In dem wildreicheren Afrika ist selbst der Buschmann nicht bloß Nahrungssammler, sondern Jäger, ein gewandter Bogenschütze. Doch kein Land der Welt ist ein solches Jägereldorado, daß der Mensch anders als hin- und herziehend von seiner Jagdwaffe den Unterhalt erzielen könnte. Auch der Hirt ist in Steppen mit gar zu kärglicher Benetzung, also schlechten Futterwuchses, oder in Gegenden, wo ein anhaltender Schneewinter die Gebirgsweide nimmt, folglich die Herde in benachbarten Niederungen zu überwintern zwingt, ein Nomade. Hingegen führen Oasen und die Trockenräume durchströmenden Flüsse — man denke nur an den nubisch-ägyptischen Nil, diesen einzigen Strom, der die Sahara in ihrer ganzen Breite durchzieht — zu fester Siedelung, weil hier das Quell- oder Flußwasser Garten- und Ackerbau mittels künstlicher Bewässerung zu treiben gestattet auch an Orten oder zu Zeiten, wo kein Tropfen Regen fällt. Darum war ja Zoroasters Lehre eine solche Wohlthat für Irans und Turans dürstende Gelände, weil sie die Berieselungswerke heilig sprach, unter deren Segen der sonst gar nichts tragende Boden tausendfältig Feld- und Baumfrucht spendete.

Wo vollends Steppen regenreich genug sind, um auch ohne Bewässerung Feldbau zu gestatten, da sind sie teilweise schon vor Alters, in weitem Umfang vollends in neuerer Zeit vielfach ins Gebiet seßhaften Völkerlebens einbezogen worden, indem gewöhnlich von außen ackerbautreibende Stämme hereinzogen, sei es, daß der Boden unbewohnt angetroffen wurde, sei es, daß er ihnen zufiel nach dem gerechten Schiedsspruch tellurischer Auslese: jedes Land gehört dem, der es am besten zu verwerten, am tapfersten zu verteidigen weiß. Die englischen Weizenbauer und Schafzüchter dringen immer tiefer ins Innere Australiens ein; die Buren verdrängten Hottentotten wie Kaffern; die Prärien, wo noch vor kurzem die Rothäute die zahllosen Büffel jagten, wogen gleich den argentinischen Pampas von unabsehbaren Getreidefeldern. Dort, wo im Altertum skythische Skoloten und Sauromaten mit ihren Herden Südosteuropas Steppen durchzogen, führt jetzt der russische Ansiedler den Pflug. Und eben da, dicht am südlichen Uralgebirge, vollzieht sich jüngst ein lehrreicher Vorgang des Obsiegens der Seßhaften über die Schweifenden. Die Baschkiren nämlich mögen nur ungern ihr freies Wanderleben in der Steppe aufgeben; eingeengt jedoch durch die Uralwälder im Osten, die wüstenhafte kaspische Salzsteppe im Süden, das leise Vorrücken der russischen Bauern in West und Nord, fühlen sie sich außer stande allein durch Vermittlung ihrer Herden vom Steppengras zu leben, darum verpachten sie gegen Kornzins einen Teil ihrer Länderei an russische Bauern und erkaufen sich damit noch auf eine Galgenfrist die Adelsfreiheit des Nomaden. Aber ihr Schicksal ist besiegelt, denn um von Weidewirtschaft in der Baschkirensteppe zu leben braucht man für den Kopf 120 Morgen, bei Landbau nur 20–30. Derselbe Flächenraum, der einem einzigen Baschkiren genügend Milch und Fleisch liefert, ernährt also vier bis sechs Russen.

Allerwegen indes, wo das alte Hin- und Herziehen verblieb, erhielt sich auch Sitte und Brauch fast unverändert. In den echten Wüsten führt erst ganz neuerdings der Eisenbahnbau einen gänzlichen Umschwung des Verkehrs hier und da herbei. Sonst zieht dort noch wie vor Alters der Mensch von einer Wasserstelle zur andern, als Hirt, falls zu günstiger Jahreszeit flüchtiges Grün den Boden überzieht, als Karawanenführer, als Weidmann oder als lauernder Räuber. Wüsten züchten Räubervölker, denn sie sind von Natur immer arm, es sei denn, daß sie stellenweise Steinsalz bergen oder Salpeter wie die Atacama; oft liegen nun beiderseits reiche Landstriche, wie die Mittelmeerküste Afrikas und der Sudan, die einander ihre Güter durch Frachtzüge quer durch die Wüste zusenden, und dauernd locken Quell- oder Flußoasen mit winkenden Dattelhainen, mit Fruchtfeldern aller Art; Obst- wie Mehlzukost wünscht sich aber der Steppen- und Wüstenmensch gar sehr zu seinem ewigen Einerlei animalischer Nahrung. Was Wunder also, daß letzterer bei seiner überlegenen Ortskunde, die Angriff wie Rückzug deckt, seiner körperlichen Kraft, seiner fliegenden Eile zu Roß oder Kamel gern wenigstens nebenbei das Räuberhandwerk treibt, weshalb jeder Oasenort sich mit Lehmmauer umgürtet?

Das stete Wanderleben auf dürrer Fläche erzeugt eine Fülle von Gewohnheiten, die gänzlich abweichen von denen seßhafter Menschen, und sich darum weit weniger wandeln, weil hier eine Natur von unbeugsamer Starrheit gebietet. In der syrisch-arabischen Wüste fühlt man sich noch heute in die Tage der Erzväter Israels versetzt. Der Reichtum besteht wie zu Abrahams Zeit in Vieh und Silbergeschmeide, in Waffen und Teppichen. Außer dem unentbehrlichen Zelt, dessen Gestänge nebst härenen Tüchern die Lasttiere auf dem Marsch zu schleppen haben, muß die sonstige fahrende Habe aufs sparsamste bemessen werden. Man darf sich nicht Tisch, Stuhl oder Bettstatt gönnen. Man hockt und schläft auf platter Erde; auf den hingebreiteten Teppich wird die große Schüssel mit dem einfachen Mahl gesetzt, in die greifen die Herumhockenden mit den Fingern wie Christus und seine Jünger, denn die Israeliten behielten gar manche Sitten des alten Nomadenlebens bei, auch als sie in Palästina seßhaft geworden, nannten sie doch für immer ihr Heim ohel d. h. Zelt. Die Geräte müssen dauerhaft sein, weil man sie nicht so oft beim Händler erneuern kann; aus hölzernen, womöglich mit Metallreifen geschützten Schalen trinkt der Mongole seinen gemüseartig gekochten Thee mit reichlicher Zuthat von Hammeltalg. Geringer geschätzt als der Mann ist das Weib; es verrichtet niedere Dienste, bleibt ausgeschlossen vom Mahl der Männer. Sobald abends das Zelt aufgeschlagen, begiebt sich Frau oder Tochter zum Wasserholen, und damit sie den oft nicht so kurzen Weg nicht mehrmals zurücklege, muß der thönerne Wasserkrug recht umfangreich sein, darum wieder läßt er sich nur auf der Schulter oder auf dem Kopf tragen, was zu straff aufrechter Haltung des Körpers viel beiträgt. Das Bild der Rebekka am Brunnen kehrt allabendlich im Orient hundertfältig wieder. Es fesselt stets durch die Verbindung von Anmut und Kraftübung; wie spielend hebt die Wasserträgerin den schweren Krug empor und trägt ihn elastischen Schritts von dannen. Mitten in der syrischen Wüste begegnete unser Wetzstein einer wassertragenden Beduinenfrau, die unterwegs geboren hatte in menschenleerer Öde, und nun rüstig dahinschritt, den Wasserkrug auf dem Haupt, das Neugeborene im Arm. Auch die Prärie-Indianerin wird zuweilen wohl auf dem Ritt durch die meerähnliche totenstille Grasflur von ihrer schweren Stunde überrascht; sie bindet dann ihr Pferd etwa an einen einsamen Baumstamm und schwingt sich nach ein paar Stunden Rast heldenhaft mit dem Säugling auf ihr Roß.

Körperliche Ausdauer und Rüstigkeit sind diesen Nomaden in jahrtausendelangem Daseinskampf anerzogen worden. Die Patagonier, allerdings wohl die langbeinigsten aller Menschen, unternehmen Erholungsspaziergänge von mehr als 60 km. Der Tubu legt seine heroischen Wüstenmärsche mit der notdürftigsten Tagesration weniger Datteln zurück; im äußersten Fall öffnet er dem Kamel eine Ader an der Schläfe, formt sich aus den zerstoßenen Knochen am Weg bleichender Skelette von verschmachteten Menschen, häufiger von gefallenen Kamelen und aus den paar Tropfen Kamelblut eine Paste zur Fristung seines Lebens; Wasser kann er, falls er tagsüber regungslos im Schatten ruht und nur nachts mit seinem treuen Tier weiterzieht, vier Tage lang entbehren, dann erst bindet er sich todesmatt auf das Kamel, seine Rettung dem unvergleichlich scharfen Spürsinn desselben überlassend. Der Kalmücke vermag auf Karawanenreisen wenigstens drei Tage lang zu hungern und zu dursten; findet er dann noch kein Trinkwasser, so rupft er Haare aus der Mähne des Pferdes und kaut daran.

Langes Fastenkönnen und erstaunliche Gefräßigkeit entspricht vollkommen dem auf Mangel an Speise oft folgenden Überfluß des Jägers, der entbehrungsvollen Wanderung und späten Abendrast des Hirten-Nomaden. Der Mongole kann mehrere Tage ohne Speise bleiben, jedoch einen viertel Hammel sieht er als gewöhnliche Tagesration des Mannes an, ja er vertilgt bei festlichem Gelage einen Hammel mittlerer Größe an einem einzigen Tage für sich allein. Zu starkes Essen gilt übrigens bei diesen Völkern oft als des Mannes unwürdig. Auf Fehdezügen läßt sich der Kalmücke an ein paar Bissen Fleisch genügen oder er kaut geröstete Tierhaut; am Tage der Schlacht pflegt er nur die Brühe vom Fleisch zu trinken. Nordamerikanische Steppenindianer vermeiden selbst bei reichlichen Vorräten übermäßiges Essen (das sie nur Weibern, Kindern und Hunden nicht verargen), um sich straff zu halten für Mannesthaten bei Waffenspiel oder ernster Gegenwehr.

Zum Spiel ist dem Nomaden viel Zeit übrig, und er liebt auch im Spiel Körperkraft nebst Gewandtheit zu zeigen. Zum Bogenschießen oder Ballspiel lockt die baumleere Weite; letzteres erfreut den Teke-Turkmenen wie den Dakota und Tehueltschen. Im Zelt wird leidenschaftlich gewürfelt; der Gaucho schlägt die Faulheitsstunden mit Kartenspiel tot, während der Araber lieber in lauer Abendluft, nachdem im Purpur des westlichen Himmels die Sonne niedergesunken, dem Märchenerzähler oder dem Sänger der Ruhmesthaten seines Stammes lauscht. Nicht von ungefähr trägt das Schachspiel einen persischen Namen. Herrlich gelingen den Männern überall die Reiterkunststücke und das Wettrennen; im Morgenland befeuern die zuschauenden Frauen durch ihren Zuruf, jauchzen den Siegern zu, wehklagen über das Zurückbleiben der Ihren. Es sind das segensreiche Volksfeste, in denen unentbehrliche Tugenden durch den Sporn des Ehrgeizes ihre Pflege finden. Aus den südrussischen Grasfluren kamen die wagehalsigen Bereiterstückchen in die Kosakenregimenter der russischen Reiterei; Baschkiren, in Ostturkistan selbst würdige Priester vergnügen sich daran, im rasenden Galopp einen Stein vom Boden aufzuheben, ohne den Bügel loszulassen; die Turkmenen rennen auf 160 km um die Wette und stiften dem ersten Sieger den ansehnlichen Preis von zwölf Kamelen. Das malerischeste Schauspiel bietet aber ein Renntag in der syrisch-arabischen Wüste oder eine Falkenbeize, sei es auf Reiher, sei es auf Gazellen am Hauran. Da bricht die Jagd- und Reitlust der Beduinen am feurigsten aus; wie toll stürmen sie ins Weite, und wenn dann die silberweißen Jagdfalken im blauen Äther mit den Reihern im Knäuel sich verschlingen, da schauern sie wild empor, und jede Fiber zuckt den bronzefarbenen Männern, die trotz aller Nervenstählung hochgradig nervös sind, wie so oft die Menschen, die dauernd in elektrisch gespannter, trockener Luft leben.

Manche Eigentümlichkeiten treffen wir in diesen Landen, die nicht aus ihrer Eigenart hervorgegangen, sondern hier nur besonders treu erhalten sind, weil eben der Zeiger auf dem Zifferblatt der Kulturgeschichte dort so viel langsamer vorrückt als bei uns. Dahin zählt u. a. der vielfach noch nicht eingebürgerte Gebrauch des Kochsalzes. Man könnte zwar meinen, Fleisch und Blut der Wüstentiere sei durch deren salzreiches Futter schon salzig genug; in der That schmeckt trocknes Kamelfleisch wie gesalzen. Die Sträucher und Kräuter des so selten benetzten Bodens, in dessen Kruste die verdunstenden Tropfen von Tau oder Regen ausgelaugte Salzteile aufspeichern, sind oft nicht minder salzhaltig, folglich genießt z. B. der Namahottentotte, wenn er sich Knollen oder Zwiebeln zur bescheidenen Kost ausgegraben, schon etwas salzreichere Nahrung als wir, wenn wir Brot oder Kartoffeln verzehren. Indessen so viele von der Berührung mit unserer Kulturentfaltung bisher ausgeschlossen gebliebene Völker, darunter auch unsere Schutzbefohlenen auf Neuguinea und den Karolinen, wissen nichts vom Salzen der Speisen, daß wir gleichfalls bei den uns beschäftigenden Völkern hierin nur einen Nachhall der Urzeit erblicken möchten, in der unser Geschlecht sein stets vorhandenes, aber recht mäßiges Salzbedürfnis mit dem geringen Salzgehalt seiner Nahrung im ungesalzenen Zustand befriedigte, hingegen Zugabe von überflüssigem Salz als bloßem Gewürz zur Speise, an die wir uns nun als an eine Notwendigkeit so gewöhnt haben, noch nicht kannte.

Andere Einzelzüge haben jedoch die Bewohner der Trockenräume offenbar erst diesen in näherer oder weiterer Vermittlung entlehnt. So zeigen sie gern ihre Waffen, um feindlichen Angriff schon durch die Furcht vor diesen womöglich im Keim zu ersticken. Meist in offener Ebene dahinziehend, führen sie daher in weite Ferne drohende Waffen, mit Vorliebe Lanzen, die Kurden z. B. 8 bis 10 m lange Bambuslanzen, die Beduinen die längsten Flinten der Welt, während die Tuareg bei Speer und altertümlichem Schwert mit Kreuzgriff verharren, die Schußwaffe mit Pulver und Blei als Schutzmittel des Feigen von sich weisend. Die Waldlosigkeit ladet sonst gerade zur Verwendung weit tragender Schußwaffen ein. Mit der Sicherheit ihrer Pfeilschüsse bei jagendem Ritt machten sich Hunnen, Awaren, Magyaren unseren Vorfahren furchtbar, als sie aus den Steppen des Ostens nach Deutschland einfielen. Der Tubu bringt mit seinem wagerecht geworfenen zackigen Wurfeisen dem Gegner gleichwie mit einer Zackensense am Riesenstiel gefährliche Wunden bei. Die Schleuder spielt seit alters in den Trockengebieten der alten Welt eine ähnlich große Rolle wie Lasso und Bolas in denen der neuen.