisers mit Unterstützung fremder, ausländischer Mächte geschähe?“ Kontzen solle nicht gleich antworten, er möchte sich gut besinnen.

Wozu man, erhielt Maximilian zur Antwort, das Beispiel der Heiligen Kirche habe; ob sie Unterschiede zwischen den Nationen mache, ob es ihr nicht einzig auf die Sache ankäme.