Strahlendorf lachte höhnisch: „Wie denn, Herr Graf?“
„Durch dieselbe Gewalt, die sie zur Erbitterung gebracht hat.“ Dazu klatschte leise der Bucklige, dem Böhmen zuwinkend, Beifall.
Es sei wohl auch das Beste, so zu verfahren, höhnte Strahlendorf weiter, in anderer Hinsicht. Man käme dann zur Klarheit überhaupt über die Herrschaftsverhältnisse im Reich; zum Beispiel in Pommern, in Brandenburg, in den meisten Kreisen mit kleinen Landesfürsten. Da würde sich herausstellen, wer herrsche. Trautmannsdorf jubelte fast: natürlich, so sei es, es würde fesselnd bis zum äußersten werden; Konsequenzen über Konsequenzen könnten noch gezogen werden: wie notwendig — er wandte sich armeausstreckend an alle Herren — nicht einzugreifen, um nichts zu verderben oder zu komplizieren; das beste, diese Frage der Nachfolge nur in die öffentliche Diskussion werfen, an diesem Punkt könnte sich der Streit auf das bequemste entzünden: nun hätte man den Zankapfel in der konzentriertesten Form, alle Kräfte würden aufgerufen, um — nun, man würde sehen.
Ihm fehle, klammerte stolz Strahlendorf seinen Degen zwischen die Knie, die Munterkeit und der leichte Sinn, um Angelegenheiten des Kaiserhauses in solcher Weise zu behandeln. Slavata hob sein dunkelblondes Haar mit der Linken von den Schultern ab, als wenn er seinen Nacken kühlen wolle; er betrachtete sinnend einen Sprecher nach dem andern, lief gebunden dem Gespräch nach: man hege doch gleichmäßig die schuldige Treue und Liebe gegen den Kaiser; nun möge man sich auch nicht trennen in den Mitteln, die Treue zu erweisen. „Ich schlage vor,“ sagte er gedämpft, „einen Kurfürstentag einzuberufen zur Königswahl. Im übrigen dem Herzog freie Hand zu lassen, wie man es bisher getan hat. Weigern sich die Kurfürsten, den jungen Ferdinand zu wählen, so nimmt der Kaiser dies zur Kenntnis, wie er anderes zur Kenntnis genommen hat. Aber ignoriert es.“
„Liebster,“ legte sich Trautmannsdorf vor, „wie kommt Ihr zum Ziele. Der junge König von Ungarn wird nicht römischer Kaiser vom Ignorieren.“
Still legte Slavata beide Hände in den Schoß, senkte den Kopf, seine braune Haut wurde blasser, seine Augen funkelten einen Moment, bevor sie sich auf die Finger richteten: er schob Silbe um Silbe zwischen Zähnen durch und stellte die Gegenfrage an alle Herren, was wohl dann geschehe, wenn der Kaiser dem Herzog von Friedland freie Hand wie bisher lasse und die Kurfürsten die Königswahl ablehnten; die löblichen Kurfürsten können belfern und keifen, die Zähne sind ihnen ausgebrochen!
Rasch wandte sich Slavata mit einem eigenartigen Lächeln an Trautmannsdorf, das sei der Streit auf der Höhe und — er flüsterte — noch mehr: der Sieg Habsburg auf der Höhe. Vielleicht ernenne dann der Kaiser den neuen König.
Strahlendorf donnerte mit der Faust auf den Tisch, zitterte am ganzen Leib, blickte mit verzerrten Mienen gräßlich auf den böhmischen Grafen; der Bucklige warf sich bewundernd, den Mund offen, den Kopf schüttelnd, hin und her im Sessel; der dicke Questenberg blies mit menschenfresserischen Grimassen glücklich unter seinen struppigen Schnurrbart, saß geschwollen, glotzäugig, als hätte ihn einer gestreichelt, am kurzen Quertisch. Strahlendorf jappste: „Das nennt Ihr das Y und X im Friedländischen Abc. Wir sind erst in der Mitte. Kurfürsten ohne Kur ist noch lange nicht das Letzte, den römischen König schüttelt er so aus dem Ärmel, wie er die mecklenburger Herzöge verjagt hat; dann kommt — der Kaiser selber. Wer soll den wählen, als derselbe einzige Kurfürst — Wallenstein. Herr Slavata, Ihr dachtet auch einmal anders über Euren Vetter. Dann kommen die Schwerter gegen den geheimen Rat, dann ist das Abc zu Ende.“
Questenberg knurrte bissig gegen ihn her: „Will man uns den Braten versauern, soll es doch nicht gelingen. Kommt sein Schwert gegen uns, so wird es sich nur bestimmte Hälse suchen.“ „Es wird sie suchen, Herr Questenberg, Euren und meinen, wie die liebe Sonne, die über Gerechte und Ungerechte scheint.“
Ganz unhörbar hatte Eggenberg seinen Stuhl zurückgeschoben; lautlos klemmte er seine ungehefteten Faszikel unter den Arm, stieg hinter der Stuhlreihe auf Zehen vorbei. Wie ihn Trautmannsdorf sich umwendend, anstarrte, bei der Hand faßte, wehrte er ab; es gelang ihm weiterzugehen, bis der Querbaum der Questenbergschen dicken kurzen Arme sich vor ihn legte. Hans Ulrich schien seinen Gram beiseite tragen zu wollen. Leidend bat er Questenberg: „Lieber, laßt mich.“ Sie standen um ihn; er blieb einsilbig dabei, wolle gehen.