Eine glückliche Sondererfindung der Saharavölker ist der sogenannte Gesichtsschleier oder Litham, ein blaubaumwollener Shawl, der so um den Kopf gewunden wird, daß er nur einen schmalen Schlitz für die Augen frei läßt. Wie wir uns im Winter mittels des cache-nez durch die eigene Atmung wieder Wärme zuführen, ebenso erwirken Tuareg wie Tubu durch ihren Litham, daß die schmachtend trockene Wüstenluft durch die selbstausgeatmete Feuchtigkeit, die sich im Litham verfängt, durchfeuchtet wird, ehe sie sie einatmen. Die Araber scheinen einen gleichen Schutz nicht zu kennen, pflegen aber bei Smum wohl nicht bloß gegen den Wüstensand, sondern zu dem nämlichen Zweck einen Zipfel ihres Mantels vor Mund und Nase zu ziehen.
Den Kopf tragen viele der Völker zum Schirm gegen die schroffen Temperaturwechsel, oft auch gegen den Regen, bedeckt: die Kirgisen mit einem buntgestickten Käppchen, die Iranier mit der hohen, schwarzen Lammfellmütze, andere Morgenländer mit turbanartigem Kopftuch oder Fez, die Hottentottin mit der Fellhaube. Letztere abzulegen öffentlich gilt bei den Hottentotten als schamlos, wie auch der Morgenländer vor dem Höherstehenden oder gar im Gotteshaus nie die Kopfbedeckung abthut, wohl aber der Schuhe oder Sandalen sich entledigt. Christus stets barhäuptig abzubilden ist ganz unhistorisch. Der dicke Burnus des nordafrikanischen Kabilen sowie des Beduinen ist als schlechter Wärmeleiter gegen Tageshitze ein ebenso guter Schutz wie gegen Nachtkälte. Beinkleider treffen wir nur, wo Steppen und Wüsten von kalten Wintern heimgesucht werden, so in den Prärien, in Patagonien und Innerasien; der Mongole legt sie sogar nur im Winter an. Hohe Stiefel sind eine beliebte Zuthat zu den Beinkleidern bei Reitervölkern; manchen Völkern sind Hosen nebst hohen Stiefeln bei beiden Geschlechtern eigen; daher reiten auch Frauen und Mädchen, z. B. bei den Ostturkistanern, den Tanguten am Kuku-Nor, rittlings nach Männerart. Die Tehueltschen ziehen über ihre hohen Reitstiefel noch Überschuhe, um den Fuß auch im Schmelzwasser des Schnees trocken zu halten. Auf dem bis über 70° C erglühenden Fels- und Sandboden der Sahara zieht die nackte Fußsohle leicht Brandblasen, daher das dortige Bedürfnis, Fellschuhe oder Sandalen aus Kamelleder zu tragen, obwohl der sparsame Tubumann, wo es irgend geht, seine Sandalen an die Spitze des über der Schulter getragenen Speers knüpft, mit dem er leichtfüßig über den glühenden Boden dahinschreitet, ohne daß seine nackten, freilich hornüberzogenen Sohlen auf dem scharfen Gestein zerschnitten werden, während die Stiefel des Europäers auf demselben in Fetzen zerreißen.
Die allgemeine Seltenheit des Wassers hat die Neigungen der Völker geradezu gegensätzlich beeinflußt. Dem Araber ist der Anblick großer Massen von Süßwasser eine ersehnte Augenweide, das Plätschern eines Springquells die liebste Musik; die Fontäne gehört deshalb als Hauptstück in den Mittelpunkt seines gartenartig ausgeschmückten Innenhofs, ohne Baumesschatten und rauschende Quellen kann er sich das Paradies nicht denken. In Centralasien hat dagegen die Seltenheit des Anblicks von fließendem Wasser eine völlige Idiosynkrasie gegen alles kalte Wasser herbeigeführt. Der Mongole schlägt seine Jurte niemals dicht bei der Wasserstelle auf, so nötig er für sich und seine Tiere das Wasser braucht; er trinkt nur gekochtes Wasser, und es wird ihm übel, wenn er den Fremden etwa eine Wildente verspeisen sieht, weil diese zum Wassergeflügel gehört. Die Chinesen sind wahrscheinlich aus der Takla-Makan Innerasiens erst nach China eingewandert. Daraus wird es sich erklären, daß sie nur abgekochtes Wasser zu sich nehmen. So wurden sie die Erfinder des Theetrinkens, und man darf schon die Behauptung wagen: Wir trinken Thee, weil die Chinesen aus Centralasien stammen.
Wo das Wasser so kostbar, wird es nicht leicht zum Waschen benutzt. Daher starren die Menschen oft von Schmutz. Herodots Ausspruch über die Skoloten „Sie waschen sich nie“ gilt auch von den heutigen Mongolen, die sich sogar stolz hierauf kara hunn, d. h. schwarze Menschen, nennen. Die Sitte der Skolotinnen, die, um zu gefallen, sich nachts über eine aus zerriebenen wohlriechenden Hölzern hergestellte Paste auflegten, so daß sie des Morgens als duftige Huldinnen erschienen, ausnahmsweise auch ohne Schmutzkruste im Gesicht, erinnert uns an eine bisher ganz übersehene Geschmacksrichtung, die unseren Völkern offenbar durch ihre Heimat zu teil ward. In allen Trockenlanden nämlich walten, wie wir schon bemerkten, aromatische Gewächse zufolge natürlicher Züchtung auffallend viel mehr vor als anderwärts; ist doch Arabien, zu deutsch das Wüstenland, von jeher durch seine Aromata berühmt gewesen. Dieser Umstand machte die also stets von solchen Wohlgerüchen umhauchten Steppen- und Wüstenvölker zu leidenschaftlichen Freunden derselben; auch ihren Göttern schrieben sie natürlich diese Vorliebe zu. Aus dem Morgenland empfingen wir selbst die Sitte des Parfümierens; Mohammed trug stets ein Etui mit Wohlgerüchen bei sich, wir könnten sagen ein Schnupftabaksdöschen; wenn die braune Nubierin das Entzücken ihres Gatten sein will, nimmt sie ein förmliches Rauchbad aus lauter aromatischen Stoffen. Mit nichts wurde im salomonischen Tempel so viel Geld verpraßt, als um Jahve die köstlichsten Spenden von Myrrhen und Weihrauch zum Himmel empor zu senden; ganz ebenso zündeten die mittelalterlichen Tataren Asiens ihrem Gott duftige Opfer und bringen noch immer die Indianer der Prärie ihrem „großen Geist“ Salbeiopfer. Der Weihrauchduft der christlichen Kirchen ist mithin ein echt geographischer Hinweis auf den Orient als Ursprungsstätte des Christentums.
Ein gewisser schwermütiger Zug geht durch diese Völker; er entspricht wohl dem vereinsamten Weilen in einer einförmigen, schweigenden Natur. Bis zu finsterster Stimmung steigert sich der freudlose Ernst, wenn der karge Boden wie im Tubuland Tibesti selbst an Quellorten nur wenige Datteln und kaum weich zu klopfende Dumpalmenfrüchte trägt. Da macht der nagende Hunger die Herzen hart wie die Steine der Wüste. Sonst jedoch verklärt ein freundlichstes Erbe uralter Vorzeit auch das dürftigste Nomadenzelt: die sogar vom Räuber in Ehren gehaltene selbstlose Gastfreiheit. Handel und Wandel, Verführung durch Kulturgenüsse hat Biederkeit und ritterlichen Sinn meist noch nicht angetastet. „Griechische Treue“ ist Satire, „türkische Ehrlichkeit“ hingegen Wahrheit. Dazu stählt Nüchternheit Leib und Seele; sie nicht zum letzten führte die Khalifenheere wie die Osmanen von Sieg zu Sieg. Trockenräume geben aus ihrem Gewächsreich wenig Zuckerstoff zur Herstellung berauschender Getränke; das bewahrte ihre Söhne vor dem Trunklaster, impfte ihnen Verachtung ein gegen die Weichlinge, die sich nicht genügen lassen am ältesten und gesundesten Getränk der Menschheit, Wasser und Milch, oder dem heißen Labetrunk von Kaffee oder Thee, die sich berauschen wie die verachteten Knechte der Ackerarbeit. „In ein Haus, unter dessen Dach ein Pflug steht, kehrt der Engel Gottes nicht ein“ heißt es nomadenstolz im Koran. Mohammed, dieser Lykurg der Wüste, hat die Abscheu gegen Trunksucht nicht erst eingeführt, nein er fand sie vor und weihte sie nur wie so viele andere uralte Wüstensitten als aus Allahs heiligem Willen geboren.
Wald- und Seevölker pflegen Polytheisten zu sein, Steppen- und Wüstenvölker neigen vielmehr zum Monotheismus. Vom Sinai, aus Palästina und Arabien empfing die Welt die drei wirkungsreichsten Lehren vom einen Gott. Dschingiskhan gebot, als wäre er ein Prophet des alten Bundes: „Du sollst glauben an den alleinigen Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, den Herrn über Leben und Tod.“ Nicht anders denkt der Mandan-Indianer der Prärie von dem „großen Geiste, der im Himmel wohnt“. Wir alle suchen die Einsamkeit, wenn wir unsere Gedanken sammeln wollen. Das nämliche Streben trieb Johannes den Täufer und Christus in die Stille der Jordanwüste, Mohammed in die Wüstenklippen abseits von Mekka. Nur wenige, aber gewaltige Eindrücke sind es, mit denen die Wüste in feierlichem Schweigen das sinnende Gemüt des Menschen erfüllt. Über der starren Gesteinsfläche schaut das Auge nur eine, aber eine stetige, ruhig gleichmäßige Bewegung: die der Gestirne. Nicht Menschenhand lenkt sie, es muß eine übermenschliche, jedoch einheitliche Macht sein, die das erwirkt; und was der Forschung das Naturgesetz der Gravitation, ist dem kindlichen Sinn der einige Gott, „der die Sterne lenket am Himmelszelt“, der die ganze Welt regiert, zürnend daher fahrend im Gewittersturm, vernichtende Blitze schleudernd, dann aber mild lächelnd seine Sonne wieder scheinen lassend über Gerechte und Ungerechte.
Die Freude der Orientalen, gedankenvoller Rede zu lauschen, nicht bloß bei abendlicher Rast im Nomadenzelt, nein auch am hellen Tag, etwa auf der grünen Matte am See Genezareth gelagert, wie bei der Bergpredigt, das war der rechte Boden, solche erhabene Lehren volkstümlich werden zu lassen, aus ihnen menschenbeglückende Religionen zu gestalten.