Und welch ein genügsames, feinsinniges und flinkes Heer verschiedenartigen Getiers haben sich diese Trockenlande erzogen. Grabende Nager bevölkern zu Tausenden alle Steppen, begnügen sich zur Kost mit den unterirdischen Teilen, den Knollen, Zwiebeln oder Wurzelstöcken der dort wachsenden Pflanzen, wenn die brennende Sonne der Trockenzeit das Grün der Gräser samt der bunten Blumenschar vergilbt, ja in Zunder verwandelt hat. Dem niedlichen Bobak, einem Verwandten des Murmeltiers in den südrussischen Steppen, dient oft Monate lang der Morgentau an den Grasblättern als einzige Labe. Im prachtvoll durchsichtigen, weil dunstfreien Luftmeer zieht der Geier seine weiten Kreise und erspäht auf unvergleichlich ausgedehntem Gesichtsfeld am Boden seine Beute mit einer Scharfsichtigkeit, daß man sein Auge mit einem Teleskop vergleichen darf. Die Fennekfüchschen der Sahara erlauschen mit ihren breitdreieckigen Ohren, die das Spitzköpfchen so hoch überragen, das fernste Geräusch und sind gleich den wild lebenden Kamelen des Tarimbeckens bis zur Unerkennbarkeit ihrer Bodenumgebung gleichfarbig, hier graugelb, dort mehr rötlich. Kamele, Pferde, Antilopen und Strauße zeigen sich vor allem dadurch ans Trockenklima angeschmiegt, daß sie schnellfüßig die gänzlich wasserleeren Strecken durcheilen und teilweise wunderbar lange Zeit des Wassers völlig entbehren können. Hält doch das zweihöckrige Kamel das Tragen zentnerschwerer Theelasten durch die Gobi im härtesten Winter aus, selbst wenn es bis zum zehnten Tag kein Futter erhält und nur auf gelegentliches Schneelecken angewiesen ist, um den Durst zu löschen. Das einhöckrige Kamel hält selbst in der Wüstenglut Arabiens den Karawanenmarsch bis zum fünften Tag ohne Wasser aus, im Frühjahr, wenn warme Regen ihm genug „Haschisch“ (Grünfutter) ersprießen lassen, sogar mehr als drei Wochen.

Wie sollte da der Mensch als Bewohner des Trockenraums nicht gleichfalls dessen Gepräge tragen! Lenken wir den Blick zuerst nach dem Morgenland. Der eigentliche Orient, also was, etwa von Rom aus betrachtet, den Ostrand des geographischen Gesichtskreises der Alten ausmachte, von Palästina bis zum indischen Fünfstromland, und was ihm in Arabien, sowie in Nordafrika gleichartig sich anschließt, fällt in jenen gewaltigsten Steppen- und Wüstengürtel der ganzen Erde, der am atlantischen Meer mit der Sahara beginnt und erst mit der Kirgisenheimat und an der centralasiatischen Grenze gegen Sibirien, die Mandschurei und China endet. In der Regel führt man die bekannten Charakterzüge orientalischen Lebens auf den Islam zurück, als wenn die Lebensregeln des Koran nicht selbst erst zum guten Teil der arabischen Wüste entsprossen wären. Oder wenn man sich darauf besinnt, daß ja dies orientalische Wesen vor Mohammed zurückreicht, mindestens bis in Abrahams Zeit, so macht man gern die den Orientalen nun einmal angeborene Sinnesrichtung dafür verantwortlich. Das dünkt zwar recht bequem. Aber so gewiß die Gewohnheit bei den Völkersitten eine sehr große Rolle spielt, so handelt es sich für die Wissenschaft doch eben um Aufdecken des Ursprungs der habituell gewordenen Gewohnheiten. Da nun Syrer wie Perser, Araber wie Türken, mithin Sprossen ganz verschiedener Verwandtschaftsgruppen, der semitischen, indogermanischen, mongolischen, innerhalb des Orients die Eigenart ihres Lebens in den Grundzügen gemein haben, so ist nichts wahrscheinlicher von vorn herein, als daß sie eben erst in diesem Trockenraum und durch ihn sich in ihrem Sittenschatz verähnlichten. Diese Wahrscheinlichkeit erhebt sich überall da zur Gewißheit, wo wir die nämlichen Lebenszüge bei Australiern und Prärieindianern, Patagoniern und Hottentotten gewahren, die nie mit Orientalen Sittenaustausch zu üben vermochten, wohl aber wie sie in waldleeren, offenen Fluren mit trockenem Klima wohnen.

Was zuvörderst die Körpereigenschaften betrifft, so hat die trockene Luft etwas Zehrendes. Die in ihr lebenden Menschen bekommen deshalb, je mehr sie sich ihr aussetzen, straffe Muskeln, setzen aber wenig Fett an. Durchweg sind somit Steppen- und Wüstenbewohner hager und sehnig; bei den Kalmücken spricht eine berühmte Ausnahme für die Regel: ihre Priester, die Gällunge, weil sie unthätig den ganzen Tag im Zelt zu sitzen pflegen, sind Ausbunde von Fettleibigkeit. Ferner bräunt das grelle Licht der schattenarmen, dunstfreien Luft die Haut; das beweisen die ungarischen Pußtenhirten, die Hirten der pontisch-kaspischen Steppe Südrußlands, die Gauchos der Pampas. Die Haut wird durch ihre Trockenheit der Luft leicht rissig; gegen dies schmerzhafte Aufspringen der Haut salbten sich die alten Griechen bei minder umfänglicher Gewandung mit Olivenöl, der Pußtenhirt reibt sich mit Speck ein und hängt seinen zottigen Schafpelz über den Hirtenstab nach der Windseite, der Buschmann ringelt sich schlangenhaft zur Abendrast in die flache Erdgrube, in der er ein glücklich erbeutetes Häslein mit Haut und Haar vorher geschmort hat, um des andern Morgens mit der fettdurchtränkten Aschenkruste als einziger Bekleidung weiterzuwandern. Buschmänner und Hottentotten zeichnen sich ganz besonders durch eine zur Runzelung neigende, fettarme Haut aus; darum erhält ihr Gesicht schon in der Jugend ein faltiges, sauertöpfisches Aussehen, weil sie zum Schutz gegen die blendende Lichtfülle ihrer Umgebung bestrebt sind die Augen zusammenzukneifen wie wir, wenn wir aus dem Dunkeln plötzlich ins Helle treten. Welch bezeichnender Gegensatz, diese schlitzartig verengten Augen des Kalacharimannes gegenüber dem weit geöffneten Phäakenauge des Negers!

Durch eudiometrische Untersuchung von Luftproben aus der libyschen Wüste wissen wir, zu einem wie hohen Grad der Ozongehalt der Luft in Trockengebieten sich steigern kann. Vermutlich beruht auf der Vernichtung der krankheitserregenden Mikroben, insonderheit der Tuberkelbazillen durch das Ozon die gesundende Kraft des Trockenklimas, wohl auch das Belebende, was z. B. die Saharaluft auf den europäischen Wanderer ausübt. So lange die Bewohner von Steppen und Wüsten ihre ozonreiche, freie Luft einatmen, kennen sie den Würgengel der Schwindsucht nicht; er hielt in die nordamerikanischen Prärien erst mit der Stadtsiedelung seinen traurigen Einzug.

So beneidenswert wie die Gesundheit ist die Sinnesschärfe unserer Völker. Sie wurde tellurisch gezüchtet, weil zum Erspähen der Jagd- oder Räuberbeute, zum lebenrettenden Heimfinden zu den Seinen in diesen menschenöden Landen alle Sinne im alltäglichen Daseinskampf zur entscheidenden Mitwirkung berufen waren.

Das Gehör spürt noch die leisesten Schallwellen, von denen unser Ohr nicht das Geringste empfindet. In Australien unterhalten sich einander begegnende Schwarze, wenn sie längst in entgegengesetzter Richtung fortwandern, und der begleitende Europäer einen Monolog zu hören meint. Ungefähr ein halbes Kilometer nennt der Kalmücke eine Hörweite, denn auf solche Entfernung ist ihm menschliche Rede ohne Stimmverstärkung verständlich. Wie seltsam doch die Sitte kirgisischer Mütter, den Kleinen die Ohrmuscheln auszuweiten, damit sie dereinst durch besseres Auffangen der Schallwellen besser ins Leben passen! Am Geruch erkennen die Leute menschliche wie tierische Fährte, wenn sie auf unbewachsenem Felsboden keinen Eindruck zurückließ, mitunter noch nach Tagen. Aimara-Indianer finden sich in finsterer Nacht zum Lagerplatz zurück durch den Geruch der Fluren, von dem der stumpfsinnigere Weiße gar nichts spürt. Der Australschwarze wird gern in die austral-englische Polizei eingestellt wegen seines äußerst feinen Witterungsvermögens, das ihn Menschen- wie Tierfährten weithin auf hartem, keinerlei Eindruck verratenden Felsboden verfolgen läßt, selbst wenn etwa der Schafdieb bereits tags vorher über ihn fortgeeilt ist. Wie südrussische Steppenrinder Tränkplätze auf weite Ferne wittern, so tritt wohl auch im Osten der großen Wüste der Araber voll Sehnsucht nach dem Abschluß seines Karawanenzugs auf eine Hügelspitze, schlürft, das Antlitz gen Osten, gierig die Luft ein und kündet frohlockend: „Ich rieche den Nil!“ Er hat den Strom entdeckt, ohne ihn zu erblicken. Doch freilich die Schärfe des Gesichtssinns erweckt noch mehr unser Staunen. Des Menschen Auge ist ja ein Organ steter Anpassung, hochgradiger Fernblick kann sich mithin nur entwickeln innerhalb dunstfreier, weiter Horizonte, so beim Gemsjäger, beim Steppen- und Wüstenmenschen. Letzterer aber lernte im unablässigen Daseinskampf diesen weitesten Horizont aufs vollkommenste beherrschen mit seinem Falkenauge, und dieser wunderbare Späherblick vererbte, verfeinerte sich von Geschlecht zu Geschlecht. So sind Trockenräume die Gebiete der größten Sehschärfe durch alle Kontinente. Der Buschmannknabe in Liechtensteins Begleitung auf der Rückfahrt vom Kap erkannte noch ziegengroße Antilopen an der afrikanischen Küste auf Stundenferne, was Liechtenstein nur mit dem Fernrohr zu kontrollieren vermochte. Der Targi der Westsahara zählt bereits die Kamele einer eben in den Horizont eingetretenen Karawane, wenn der Weiße neben ihm ohne Fernglas noch gar nichts von ihr sieht. Der Australschwarze verfolgt die kleine Biene seiner Heimat, nicht größer wie unsere Stubenfliege, bis auf 18 m Höhe ins Dunkel eines Baumwipfels, um den wilden Honig zu ergattern. Die größte uns bekannte Späherleistung möchte indessen von jenem rosseweidenden Kalmücken auf der ciskaukasischen Steppe erzielt worden sein, der die Russen vor einem Überfall bewahrte, indem er den aufwirbelnden Staub eines heranziehenden feindlichen Heerhaufes auf 30 km Ferne erkannte, d. i. die Entfernung Potsdams vom Ostende Berlins.

Die urälteste Form des Menschenlebens, der Nomadismus, hat sich bis zur Gegenwart in den Steppen und Wüsten erhalten, weil hier der Mensch unter der Bedingung heroischer Marschausdauer, beherzter Waffenführung, genügsamer Kost, auch gelegentlichen Hungerns und Durstens der uralten Wonne unseres Geschlechts sich weiterfreuen durfte: der goldenen Freiheit, ohne als Arbeitsknecht Hacke oder Pflug führen zu müssen. Stets haben diese Freischweifenden mit der Verachtung des kühnen Recken auf die Seßhaften herabgesehen, so die Beduinen d. h. die Wüstensöhne auf die feisteren Bauern des arabischen Küstenrandes, die ihnen nur zum Brandschatzen, wenn nicht zu dauernder Knechtung da zu sein schienen, ebenso die Kurden der armenischen Alpmatten auf die Armenier, die drunten im Thal Feld und Garten berieseln mußten im Schweiß ihres Angesichts; bis zur russischen Besitzergreifung auch die freiheitsstolzen, türkischen Ösbegen Turans, die, wenn sie als Herren der persischen Siedler der Flußchanate ihr Heim in diesen selbst aufschlugen, doch lieber ihre Filzjurte im viereckigen Freihof des Wohnhauses aufschlugen als wie Feiglinge in den Lehmmauern eines Hauses zu wohnen.

Australiens eingeborene schwarzbraune Rasse hält noch gegenwärtig an ihrer uralten frei schweifenden Lebensweise fest, wie sie dereinst bedingt war durch das nahezu gänzliche Fehlen anbaulohnender Gewächse und die Spärlichkeit jagdbaren Getiers in den wasserarmen Ödungen des Landes neben völliger Abwesenheit melkbarer Tiere. Auch nachdem nun die europäischen Ansiedler mit bestem Erfolg unsere Kulturgewächse und Haustiere nach Australien gebracht haben, verbleibt der Australschwarze lieber der alten Freiheit treu, so sehr sie mit dem Jammer des bloßen Sammelns von kümmerlichen Brosamen am Tisch der Wildnis naturnotwendig verknüpft ist. Die Männer des Stammes schweifen auf der täglichen Wanderung weiter aus, etwa eine Känguruherde aufzutreiben, einen Vogel mit dem Bumerang herabzuholen, die Erdhügelnester des Tallagallahuhns auszunehmen; die Weiber ziehen auf kürzerer Linie, mit dem armseligen Hausrat und den kleinen Kindern bepackt, nach eßbaren Wurzeln grabend, wilden Honig, Baumharz, kaum genießbares Gewürm zur Stillung des nagenden Hungers auflesend, einem noch nicht ganz erschöpften Wasserloch zu, an dem sie abends das Feuer entfachen vermittelst des brennend unter der Glut des Tagesgestirns mitgeschleppten Holzscheites, auf daß der gestrenge Gatte nicht zürne über zu langen Aufschub, wenn erst durch Aneinanderreiben von Hölzern das Feuer entzündet werden müßte, und jener dann unsanft den langen Wanderstab auf den Kopf der Gattin niedersausen ließe.