Kein Zweifel freilich, daß das lateinische Wort natio einen Volksstamm bezeichnet, der zufolge gemeinsamer Abkunft seiner Glieder sich gleich zeigt in Aussehen und Sprache, in Brauch und Sitte. Jedoch die Geschichte lehrt, daß keine Nation eine solche natio, eine solche genealogische Einheit darstellt. Jede im Gegenteil gleicht einem Strom, der aus um so zahlreicheren Quellen sein Gewässer mischt, je gewaltiger er im Lauf zum Meere hin anwächst. Gleich sein von jeher dichten nur oberflächliche Beurteiler den Nationen an; gleich werden aber ist allerdings ihr unablässig betriebenes Werk. Eben weil Nationen sich in stets lebendigem Fluß befinden, ist es so verkehrt, doktrinär aprioristisch von einer starren Definition für den in Rede stehenden Begriff auszugehen und nachher schulmeisterlich zu Gericht zu sitzen, um alle diejenigen Völker als Nichtnationen abzuweisen, die dem im voraus festgestellten Begriff sich nicht fügen. Das ist regelmäßig der Fehler einseitig urteilender Historiker, Sprachforscher, Anthropologen oder Staatsrechtslehrer. Da sagen die einen: die Stammeseinheit macht die Nation. Nun dann wären Engländer und Deutsche nicht zwei Nationen, sondern nur eine, denn die Angelsachsen waren rein deutsch und mischten sich auf britischem Boden nicht viel mehr mit Kelten als unsere Vorfahren auf süddeutschem Boden, den doch bis zum Beginn unserer Zeitrechnung ausschließlich Kelten inne hatten, was noch heute daran ersichtlich wird, daß die Süddeutschen weit häufiger dunkel von Auge und Haar sind als die Norddeutschen. Andere behaupten: die Sprachgleichheit sei der richtige Ausweis nationaler Zusammengehörigkeit. Aber dann gehörten ja Engländer und Nordamerikaner zu einer und derselben Nation, ebenso Dänen und Norweger, die ja nach Sprache wie Abkunft völlig eins sind. Endlich heißt es: der Staat erst macht ein großes Volk zu einer rechten Nation. Das hat gewiß mehr für sich, denn Niederländer wie Portugiesen, Schweizer wie Nordamerikaner haben sich erst durch Gründen eigener Staaten zu nationaler Selbständigkeit erhoben, ja sogar losgelöst von ihren stammes- und sprachverwandten Brüdern außerhalb der von ihnen gezogenen Staatsgrenze.

Die Niederländer sind reinblütigere Deutsche als die Reichsdeutschen selbst, ihr Holländisch ist eine niederdeutsche Mundart so gut wie das Platt der Gegend von Düsseldorf oder Köln. Nichts deutete bis gegen Ausgang des Mittelalters auf nationale Abkehr dieser für uns so wichtigen Rheindeltaflur vom deutschen Mutterland. Da bricht der Krieg aus gegen die spanische Zwingherrschaft. Wir lassen die Holländer in diesem echt deutschen Kampf um Nacken- wie um Glaubensfreiheit thöricht genug im Stich und — fertig steht ein niederländischer Staat von vollgültiger nationaler Leistungsfähigkeit auf allen Gebieten des schaffenden Lebens. Ein Aufschwung ergreift das Volk, ähnlich dem der Hellenen nach ihrem Obsiegen über den Koloß der Persermacht. Aus den friedlichen Bauern und Heringsfischern geht eine kühne Seefahrernation hervor, die eine Zeit lang die Hegemonie auf dem Weltmeer inne hat; man gewinnt in überseeischem Handel und Kolonialbesitz eine wahre Großmachtstellung, schafft in der nun zum Adel einer Schriftsprache erhobenen heimischen Mundart eine hochansehnliche Litteratur, eigene Kunstschulen und ein Gemeinwesen, das auch heute noch sein wieder zu friedlicher Arbeit in engerem Kreise zurückgelenktes Volk sich eines beneidenswert gleichmäßig verteilten Wohlstandes erfreuen läßt, durchaus nicht gewillt, die seiner Eigenart angepaßte Verfassung durch Eintreten in den deutschen Reichsverband preiszugeben. Ganz ähnlich Portugal! Auch hier regte sich durchaus kein Streben nach Loslösung aus dem so fest in sich geschlossenen iberischen Halbinselkörper bis ins 11. Jahrhundert; der lusitanische Wohnraum deckte sich gar nicht mit dem heutigen Portugal; ethnisch wie sprachlich war die Absenkung Hispaniens zur heute portugiesischen Westküste vom Kernland der Mitte nicht tiefer unterschieden wie dieses vom Ebroland oder vom fröhlichen Andalusien. Portugiesisch war von jeher bloß eine spanische Mundart, die man übrigens auch heute noch im spanischen Galicien spricht. Der Staat Portugal erst brachte den Umschwung. Begründet dadurch, daß König Alfons VI. seinem Eidam, dem ritterlichen Heinrich von Burgund, das Küstenland zwischen Minho und Doiro als selbständige Grafschaft überweist, wächst Portugal, Schulter an Schulter mit Kastilien, im siegreichen Kampf gegen die Mauren südwärts aus, bis ihm an der Küste Algarves das Meer eine natürliche Grenze setzt. Seit 1256 hat kein anderes Königreich so fest seine Grenze eingehalten wie Portugal, ein Beweis naturgemäßer Umgrenzung. Die nur auf portugiesischem Boden, nicht ins spanische Hinterland schiffbaren Flußstrecken bilden samt der Küstensee treffliche Verkehrsstraßen zu innigerem Zusammenschluß des seiner ganzen Natur nach Kastilien entgegengesetzten, weit hinaus ins Weltmeer blickenden Landes. Das gab dem Volk sein eigentümliches Gepräge und schied es samt seiner auch hier zur vornehmen Litteratursprache entwickelten Mundart national von Spanien.

Doch wir blicken in die Frühepoche europäischer Gesittung zurück und vernehmen zwei merkwürdige Wahrsprüche der Geschichte über die gar nicht immer gleichmäßige Beziehung zwischen Staat und Nation. Die alten Griechen waren eine echte Nation in der wesentlichen Gleichartigkeit des Typus, der Sprache, der Sitte und Gottesverehrung, in ihrem stolzen Sichabsondern von allen übrigen Völkern, der Welt der „Barbaren“, im ruhmreichen Kampf zur Verteidigung ihrer nationalen Freiheit gegen den persischen Großkönig, indessen — nie brachten sie es zu einem nationalen Staat. Die Römer hingegen erweiterten Schritt für Schritt ihre festgefügte Staatseinheit vom römischen Weichbild auf Latium, auf Italien, auf die ganze Länderkette rings um das Mittelmeer, und gleichwohl hinterließ dieser Römerstaat, als er in Trümmer sank, keine einige Nation, sondern bloß vereinzelte Ansätze zu abgesondert voneinander sich entfaltenden Nationalitäten.

Ist somit doch nicht immer der Staat Grundlage oder Endziel nationaler Ausgestaltung, so führt uns wohl am sichersten ein Wink des berühmten Franzosen Ernst Renan der Lösung des Rätsels entgegen. In einem glänzenden Vortrag, den Renan in der Pariser Sorbonne am 11. März 1882 über das Thema hielt: „Qu’est ce qu’une nation?“ — der Vortrag liegt längst auch gedruckt vor, blieb jedoch in Deutschland fast unbeachtet — weist derselbe alle bisherigen Versuche, den Begriff Nation zu erklären, mit meist durchschlagenden Gründen zurück und überrascht zum Schluß mit der ganz neuen Deutung: „Eine Nation ist eine große Gemeinschaft, die sich gründet auf das Bewußtsein opferwillig für die Gesamtheit vollbrachter Thaten und auf das Einverständnis, auch künftig in dieser aufopfernden Gemeinsamkeit weiterzuleben.“ Er ruft aus: „Die Existenz einer Nation ist ein Tag für Tag fortgesetztes Plebiscit.“

Das kennzeichnet richtig die Nation als etwas in steter Entwicklung Begriffenes und legt das Schwergewicht mit Recht auf das thatkräftige Wollen. Thaten sind uns geradezu Berechtigungsnachweis dafür, daß eine Volksschar eine Nation ausmacht; eine herdenhafte Menschenmasse von Millionen und aber Millionen Köpfen, dabei so gleichartig, als stelle sie eine einzige Familie dar, wäre uns doch keine Nation, wenn sie thatenlos dahin vegetierte. Unklar bleibt nur bei Renan, worauf eigentlich dieser Wille der Zusammengehörigkeit beruht, aus dem die großen Thaten fließen. Vortrefflich eröffnet Renans Nationalbegriff die Perspektive auf die im gesunden Fortgang des nationalen Zusammenschlusses begründete Vollendung des letzteren, die Aufrichtung des nationalen Staates; denn nichts vermag besser den Willen der Absonderung von den Nichtgenossen zu verwirklichen als Abstecken einer möglichst gesicherten Staatsgrenze, nichts vermag andererseits den Willen des festen Zusammenstehens gründlicher in die That umzusetzen als das gesetzmäßig ausgebildete Pflichtensystem staatlicher Einrichtungen. Doch wenn wir fragen nach dem Urquell eben dieses Wunsches zusammenzuhalten, zu bethätigen das „alle für einen, einer für alle“, so läßt uns der geistvolle Franzose im Dunkeln. Er hellt dieses Dunkel auch nicht auf mit der Redewendung: „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip.“

Nein, das Wünschen und Wollen im bloßen Sinn subjektiven Beliebens führt gewiß nicht zu dauerndem nationalen Zusammenschluß. Es handelt sich um den objektiven Grund des Wollens, und ich denke, wir entdecken ihn, wenn wir den Renanschen Satz geographisch vertiefen.

Ist es an dem, daß vor allem der ausdauernde feste Wille des Zusammenhaltens in bewußtvoller Abkehr von den übrigen ein Volk zur Nation stempelt, so bilden z. B. die Schweizer entschieden eine Nation. „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,“ so läßt der Dichter die Schweizer auf der Rütliwiese ihren Bund besiegeln. Ja, sie wollen eins sein auch die Schweizer der Gegenwart, sie wollen wie Brüder zusammenstehen, so deutlich auch die welsche Zunge im Südwesten und Süden, die deutsche Zunge im übrigen größeren Raum ihrer Eidgenossenschaft laut es künden, daß sie nicht von gleicher Herkunft sind. Und warum wollen sie es? Weil sie ein und dasselbe Haus bewohnen, dies einzig schöne Haus von den Juraketten bis zu den firngekrönten Alpenhöhen, vom grünen Bodensee zum blauen See von Genf. Gar verschieden hat die Natur das Land ausgestattet. Wo im Südost die Alpen ragen, da thront naturgemäß die Sennerei; mit den Erträgen seiner Rinderzucht ist der Alpenschweizer auf das Hügelgelände des Nordwestens, auf die Molasseschweiz zwischen Jura und Alpen gewiesen, wo man Getreide und Obst baut, wo man Wein keltert. Schon damals, als die Melkbauern um den Vierwaldstättersee den urältesten, noch so eng umschränkten Eidgenossenbund gründeten, nahmen sie Luzern in ihn auf als ihren Marktort am Austritt der Reuß ins schweizerische Kornland. So klar erkannten sie, daß einem Dauer verheißenden Bund die materielle Wirtschaftsgrundlage nicht fehlen dürfe. Und dieser reale Grund, daß Alpen- und Molasseschweiz bei ihrer entgegengesetzten Begabung aufeinander angewiesen sind zu wechselseitiger Ergänzung, leitete den ferneren Ausbau der Eidgenossenschaft und hat bis zur Stunde diese Schweizer zusammengehalten. Das Bewußtsein solcher Zusammengehörigkeit aber erfuhr eine mächtige Steigerung durch äußere Widersacher: durch die habsburgischen Versuche, die alte Bauernfreiheit zu verkümmern, durch die blutigen Angriffe des eroberungslustigen Karl von Burgund, durch die Teilnahmlosigkeit des Deutschen Reichs in jenen schweren Tagen der Gefahr. So lernten die Schweizer, daß, wenn sie Herr in ihrem hehren Hause bleiben wollten, sie treu zusammenstehen müßten ohne Unterschied der Abkunft, der Sprache, des Glaubens. Sie erwuchsen zu einer Nation und schufen sich zur Wahrung ihrer nationalen Güter den immerdar festesten Hort, den nationalen Staat.

Das Beispiel der Schweiz ist ein Typus für Nationalentwicklung überhaupt. Wie in einem klaren Spiegel schauen wir es da, daß leibliche Verwandtschaft und daher stammende Sprachgemeinschaft durchaus nicht unerläßlich sind zum Entfalten einer Nation, so gewiß sie imstande sind das machtvoll zu fördern, ferner daß der eherne Panzer der staatlichen Einheit gar sehr benötigt wird, ja unter Umständen unentbehrlich ist, den Körper der Nation zu schirmen; vornehmlich aber erkennen wir an dem Muster der Schweiz die bisher allzu sehr übersehene Bedeutung der wirtschaftlichen Faktoren in ihrer Bedingtheit durch die Landesnatur.

In der Verkennung der leitenden Kraft dieser geographischen Einwirkungen liegt die Hauptschwäche der Renanschen Ausführungen. Er giebt zu, daß „die Geographie“ (er will sagen: die tellurische Beeinflussung) ihren gewichtigen Anteil habe an der Trennung von Nationen, indessen, nachdem er von der scheidenden Kraft der Gebirge, der verknüpfenden der Flüsse geredet hat (ohne des Meeres auch nur mit einem Wort gedacht zu haben), verkündet er: „Die Erde liefert doch nur die Unterlage, das Kampffeld für den Wettbewerb mit den Waffen oder in friedlicher Arbeit; der Mensch liefert die Seele.“ Und dann verflüchtigt er alsbald wieder den eben eingeräumten Einfluß geographischer Bedingnisse, indem er erklärt: „Eine Nation ist ein geistiges Prinzip, hervorgewachsen aus tiefen Komplikationen der Geschichte, eine geistige Familie, keineswegs eine durch den Bodenbau bestimmte Gruppierung.“