Wir gebrauchen das romanische Lehnwort „Nation“ nicht gleichbedeutend mit dem viel allgemeineren Ausdruck „Volk“. Volk bedeutet uns keinen recht bestimmten Begriff: „Viel Volks“ brauchen wir in dem nämlichen Sinn wie „eine Menge Menschen“. Die Bewohner jeder Thalung, jeder Insel, jeder Stadt und jedes Staates dürfen wir im zusammenfassenden Sinn „Volk“ nennen, selbst wenn sie von ihren Nachbarn nicht oder kaum verschieden sind. Auch Nationen sind Völker, indessen nicht jedes Volk ist uns eine Nation. Es giebt keine hamburgische, württembergische, sächsische oder preußische Nation, wohl aber eine deutsche, französische, russische; etwa auch eine belgische und niederländische, eine schweizerische oder österreichische?
Schon bei dieser Frage stutzt man. Die Österreicher wird nicht leicht jemand eine Nation nennen; den meisten wird das auch schwer ankommen bei den ihrer Abkunft und Sprache nach ganz und gar deutschen Holländern, vollends bei den Belgiern und Schweizern mit ihrer teils deutschen, teils romanischen Muttersprache. Wir ertappen uns auf großer Unsicherheit, wenn wir die Frage beantworten sollen: machen die Bewohner der Vereinigten Staaten von Amerika eine Nation aus? Viele werden das verneinen mit dem Hinweis darauf, daß diese Nordamerikaner doch nur ein Gemisch aus den verschiedensten Völkern Europas und Afrikas darstellen. Können indessen nicht aus der Verschmelzung von recht unverwandten Völkern Nationen geboren werden? Ist nicht die chinesische hervorgegangen aus der Vermischung der aus Innerasien vormals an den Huangho hinabgezogenen Urchinesen mit einer Menge ihnen von Haus aus fremder Vorbewohner Nordchinas und vollends Südchinas, wo noch bis zur Zeit des zweiten punischen Krieges keine Chinesen hausten und wo bis zur Stunde Reste unchinesischer Stämme zu Hunderttausenden von Köpfen weiterleben? Zeigt uns die russische Nation nicht noch in der Gegenwart ganz den nämlichen Umschmelzungsvorgang durch Aufgehen finnischer wie türkischer Völker im alles aufschlürfenden Russentum? Ist nicht geradezu jede Nation ohne Ausnahme ein Mischungserzeugnis?
Keiner braucht sich zu schämen, wenn er bekennen muß, über solche Skrupel sich noch nicht recht klar geworden zu sein. Beweisen doch zwei unserer größten Geister aus dem Anfang des 19. Jahrhunderts, wie völlig gegensätzlich sogar man damals noch über den Sinn des Wortes Nation bei uns dachte. Schiller ruft in einem Distichon aus:
„Zur Nation euch zu bilden,
Ihr hofft es, Deutsche, vergebens!“
Und gleich nachher, als Deutschland dem korsischen Sieger zu Füßen lag, hielt Fichte unter dem Trommelgetöse einer französischen Besatzung zu Berlin unter den Linden seine Flammenreden „an die Deutsche Nation“!
Schiller meinte unter Nation offenbar eine im Nationalstaat geeinte Volksschar, Fichte dagegen hatte den Mut, selbst im zeitweilig niedergetretenen, staatlich völlig zersplitterten Deutschtum die nationale Kraft der Gemeinsamkeit anzurufen in prophetisch zuversichtlichen Worten, als hätte ihn die stolze Ahnung erfüllt, daß eben in mannhafter Gegenwehr gegen den französischen Erbfeind das deutsche Volk sich dermaleinst den nationalen Staat erkämpfen werde!
Aber es dünkt doch sehr an der Zeit zu sein, daß wir den Begriff „Nation“ in befriedigender Klarheit erfassen, weil er eine so mächtige Rolle im täglichen Leben spielt und bei seiner ursprünglichen Mehrdeutigkeit leicht als bestrickende Parteiparole von den verschiedensten Seiten mißbraucht werden kann. Man denke nur an die antisemitische Bewegung, an die mörderischen Kriege, die unter dem Vorwand der Nationeneinung im vorigen Jahrhundert geführt wurden!