Werfen wir zum Schluß noch einen raschen Blick auf die Bedeutung des Meeres für den Staat, so versteht es sich aus dem eben Gesagten zunächst von selbst, daß jeder Staat, falls er sich der Vorteile des Seewesens für seine Angehörigen bewußt wird, nach Ausdehnung seines Gebiets bis zum Meer streben wird, und wäre es auch bloß um einen so winzigen Küstenstreifen zu erwerben wie neuerdings Montenegro an der Adria erhielt. Denn wer einen Fuß am Strande hat, kann seine Schiffe um die ganze Erde senden. Welche Machtfülle in Seehandel, Seeherrschaft und Kolonisation bis an die entlegensten pontischen Gestade hat im Altertum Milet, im Mittelalter Genua von einem einzigen Hafen aus entfaltet! Die Schweiz steht uns als einziger Wunderbau eines Staates vor Augen, der, auf den Alpenzinnen inmitten Europas gegründet, durch den rüstigen Industrietrieb seiner Bewohner Handel über die ganze Welt hin treibt, ohne je eine Küsteneroberung hoffen zu dürfen. Aber wie peinlich abhängig fühlt sich darum auch die Schweiz für Warenabsatz nebst Warenfracht von den Zolleinrichtungen, den Tarifsätzen der Eisenbahnen seitens der vier Großstaaten, die sie umklammern! Rußland hingegen bietet uns das weltgeschichtlich größte Beispiel eines ursprünglich rein binnenländischen Staates, der in zielbewußten Vorstößen die Küsten seiner sämtlichen Umgebungsmeere sich angliederte, daß nun sein Banner weht von der Ostsee bis zum Huanghai.
Aber dem Staat als solchem verleiht das Meer drei der besten, ja der unentbehrlichsten Gaben: Unabhängigkeit, Einheit und Machtfülle. Das Meer ist das schlechthin Unbewohnbare, betont mit Recht Ratzel, somit die allersicherste Schutzmauer für einen Staat. Wie viel minder gewährleistet erschiene des größten Freistaats Freiheit, hätte die Union zum atlantischen Littoral nicht auch das pazifische errungen! Ein allseitig meerumschlungenes Staatsgebiet wie das britische, das japanische und nun auch Australien, der neue Weltinselstaat, kann nie anders als punktweise, nämlich allein durch Flottenangriff berannt werden. Frankreich erscheint durch Überwiegen der Seegrenze besser gedeckt als Deutschland. Weil gleichfalls der friedliche Verkehr nur stichweise zu Schiff über die Küste ins Innere eines Staates zu dringen vermag, haben die vom Meer gebildeten Staatsgrenzen auch ethnisch etwas schärfer Umrissenes vor den verschwommeren Landgrenzen voraus: sie helfen besser die Vereinheitlichung nationaler Volksmischung zu fördern und zu erhalten. Im römischen Weltreich bewährte sich umgekehrt ein einzigesmal in der Geschichte das Mittelmeer als die von innen her den gewaltigen Staat zusammenhaltende Kraft. Unablässig jedoch bringt das Weltmeer von außen allen Staaten, an deren Saum es brandet, und die seinen Weckruf verstehen, Einheit und Macht. Griechenland, die Apenninen-Halbinsel verlegen bei ihrem gebirgigen Inneren einen guten Teil ihres Gesamtverkehrs auf die Küstenfahrt, die Tag für Tag Bewohner und Güter von Nord und Süd zusammenführt, die Interessengemeinschaft steigernd und immer von neuem den Blick auch weiter lenkend auf die hohe See jenseits des heimatlichen Strandes.
Seehandel wie jede über See drängende Thätigkeit, sei das Großindustrie, technische Bethätigung über See oder Kolonisation, führt mehr als irgend etwas sonst zur Verflechtung einer Nation mit der weiten Welt, schweißt aber zugleich die binnenländischen Staatsteile aufs festeste zusammen mit der Küste, über die allein der lebendige Austausch zwischen daheim und draußen geschehen kann, schmiedet folglich mit den Hammerschlägen des Begreifens der Zusammengehörigkeit die Teile zum Ganzen. Das fühlen wir Deutsche kräftiger denn jemals in der Gegenwart. Kein Hohenstaufe kehrt mehr den deutschen Küsten gleichgültig den Rücken, um Romzüge über die Alpen zu führen; keine Hanse streicht mehr unmutig die Flagge, weil es ihren ruhmwürdigen Thaten an Sicherung durch Reichsschutz gebricht. Eine wachsende Panzerwehr unter deutscher Reichsflagge schirmt unsere Handelsschiffe auf allen Meeren, leiht jeder redlichen Unternehmung deutscher Reichsbürger in und außer unseren Schutzgebieten ihren schützenden Arm bis zum fernsten Strand. So strömen, vor feindseligen Unbilden bewahrt, die von deutscher Betriebsamkeit verdienten Güter der Welt über die Schwelle des Meeres in alle Gaue unseres Vaterlands, steigernd den Wohlstand unseres Volkes zu vordem nie erreichter Höhe, segensvoll erweiternd seinen geistigen Gesichtskreis, nährend die staatliche Macht. Auch unseres Reiches Herrlichkeit liegt stark verankert im Weltmeer.
III.
Steppen- und Wüstenvölker.
Es wäre sehr unkritisch, jedwede Harmonie zwischen dem Wesen eines Volkes und seiner Naturumgebung durch letztere verursacht zu denken. Leichtgläubig pflegt man den Satz hinzunehmen, die lachende, sonnenbestrahlte Landschaft Südeuropas habe „natürlich“ die lachende Heiterkeit der Hellenen, der Süditaliener und Südspanier hervorgebracht. Aber obschon die Leichtigkeit des Erwerbes des Wenigen, was in diesem Süden zum Leben nötig ist, von dem mild subtropischen Klima mitbedingt wird, und ein vollends etwa schon ursprünglich zu frohsinniger Lebensanschauung geneigtes Volk unter einem solchen Himmelsstrich dieser Neigung, unbedrückt durch materielle Sorgen, sich hingeben, bei nur einigermaßen künstlerischer Anlage gewiß auch durch die farbenglänzende Pracht von Himmel, Land und Meer bei holder Muße sich zu Kunstschöpfungen anregen lassen wird, so muß uns doch schon ein einziges klassisches Beispiel aus der neuen Welt von dem voreiligen Schluß abschrecken, die Gemütsstimmung der Völker sei ein unmittelbares Spiegelbild seiner Umgebung: die Nachkommen des erlauchten Kulturvolkes der Azteken haben unter dem Azurblau des strahlenden Firmaments von Mejiko in einer Landschaft, die bis hinan zu den herrlichen Riesenvulkanen mit ihren Schneezinnen ungleich reizvoller ausschaut als die Gegend am Fuß des Vesuv oder des Etna, die Schwermut bewahrt, die ihnen wie den meisten Indianerstämmen als ein Rassenerbe auf die Stirn geprägt ist.
Schiffervölker müssen ihre Kunst einbüßen, sobald sie in wasserlose Binnenräume versetzt werden, Temperamente dagegen können den Ortswechsel überdauern. Zum vertrauenswürdigen Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs zwischen Landes- und Volksart kann uns erst eine vorsichtige Anwendung vergleichender Methode führen. Wir müssen untersuchen, ob Landschaftsarten, die in möglichst scharfer Individualisierung an den verschiedensten Stellen der Erdoberfläche wiederkehren, auf Bewohner der mannigfachsten Herkunft, also wahrscheinlich auch der mannigfaltigsten Begabung von Haus aus gleiche oder doch ähnliche Wirkung geäußert haben. Solche scharf ausgeprägte Eigenart der Landschaft bei günstigster Verteilung über sämtliche Erdteile finden wir nun vor allen in den Trockengebieten, d. h. in den nur zeitweilig, doch alljährlich benetzten Landstrichen, die wir nach dem russischen Ausdruck stjep für Grasflur Steppen nennen, und in den so gut wie niederschlagslosen, den Wüsten.
Steppen, mehr noch Wüsten, haben zunächst dadurch das Völkerleben immerdar mächtig beeinflußt, daß sie durch Spärlichkeit von Trinkwasservorrat und die daher rührende Seltenheit, teilweise sogar völlige Abwesenheit menschlicher Ansiedlungen in ihnen den Verkehr erschwerten, deshalb ganze Völkerkreise, die von entgegengesetzten Seiten sie berührten, dauernder auseinanderhielten als Ozeane das zu thun pflegen. Wie lebhaft verkehren Europa und Amerika miteinander, seitdem die Seeschiffahrt zwischen beiden die Brücke schlug, während zwischen den afrikanischen Gestadeländern des Mittelmeers und dem Negerland, dem Sudan, die große Wüste heute wie vor Jahrtausenden eine Trennung bewirkt, die der schleppende Gang der Kamelkarawane nicht aufhebt. Die antike Kultur, das römische Weltreich fand an der Wasserarmut der Sahara wie der arabischen Wüste die von der Natur gesetzte Äquatorialgrenze. Der mit der Sahara an Größe vergleichbare Trockenraum Centralasiens, der freilich zugleich die allerhöchsten Gebirge zwischen dem Süden und Norden des Erdteils aufrichtet, hat nicht allein die indischen und die sibirischen Völker von jeder wechselseitigen Berührung abgehalten, sondern auch in westöstlicher Richtung, wo Bodenerhebungen viel weniger hemmten, Turan von China geschieden, daß äußerst selten erobernde Chinesenheere zum Sir und Amu herabstiegen; selbst das Tarimbecken Ostturkistans erscheint in der Geschichte zumeist nur als eine lose angegliederte, gern zum Abfall neigende auswärtige Provinz des chinesischen Reiches. Kaliforniens Küste lag infolge der Quellenarmut des „fernen Westens“ dem Osten der Vereinigten Staaten bis zur Eröffnung der ersten pazifischen Eisenbahn so fern, als gehörte das Land einem fremden Weltteil an. Die durchglühten, wasser- und schattenarmen Wüsten oder Halbwüsten Australiens durchmißt noch gegenwärtig keine einzige andere Verkehrslinie von Küste zu Küste als die des elektrischen Telegraphen.
Daß aber Steppen und Wüsten neben der trennenden Wirkung, die sie überall auf ihre Umgebung äußern, ihre Bewohner selbst vielseitig beeinflussen, lehrt schon der flüchtigste Blick auf ihre Pflanzen- und Tierwelt. Diese ist durchweg vor allem der Dürre der Luft und der Seltenheit oder doch der allzu einseitigen Verteilung der Niederschläge auf die Jahreszeiten angepaßt. In solcher Anpassung beobachten wir die saftarmen Holzgewächse Australiens mit ihren schmalen, gegen Verdorrung durch dicke Oberhaut geschützten Blättern, ihrem erstaunlich tiefdringenden Wurzelwerk, das noch Bodenfeuchtigkeit ergattert, wenn bereits Monate hindurch kein Tropfen Regen fiel; so die wunderbaren, blattlosen Saxaulbäume, die wie große, umgekehrte Reiserbesen aus den sonst so kahlen Flächen Turans hervorragen; so die Dattelpalme, die wie der Araber naturwahr sagt, „den Fuß im Wasser, das Haupt im Feuer“ haben will, d. h. den Regen geradezu scheut, nur von der Bodenfeuchtigkeit sich nährend; so den riesenhohen Säulenkaktus in der düsteren Mohavewüste, ferner die Fülle der über den Boden rankenden Kürbis- und Gurkenarten, die durch ihr saftstrotzendes Fruchtfleisch die Samen vor dem Eintrocknen bewahren. Auch die Harzausschwitzung so vieler Holzgewächse der Trockenräume dient ihnen als Schutz gegen den Verschmachtungstod, nicht minder die Dufthülle, die viele Kräuter durch Verdunsten aromatischer Öle aus winzigen Drüsen ihrer Oberhaut sich schaffen gleich unserem Salbei oder der Krauseminze; das Experiment hat nämlich erwiesen, wie sehr diese Dufthülle die stetig sich vollziehende Abgabe der Säftemasse aus dem Pflanzenkörper in Gasform an die Luft einschränkt.