„Ihr erklärt den Wiener Herren, ich könnte mich mit dem Entscheid nicht zufrieden geben. Ihr habt keine Spur von Freude zu zeigen und verbreitet es auch den Kämmerern und anderen. Wir haben keinen Grund zur Freude. Wir verlangen den Schutz des Reiches und der Kurfürstenlibertät vor Übergriffen, wie sie vorgefallen sind. Die Armee ist jetzt ohne Haupt. Wir verlangen nunmehr Übergang des Generalats an uns.“ Richel blickte groß; scharf fuhr Maximilian fort: „Was denkt Ihr? Sie werden dazu nicht lachen. Ich glaube das. Ich habe auch nicht gelacht, als der Friedländer General wurde. Das Lachen wird ihnen vergehen. Es wird keine Ruhe im Reich sein, bis die Kurfürsten die Armee führen. Ich werde mich mit den geistlichen Herren noch verständigen. Es wird keine Ruhe, bis der Kaiser auf seine Erbländer zurückgedrängt ist.“
„Die Armee im Reich wird vom Kaiser und dem Kurfürstenkolleg dirigiert.“
„Sie wird von mir geführt. Ich bestehe darauf. Die Protestanten haben sich selbst ausgeschlossen.“
„Es wird schwer halten, hier den Gewaltstandpunkt zu verheimlichen.“
„Man hat ihn mir gegenüber nicht verheimlicht.“
Bei der Zusammenkunft der katholischen Fürsten im Mainzer Quartier war der Bayer isoliert. Die Herren waren siegestoll, von Jubel beherrscht. Sie hatten sich nicht nehmen lassen, vor Beginn ihrer eigenen Besprechungen durch eine Hinterpforte den Marquis de Brulart und den Pater Joseph zu sich einzulassen und deren Glückwünsche entgegenzunehmen. Die Franzosen taten sehr beschämt, als der Trierer, dem sie eine Pension zahlten, und der sehr geldbedürftige Ferdinand von Köln ihnen allen Verdienst zuschoben an dem fast unglaublichen Ausgang. Der Kaiser, radebrechten französisch die beiden rheinischen Herren, wisse, welche starke katholische Macht hinter der Liga stünde. Der Trierer insbesondere tat, als wäre König Ludwig sein spezieller Bundesgenosse.
Maximilian, das Gebaren seiner Freunde ignorierend, lenkte in Gegenwart der stolzen Welschen die Unterhaltung auf das kaiserliche Heer. Die Franzosen hörten mit Staunen den bayrischen Plan; sie fühlten den Stoß, hielten es für gut, zu verschwinden. Die Fürsten zappelten gespießt an Maximilians Vorschlag, das Generalat in Zukunft ihm, dem Ligaobersten, zu übertragen. Sie bissen und drehten sich. Grämlich sahen sie, daß sie zustimmen würden. Und ehe sie’s dachten, hatten sie zugestimmt. Sie wollten den Antrag unterschreiben. Verfechten mochte ihn der Kurbayer selbst.
Und dann ließen sie ihren Grimm los und ließen ihn poltern vor Maximilian, vor dem sie ihre Ohnmacht verstecken wollten. Sie wollten Rache und Schadloshaltung. Der glotzäugige schwerleibige Philipp Christoph von Trier, breitbeinig auf zwei Sesseln ausgestreckt, ließ aus der Kehle quellen, die Lider wenig hebend, zweihunderttausend Taler versudele der Böhme an Küche und Keller und sei dabei dürr wie ein Faden; Halberstadt habe ihm ein wöchentliches Tafelgeld geben müssen von siebentausend Gulden. Er keuchte: „der Tropf!“ Das harte graugesichtige Männlein unter dem violetten Käppchen, der Reichserzkanzler, kläffte mit seinem breiten gnadenlos dünnen Mund, es hätten sogar in vielen Landesteilen die Leute sich selber auffressen müssen. Auch er hätte mit Mühe gegen solche Fälle einschreiten müssen und geradezu mit Gewalt das für seine Tafel, den Unterhalt der Küche Nötige, und für die Abgabe an Rom beitreiben müssen. Vorgebückt der verlebte Ferdinand von Köln rieb sich unruhig die dünne rote Nase; sein Bruder schwieg so lange; dann konnte er sich nicht zähmen, lispelte, gestikulierte: mit Glimpf zu entlassen den Herzog, das sei ein Betrug an allen Landesfürsten. Und darauf murrten knurrten sie zu dritt, bäumten sich, und ihr Groll war nur gerichtet auf den neben ihnen sitzenden feisten kurzleibigen Bayern.
Der gab von sich, daß man sich hier nicht einmischen wolle. Man möge es auf sich beruhen lassen. Denn daß Wallenstein mit Ehren entlassen würde, versöhnte ihn leise mit dem kaiserlichen Entschluß; er begriff, daß Ferdinand diesen Mann nicht so wegschicken wollte. Wenigstens fürstlich hatte Ferdinand gehandelt, den er als Kaiser hinnehmen mußte.
Im bischöflichen Garten unter den kaiserlichen Gemächern lief der Abt mit dem verwachsenen Grafen. Sie rupften im heftigen Gespräch eine kleine Buche rundherum kahl. Der Abt knallte wieder Blätter vor dem Mund auf. Der Graf Trautmannsdorf schwang die Arme, schlug die Hände vors Gesicht: also es finge alles wieder von vorne an; alles sei umsonst gewesen. „Es ist so, es ist so“, der Abt drückte fast besinnungslos Trautmannsdorfs Arm. „Wozu sind wir da?“ sie stöhnten, stampften den Boden.