Als Tacitus seine Germania verfaßte, gab es zwar im römischen Provinzialgebiet links vom Rhein, an Donau und Inn, auch im Zehntland zwischen Donau und süddeutschem Rhein schon mannigfachen Anbau; auf den Schieferfelsen längs der Mosel und des norddeutschen Rheins pflegte man bereits die Rebe, auf Donau und Inn schwammen Getreideschiffe, wenn auch der Bodenanbau sich mehr an die Thalweitungen der Ströme hielt, sonst meist nur eine lichte Oase im Dunkel des Waldes bildete, etwa um ein einsames Römergehöft, angeschmiegt an einen sonnigen Thalhang mit Auslage gen Süden. Dort im Donausüden und im rheinischen Westen bewegte sich schon reger Verkehr auf den für den festen Tritt der Legionen solid gebauten Römerstraßen; auf dem Markt der vindelicischen Augusta, des heutigen Augsburg, trafen sich die verschiedensten Volksstämme, man redete in germanischer, keltischer, römischer Sprache; Mainz war ein wichtiger Waffenplatz, im freundlich mit Weingärten und Obsthainen umschmückten Thalkessel von Trier schlugen gelegentlich römische Kaiser ihren Sitz auf, um von wohlgeschirmter Stelle aus die Rheingrenze gegen Freigermanien zu überwachen. Aber eben dies Land der freien Germanen lag noch überwiegend im Waldesschatten, der nur von weiten Moorflächen und wohl auch stellenweise von offenem Wiesenland unterbrochen wurde, wo leicht austrocknender Lößboden den Waldwuchs weniger begünstigte als den von Gras und Kraut. Städte sah man gar keine, kaum geschlossene Dorfschaften, gewöhnlich bloß verstreute Blockhäuser, um sie her wohl etwas Feld, grasende Kühe, Schafe oder Ziegen, ein grunzendes Schwein, von Eichelmast genährt, aber keinen Baumgarten. Holzäpfel und Holzbirnen brach man sich aus dem nahen Wald, der in malerischem Durcheinander Laub- mit Nadelholz mischte; die schöne Eibe war an ihrem dunkelgrünen Wipfel schon von weitem erkennbar neben dem helleren Grün der Fichte oder der Kiefer; Eichen und Buchen walteten unter den nur sommergrünen Waldbäumen vor, aber auch Lindenbestände mengten sich ein, auf den Gebirgshöhen turmhohe Edeltannen. Bär und Luchs lauerten im Dickicht, in dem die wilde Taube gurrte und über dem krächzende Raubvögel ihre Kreise zogen; der Wolf ging auf Beute aus, fiel auch wohl weidende Wildpferde an; Wildschweine durchwühlten das Erdreich, neben Hirsch und Reh sah man das Elen mit seinem Schaufelgeweih das Geäst der Bäume und das Gestrüpp des Unterholzes geräuschvoll zur Seite drängen, um sich Bahn zu schaffen; in kleinen Gruppen durchzog das Geschwister des amerikanischen Bison, der Wisent, Niederungs- wie Bergwald, in größeren Herden weideten Renntiere die grauen Flechten des Waldbodens ab; an den morastigen Flußufern führten Biber ihre Wasserbauten auf im Schatten von Erlen, Eschen und Zitterpappeln.
Heute würde Tacitus sein Germanenland kaum wiedererkennen. Der Deutsche ist nicht mehr bloß Jäger und Viehzüchter mit nebensächlichem Feldbau, seine weit intensiver gewordene Arbeit gehört dem Ackerbau und der innig mit ihm verknüpften Viehhaltung, dem Gewerbe bis zur Großindustrie, dem Bergwerksbetrieb, dem Handel und der Schiffahrt. Das kündet Deutschlands Antlitz mit der nahezu die Hälfte der Bodenfläche einnehmenden Feldflur, den zur menschlichen Nutzung regulierten Flüssen, der Fülle von Städten, den Fabrikschornsteinen und Hochöfen, den See- und Stromhäfen, den Leuchttürmen und Deichbauten längs der Küstenlinie, dem umfassendsten Eisenbahnnetz in ganz Europa. Nur annäherungsweise haben sich Reste altgermanischer Landschaft noch erhalten auf den höchsten Zinnen unserer Gebirge und in den Mooren, soweit diese noch nicht der Brandkultur unterworfen wurden, oder durch Abtragen des Torfes bis zum festen Untergrund einer am Kanalgezweig in sie eindringenden Fehnkolonie den Platz räumten. Der Urwald ist, wo man ihn nicht durch Feuer oder Axt zerstörte, zum Forst geworden, also zum Kunstwald, der in eintönig gleichmäßigen Beständen solche Holzarten enthält, die rasch wachsen und gut bezahlt werden. Darum hat besonders auf unseren Gebirgen die Fichte die Vorherrschaft erlangt, die hauptsächlich unser Bauholz liefert; selbst die stolzen Edeltannen, von denen einige Patriarchen am obersten Schwarzathal noch aus der Stauferzeit stammen mögen, finden wegen ihres langsamen Aufwuchses keine Gnade bei der Forstverwaltung. Die Eibe treffen wir sogar meist nur noch als seltenes Relikt der Vorzeit an schwerer zugänglichen Stellen, so an der jähen Granitwand des Harzes, die vom Hexentanzplatz zur Bode abfällt; sie wächst erst recht langsam nach und erlag daher, allzu viel geschlagen wegen ihres für Schnitzerei trefflich geeigneten Holzes, bei uns wie in Skandinavien frühzeitig allmählicher Ausrottung. Renntier und Wisent verschwanden aus Deutschland schon während des Mittelalters, das Elen hält sich nur noch in ein paar preußischen Forsten unseres äußersten Nordostens, das mäßig große Wildpferd wird zuletzt in der Reformationszeit am Thüringerwald erwähnt, Wolf und Bär wurden in den Folgejahrhunderten ausgerottet, vom Biber führt ein kleines Häuflein an der untersten Mulde und in dem benachbarten Stück des Elbthals oberhalb Magdeburg ein beschauliches Dasein, anderwärts sind dem merkwürdigen Nager unsere Gewässer durch Befahrung und industrielle Anlagen zu unruhig geworden.
Unsere flüchtige Überschau hat ergeben, daß sich der umgestaltende Eingriff des Menschen in die Naturwildnis teils richtet auf Veränderung der Pflanzen- und Tierwelt je nach dem Bedarf seiner vornehmlichen Beschäftigung, teils auf Ausführen von Wege-, Wasser- und Hochbauten. In beiden Richtungen stellt sich die Wasser- und die Waldfrage in den Vordergrund. Bei beiden wollen wir noch einen Augenblick verweilen.
In der Wüste schafft sich der Mensch Kulturboden, indem er den in lichtloser Tiefe schlummernden Wasservorrat durch artesische Bohrung an die Oberfläche herauffördert, um bald im Schatten von Dattelhainen zu wandeln, wo sonst der Verschmachtungstod drohte. Im amphibischen Sumpfgelände gilt es im Gegenteil des Übermaßes von Wasser sich zu entledigen, um dann mitunter den allerfruchtbarsten Boden zu gewinnen. Letzteres war der Fall in Ägypten; in der Deltaflur des Nil war nicht zu leben als Fischer, Jäger oder Hirt, nur als seßhafter Ackerbauer, dann aber auch in hohem Wohlstand und wachsendem Volksgewimmel, das zur Arbeitsteilung, folglich zu hoher Kultursteigerung führte. So zogen die Altägypter den Kulturboden durch Entwässerung und Dammbauten aus dem Nilschlamm empor und schufen die eine Hauptwurzel der nachmals in Europa ausgestalteten Weltkultur. Die andere Hauptwurzel leitet weiter hinaus in das Mündungsland des Euphrat und Tigris. Hier ward in ganz ähnlicher Weise Kulturboden als Grundlage erstaunlich früh gesteigerter Menschheitsgesittung dem Sumpfdelta der beiden Zwillingsströme enthoben. Aber der ältere, darum höher an den Flüssen hinauf gelegene Deltaboden lag doch schon zu hoch über dem Stromspiegel, er wurde deshalb nicht mehr vom Hochwasser erreicht wie der am ägyptischen Nil, man mußte das Wasser durch Schöpfwerke emporheben und in zahlreiche Kanäle leiten, die zugleich der Schifffahrt wie der Felderbefruchtung dienten. Das war es, was das uralte Sumeriervolk und seine Nachfolger in diesem Deltaland, die Chaldäer, zu weit mühevollerer Leistung stachelte als die Ägypter. Indessen eben weil dieser Kulturboden von keinem Nil alljährlich von selbst getränkt und gedüngt wird, verlor er seine Erzeugungskraft, als der gedankenöde, die Thatkraft lähmende Kismetglaube des Islams das Leichentuch über das Land breitete. Babylonien versank in den Wüstenzustand; trauernd blickt der Birs Nimrud, der einzige turmartige Trümmerrest Babels, dieser größten Stadt des Altertums, auf eine sonnendurchglühte Ebene, der nun das Wasser fehlt, das einst die Heidenvölker so schaffensfroh heraufholten. Hier also harrt eine seit mehr denn tausend Jahren erstorbene Kulturlandschaft ihrer Auferstehung, sobald nur das rechte Volk kommt. Glorreicher erscheint darum die Bezeugung menschlicher Macht über rohe Naturgewalt in den Niederlanden, weil da noch zur Stunde das Siegeswort Wahrheit spricht: „Gott schuf das Meer, der Bataver aber den festen Wall der Küste.“ Wo einst die nordwestlichsten Deutschen, die Chauken, ein kaum menschenwürdiges Dasein fristeten, täglich zweimal zur Flutzeit vom einbrechenden Meer umgarnt, daß sie wie Schiffbrüchige in ihren auf künstlichen Hügeln erbauten Hütten als Flüchtlinge lebten, da hat der goldene Reif des Deichbaus, den ihre Nachkommen aufführten, fette Wiesen, besten Ackerboden in dessen Schutz gewinnen lassen, und Hunderte von Kanälen durchziehen wie weiland Babylonien zur Be- und Entwässerung das gesegnete Gefilde, aus dem man künstlich das Wasser zum Meer geleiten muß, denn reichlich ein Viertel der Niederlande, der ganze Raum von der Südersee bis zur Schelde, liegt tiefer als der Meeresspiegel. Dies ganze Land ist mithin echtester Kulturboden sogar seinem Ursprung nach, ihn hat der Mensch nicht meliorierend umgeschaffen, sondern erschaffen, dem Meere abgerungen.
Schulter an Schulter mit den Niederländern haben wir auch auf deutschem Boden den Deichbau zur Wehr gegen die anstürmende Nordsee ausgeführt, am Dollart unterseeische Polder erworben und innere Landeroberungen durch Urbarmachen der Moore, Trockenlegung von Sumpfstrecken erzielt; ja Friedrichs des Großen Trockenlegung des Oderbruchs steht auf ähnlicher Höhe wie diejenige des Haarlemer Meeres, die neuerdings 18000 Hektar ausgezeichneten Fruchtbodens lieferte, die Heimstätte von zur Zeit 14000 zu ansehnlichem Wohlstand gelangten Holländern. In den deutschen Mittelgebirgen, deren Begehung vielfach durch Torfmoore erschwert wurde, hat der Abstich letzterer freilich die Wasserkraft der aus ihnen gespeisten Bäche beeinträchtigt, denn jene gaben vorzügliche Reservoire ab für den Niederschlag: Regen- wie Schmelzwasser speicherte sich in ihnen wie in einem Schwamm auf und erhielt die Gewässer selbst bei Trockenheit und Hitze stark. Mancher unserer Gebirgsbäche, der jetzt zur Sommerzeit nur als dünner Wasserfaden durch sein Felsenthal niederrieselt, hat noch vor wenigen Jahrhunderten selbst unweit seines Ursprungs rastlos die Räder von Sägemühlen getrieben.
Eben in dieser Wasserökonomie haben wir nun auch die Hauptbedeutung des Waldes zu erkennen. Daß Entwaldung stets zum Niedergang eines Landes führen müsse, kann man allerdings nicht zugeben. Das hängt ja ganz von seiner Naturbegabung ab. Die britischen Inseln sind durch ihre Bewohner zum waldärmsten Glied des europäischen Körpers geworden und trotzdem eins der regenreichsten geblieben, weil ihnen der Südwest vom Golfstrom her Regenwolken in Fülle zutreibt, gleichviel ob diese Wälder antreffen, oder irische Viehtriften, englische Feldflur und Parklandschaft. Waldrodung ist in jedem Waldland die unerläßliche erste Kulturthat des Ansiedlers, denn er braucht geklärten Boden zu Hausbau wie Aussaat. Indessen wehe dem Volk, das ohne Verständnis für die Eigenart seiner Heimat vermessen antastet dessen Waldmitgift! Wie wir jetzt in Deutsch-Südwestafrika dazu schreiten, das Beispiel der Australengländer zu befolgen, den bisher nutzlos verlaufenden Wasserschatz sommerlicher Platzregen vorsorglich zu sammeln in Cisternen oder Stauteichen, daß er der Viehzucht wie dem Landbau zu gute komme, so beschirmt die Mutter Natur in glücklicher ausgestatteten Erdräumen das als Regen oder Schnee vom Himmel bescheerte Wasser durch das grüne Dach des lieben Waldes gegen zu rasche Verdunstung, gegen verheerenden Ablauf zumal im Gebirge. Frankreich, noch weit schlimmer die südlicheren Länder ums Mittelmeer, bezeugen, was geschieht, wenn zufolge fahrlässiger Waldverwüstung das Naß nicht mehr im schattigen Wald niedertropft auf moosigen Boden, um entlang den Baumwurzeln wie in tausend Kanälchen ins Erdreich zu sickern, Quellen nährend. Wo sind sie hin die schiffbaren Flüsse der Apenninen-Halbinsel zur Römerzeit? Im Süden vielfach zu tobsüchtigen Fiumaren geworden, liegen sie in der regenarmen Sommerzeit trocken, reißen dagegen bei winterlichen Gewittergüssen wie mit den Krallen eines Ungeheuers immer neue, immer tiefere Risse in die nackten Felswände, von denen die für den Pflanzenwuchs so nötige Verwitterungskruste krumiger Erde durch das nämliche Unwetter hastig in ihr Bett entführt wird, bloß zur Versumpfung der Niederung, zur Verstopfung der Flußmündung. So ist aus dem Land, da Milch und Honig floß, das skelettartig kahle Palästina geworden; das Fett des Bodens, besonders die kostbare Roterde, die aus der oberflächlichen Auflösung des palästinensischen Kreidekalks durch den Regen zurückblieb und in der Terrassenkultur der Israeliten sparsamst bewahrt blieb, mußte beim Verfall pflegsamer Bodenbehandlung, beim Abhieb der immergrünen Eichenhaine, von denen die Bücher des alten Bundes melden, der bleichen Steinwüste weichen.
Stets sind die Länder das, was ihre Völker aus ihnen machen. Das Aussehen jener verkündet untrüglich den Grad der Werkthätigkeit dieser. Immer höher klimmt der Mensch empor, die Natur seiner Umgebung in seinen Dienst zu zwingen und seine Herrschaft ums ganze Erdenrund auszudehnen. Boden wie Wasser sind beide längst die Schemel seiner Macht, und sie werden es von Tag zu Tag mehr. Aus der mechanischen Kraft des Flußgefälles holen wir uns elektrisches Licht, Triebkraft für unsere Maschinen und übertragen sie vom Gebirge in die Niederung. Hier versetzen wir gewissermaßen Gebirge, dort tunnelieren wir sie; wir durchstechen Landengen und lassen im künstlich erschlossenen Wasserweg Meere sich verbinden, wo es unser Verkehrsbedürfnis erheischt. Ja wir lassen auf Schienen- wie Dampferlinien die irdischen Fernen in der Praxis mehr und mehr sich kürzen, wir heben sie völlig auf in der Telegraphie.
Aber es ist nicht wahr, daß der Fortschritt der Kultur den Menschen loslöst von der mütterlichen Erde; nein, sie verknüpft ihn nur immer inniger und umfassender mit ihr. Wir fühlen uns immer heimischer auf dieser Erde, immer glücklicher in der Verwertung ihrer Güter, ihrer Kräfte, stets jedoch bleibt sie das Grundmaß menschlichen Schaffens.