Die Kaiserin war mit dem rebellischen Herzog von Nevers verwandt. Sie war an Ferdinand, als die Stifter der Kirche zurückgegeben werden sollten, herangegangen wie Flamme an Holz, hatte um ihn unbändig gewallt. Jetzt erschrak sie. Ein geheimer Stich; von Tag zu Tag stach es tiefer. Sie mußte sich zurückziehen. Was hatte sie getan, wie hatte sie gelebt. In welche Verderbnis trieb sie der Mann neben ihr, in brütender Besessenheit rührte er an Italien. Sie war ihm nichts. Von Mantua fühlte er nichts. Sie keuchte aus dem Schlaf auf, ekelte sich vor schwarzen Männern, die in großen Mänteln nach ihr liefen, hinter ihrem Bett mit Messern und Federhüten vortauchten. Die ekstatische Frau war plötzlich aus ihren Fiebern gerissen. Erkühlt unter dem unfaßbaren Schrecken, die Horden Friedlands, des Schlächters, könnten über ihre süße Heimat kommen. Sie besann sich mit hereinbrechendem Wohlgefühl auf ihre sonnenklare Jugend; es war ein Blick durch den Spalt eines finsteren Zimmers.
Widerstrebend strich sie um Ferdinand, näherte sich ihm. Sie zwang sich ab, zu betteln für ihren Vetter Nevers und ihre Stadt. Lauschend kniete sie vor Ferdinand, dem dunklen Mann, horchte gepeinigt in ihn hinein. Es war keine Frage um Mantua, sondern um ihn.
Ferdinand in sakraler Ruhe verstand nichts. In eherner Überlegenheit hing er über den Parteiungen in seiner Umgebung, sah grau auf das Gezänk herunter, mißtrauisch, gefühllos. Er schenkte, schenkte. Was für Jesuiten geschah, betäubte die Patres selbst. Cäsarisch duldete er nicht, daß man ihm danke. Er sagte aus seiner Starre heraus der Mantuanerin, der junge Herzog werde zu seinem Recht kommen, nach erfolgtem Spruch und nicht früher werde die Belehnung erfolgen. Sie flehte, seine braune schlaffe Hand küssend: „Du hast den Patres so viel gegeben, deine Räte sind reicher als ich.“ „Haben meine Räte und die Väter von mir Geschenke erhalten? Ich weiß nichts davon. Sie mögen sich nichts anmaßen.“ Sie betrachtete ihn, das goldene Vlies über der Brust, von unten herauf, der graue zitternde Bart, hörte das rauhe Murmeln. Das war der unverständliche Barbar, der sie durch den galanten Eggenberg aus der Lombardei geholt hatte. Durch ihren Kopf irrte, sie wußte nicht wie, plötzlich und hartnäckig die Erinnerung an ein fremdes Gespräch rechts von ihrem Fenster: „Hast du mich gern, tanze morgen Nacht mit mir.“ Es waren lustige Kavaliere mit ihren Damen gewesen, die so zueinander sprachen; warum ihr das zarte Geflüster einfiel. Aufgewühlt verließ sie den schnalzenden Kaiser, der ihr wie eine Pagode nachblickte.
Vor einem lärmendem Vogelhaus, nahe der Brunnenstube ihres Schlosses Schönbrunn, saß Eleonore in einer Rosenlaube; in Mantel und schwarzen Schleiern gingen zwei italienische Damen draußen auf und ab, Paula Maria a Jesu und Maria Theresia von Onufrio. Sie sagte zum alten Eggenberg: sie habe Zutrauen zu ihm, sie bitte ihn bei der Liebe Gottes, den edlen Frieden zu befördern, soweit er vermöchte. Er fragte sie, vor ihr stehend, bei aller Ehrfurcht mitleidig ihr zuhörend, was sie befehle. Warum man ihn so selten sehe, beim Quintanrennen nicht, bei keinem Reiterkarussell, bei keiner Hetzjagd; er scheine eine Abneigung zu haben gegen sie oder den Kaiser. — Ach, er sei krank. — Nicht so sprechen, ob sie noch Zutrauen zu ihm haben könne: sie bange um ihre Heimatstadt; der Krieg sei ungerecht vom Zaun gebrochen, der junge Nevers sei von Frankreich verführt worden: mein Heiland, und es könne doch nicht so gehen, daß man Italien verwüste, wie man Niedersachsen oder Böhmen verwüstet habe; man könne doch nicht mit aller Welt Krieg führen, mit dem Heiligen Vater; warum denn, warum denn nur.
Da stand im Schatten am Pfosten der Laube Hans Ulrich Eggenberg; auf den Stock stützte er die linke Hand mit dem blausamtenen Hut; auf dem hohen steifen Mühlsteinkragen bewegte sich sein weißbärtiger Kopf wie auf einem platten Teller; das spanische goldene Vlies über der Brust blitzte unter dem Spiel des Sonnenlichts; er lächelte für sich still, seinen Stock entlang blickend; er hätte sich niemals unterfangen, gefährliche kriegerische Praktiken anzuspinnen; die Dinge hätten den schweren Lauf selbst genommen; wie schwer sei es, ihnen zu gebieten.
Sie saß gerade auf ihrem Stuhl, die Augen zwinkernd; die schwarzen Haare gescheitelt, zu einem Knoten in den Nacken herabfallend, aus dem senkrecht nach oben eine mächtige vornübersinkende Reiherfeder stieg. Sie ballte die Hände in den weißen Reithandschuhen über den zusammengedrückten Knien; ihr gelbes Kleid lag in vielen Falten lose weit um sie: er hätte sie geholt aus Mantua, ihm sei sie in Vertretung des Kaisers angetraut; an ihn hänge sie sich. Habe man Glauben, um an der Gerechtigkeit und dem Glück zu zweifeln; es müsse verhindert werden, daß aus ihrer Geburtsstadt eine Trümmerstätte werde; sie könne es nicht zugeben, und wenn sie —. Dabei bückte sie sich, hob eine Hand vor das Gesicht, richtete sich rasch hoch, sah starr seitlich in einen Winkel. Als wenn sie ein Kind wäre, studierte Hans Ulrich ihr Gesicht, die trotzig aufsteigende Feder über den hilflosen zerrissenen zitternden Mienen; rasch, geschäftsmäßig erklärte er: es sei nicht Schuld des Kaisers, wenn es zu diesem Krieg gekommen wäre, lose Stücke hätte noch kein Habsburger unternommen. Schlimm sei es, daß der junge Nevers sich habe von Frankreich zu respektloser Haltung erregen lassen; vielleicht sei es möglich, ihn von Frankreich zu trennen. — Sie wolle, äußerte sie, nicht von Schuld und Unschuld reden; man möchte ihr nicht ihre Geburtsstätte nehmen; sie habe, brach sie aus, so viel opfern müssen, als sie Italien verließ, man möge doch an sie denken. Stand auf, reichte ihm, der seinen Hut fallen ließ, die eisige Hand, blieb vor ihm stehen. Er lächelte herzlich, erwiderte ihren Händedruck; es sei schwer, rasche bindende Versprechungen zu geben, es sei allen im Lande schmerzlich, den Heiligen Vater gegen sich zu sehen; er nehme Gott zum Zeugen, daß er den edlen Frieden nach Kräften fördern werde; Frieden müsse werden, schrecklich wüte die Christenheit gegeneinander, vielleicht arbeite man für niemand anders als den Großtürken in Stambul. Sie freute sich, heftiger seine Hand umklammernd. „Mir ist ja nicht mehr gegeben,“ flüsterte sie, schon den Rock raffend, „als Euch meine Wünsche zu sagen.“
Die durch den kaiserlichen Wunsch auf Wahl seines Sohnes zum römischen König entstandene Sachlage wurde im hohen Rat erörtert.
Da saßen die, die verzaubert waren vom Herzog zu Friedland, und lachten. Man solle den Herzog lassen, sagten sie, und den Papst und Frankreich; es sei das beste, was der Geheime Rat jetzt tun könne; das Spiel sei vorzüglich im Gange; sie hätten den Vorteil, gänzlich außerhalb der Partie zu stehen, einzugreifen, wenn es ihnen gutdünke. Welche Entwicklung aber die deutschen Dinge durch ihn nehmen würden, das sei geradezu phantastisch abzusehen, ja phantastisch. Sie spiegelten sich in diesen Gedanken. Friedlich saß der verwachsene Graf, gelbweiß von Gesichtsfarbe, mit den Fingern spielend im Lehnstuhl, lächelte überlegen, gähnte viel. Die Wahl zum römischen König würde ihnen wie eine Frucht zufallen.
Der lange Strahlendorf brauchte mit Hinweis auf Trautmannsdorf die Wendung vom friedländischen Anhang am Hofe; schreiend, der Wagen sei verfahren, er hätte genug dagegen rebelliert; wälze die Verantwortung dafür ab. „Wofür? Wofür?“ spöttelte der Bucklige, „für den Sieg Habsburgs?“ Brüsk warf sich der steife glattrasierte Mann im Stuhl zurück.
Im violetten Seidenmantel, das schwermütige olivfarbige Gesicht mit den starken Brauen auf die beringte weiße Hand gestützt, blickte Slavata gegen den Ofenwinkel, der mit einem blaugrünen Gobelin verhängt war. Seine blauen Augen schweiften zu Trautmannsdorf, der sich in seinen Stuhl verkroch, gingen oft hin; er sprach anders: es bestände keine Aussicht, den kaiserlichen Wunsch auf legale Regelung der Nachfolge durchzuführen, denn die Kurfürsten seien über die Gewalttätigkeiten im Reich, die Verarmung, den drohenden Umsturz erbittert. Dennoch müsse die Nachfolge des Kaisers gesichert werden. Man müsse also die Kurfürsten eventuell zwingen.