Nun ist zwar China nicht ganz so dicht bevölkert wie das Deutsche Reich, denn es wohnen dort wohl kaum über 80 Menschen auf 1 qkm, bei uns 103. Aber man bedenke, daß China erst jetzt seinem großindustriellen Aufschwung entgegengeht, wenn, wie sicher zu erwarten, dem Beginn seiner Eisenbahnära die Einführung der Dampfmaschine und der elektrischen Triebkraft in seine Industrie auf dem Fuß folgen wird. Bisher lebten die Chinesen wie wir im Mittelalter überwiegend vom Ackerbau, vom Handwerk und Kleinhandel. Und hierfür war seine Volksdichte, die sich z. B. in Kiangsu, der an Reis und Seide ertragreichsten Provinz zu beiden Seiten der Mündung des Jangtsekiang, mindestens aufs Doppelte des mittleren Wertes steigert, eine verhältnismäßig sehr hohe.

Wir sollten China ob seines patriotischen Stolzes nicht verlachen, selbst wenn er sich in Verachtung der Fremden äußert. Sein Staatswesen hat wie kein anderes Bestand gehabt von der Pharaonenzeit bis heute; Religionen erwuchsen, Religionen verschwanden um das Reich der Mitte her, aber Kongfutses Lehre blieb in Vollkraft durch die Jahrtausende. China genügte sich auch wirtschaftlich selbst; wie es, allen Nachbarreichen überlegen, seine sieghaften Waffen unter dem Drachenbanner mehrmals bis zum Kaspischen Meer trug, das ungeheure Innerasien fast stets in ganzem Umfang zu seinen Füßen sah, — so bedurfte es nichts von den Fremden weder für seine Ernährung noch für seine Kleidung; stolz wies es selbst die Waren der rothaarigen Teufel, die unter europäischen und amerikanischen Flaggen an ihrer Küste landeten, von der Hand, daß sich die Engländer durch Anstacheln des Opiumlasters eine schnöde Einfuhr ersinnen mußten, um Thee und Seide nicht bloß mit Silber bezahlen zu müssen.

So bestand bis in die jüngste Vergangenheit das chinesische Wirtschaftsleben wie das keines zweiten Kulturstaats in einem steten Versuch das Gleichgewicht zu halten zwischen einer zu grenzenloser Vermehrung drängenden Volkszahl und einer durchaus nicht ins unendliche vermehrungsfähigen Summe ausschließlich heimischer Landeserzeugnisse. Das brachte den großartigsten Kampf ums Dasein hervor, den je eine Nation gekämpft hat. Er ist es, der die größten Vorzüge des Chinesentums erschuf und fortdauernd vervollkommnete: den unvergleichlichen Arbeitsfleiß, die geduldigste Ausdauer und die bescheidenste Einschränkung der Ansprüche an die Genüsse des Lebens.

In China allein ist es ermöglicht worden, die uralte Lust unseres Geschlechts am ungebundenen, müßigen Dahinleben in ihr Gegenteil zu verkehren. In diesem riesigen Arbeitshaus China, wo man keine Sonntagsrast kennt und nichts vom Evangelium des Achtstundentages weiß, weil man sonst verhungern müßte, ist der Trieb zum emsigen Schaffen den Menschen zur anderen Natur geworden. Selbst dem gründlich gehaßten Herrn in San Francisko, bei dem der Chinese etwa Dienerstelle angenommen, leistet er unbeaufsichtigt pflichtmäßige Arbeit, einfach weil ihm leben arbeiten heißt. Und trotz aller Rastlosigkeit, trotz aller staunenswerten Geschicklichkeit bei der Arbeit, wie sie sich bei Benutzung einfachsten Geräts in so vielen Zweigen auch der Kunsttechnik staunenswert zu erkennen giebt, bringt es der Chinese daheim unter der Masse des Angebots von Arbeitskraft und Arbeitsleistung doch nach unseren Begriffen durchschnittlich nur zu einem Hungerlohn. Es klingt uns wie ein Märchen, daß ein erwachsener Chinese den Tag über mit acht Pfennig für seine Kost auskommt, ja in Zeiten durch Hungersnot gebotener Einschränkung sogar mit sechs Pfennig. Damit bestreitet er seinen Bedarf an Reis, Gemüse, Fisch und Thee, behält auch noch eine Kleinigkeit für Tabak übrig. Das erklärt sich einerseits aus der großen Billigkeit der Lebensmittel, andererseits aus der trefflichen Kochkunst, die schlechte, fast ungenießbare Ware genießbar und gut verdaulich macht, dabei nicht das mindeste fortwirft, freilich außerdem auch aus der Genügsamkeit des Chinesen und seiner Freiheit von Ekel, die ihm Hunde-, Katzen- und Rattenbraten, ja das Fleisch an Seuchen verstorbener Pferde oder Esel als willkommenste Zukost erscheinen läßt.

Die Tugend der Sparsamkeit übt kein Volk in so hohem Maße wie das chinesische; sie ist neben Arbeitsamkeit und Genügsamkeit die Hauptwaffe in seinem Ringen um Leben und Gründung eines eigenen Herdes. Der nordchinesische Bauer wühlt sich wie ein Murmeltier ein unterirdisches Obdach unter seinem Hirsen- oder Weizenfeld in die steile Lößwand an dessen Abhang, damit er seine Ernte nicht durch den Hüttenbau auf der Oberfläche um den Ertrag einiger Quadratmeter alljährlich verkürze. Ein rührendes Beispiel echt chinesischer Sparsamkeit und zugleich über das Grab hinausschauenden ehrenwerten Familiensinns teilte vor kurzem aus eigener, in China gemachter Erfahrung ein amerikanischer Missionar mit. Er sah eine hochbetagte, blutarme Frau, die sich kaum fortzuschleppen vermochte, mühsam an den Hauswänden einer Straße sich hintasten: sie befand sich auf dem letzten Ausgang, sie wollte, den Tod vor Augen, ihre einzige Verwandte aufsuchen, um von deren Haus beerdigt zu werden, damit die Sargträger nicht so viel forderten wie bei dem weiteren Weg von ihrer eigenen Behausung.

Wenn ein Volk, das über ein Fünftel der Menschheit ausmacht, in so eintönig freudlosem Schaffen vom ersten Tagesgrauen bis zum späten Abend, ja vielfach bei nächtlicher Weile, den Schlaf scheuchend, sich um so kümmerlichen Verdienst abmüht, so beschleicht uns bei Betrachtung dessen wohl ein wehes Mitgefühl. Ist nicht die goldene Freiheit des Wilden beneidenswerter als dieses Arbeitselend des Kulturmenschen? Hat unser Geschlecht nicht eben durch Übernahme des Arbeitsjoches, wie es höhere Gesittung unweigerlich mit sich bringt, an Lebensfreude eingebüßt? Indessen da messen wir unbedachtsam nach unserem Maß! Wir täuschen uns in der Annahme, der Chinese müsse bei seinem ewigen Hasten fast um nichts stumpfsinniger Trübsal verfallen. Weit gefehlt! So mannigfaltig Temperamente und Talente nebst körperlichem Aussehen wechseln durch die 18 Provinzen, von den gelben, etwas zu Fettleibigkeit neigenden Südländern bis zu den braunen, schlanken und höher gewachsenen Nordchinesen, — ein harmloser Frohsinn, eine selbst durch harte Schicksalsschläge nicht leicht zu beugende stillvergnügte Heiterkeit ist dem Volk fast allerwegen eigen. Auch darin dürfen wir eine Spur tellurischer Auslese erkennen. Wie die Winternacht der Polarlande nur die unverwüstlich Fröhlichen bei sich aufnahm, so brachte der chinesische Daseinskampf nicht nur die Faulen und Üppigen ums Leben, nein, von den Helden des Fleißes und Darbens auch alle die, denen ein solches Heldentum Lebensüberdruß bereitete. Und so sehen wir eine uralt vererbte Munterkeit dem darbenden Arbeitsernst der Chinesen wie ein versöhnender Engel zur Seite stehen.

Allerdings hat das Streben, so zahlreiche Mitbewerber um den kärglichen Verdienst auszustechen, auch unlautere Seiten beim Chinesen entwickelt. Mit der von allen Kennern gerühmten Tüchtigkeit im Handels- und Bankierfach, in Gewerbe und Landbau geht Arglist, Lug und Trug Hand in Hand. Enges Zusammenwohnen in schlecht gelüfteten Räumen hat neben weit verbreiteter Armut eine widerliche Gleichgültigkeit gegen Reinhaltung von Körper und Kleidung verursacht. Das Erpichtsein auf materiellen Verdienst im Nährstand oder in Beamtenstellung, welche letztere wieder nur durch eifriges Studium der chinesischen Klassiker zu erzielen, ließ höhere als im Dienst der Technik stehende Künste, wahre d. h. nach dem inneren Zusammenhang der Dinge forschende Wissenschaft nicht aufkommen. Die Musen und Grazien waren nie in China heimisch.

Einseitige Größe ist die Signatur chinesischer Nationalentwicklung. Es gab eben bisher zweierlei Kulturmenschheiten, eine mit europäischem Kulturgepräge und eine chinesische. Die innigere Berührung zwischen beiden wird eins der folgenschwersten Ereignisse des zwanzigsten Jahrhunderts bilden. Die Schranke, die Europa und China trennte, schwindet; an ihre Stelle tritt die ungeheure Brücke der ersten pazifischen Eisenbahn der Ostfeste, der südsibirischen. Wie wird sich die Lohnfrage stellen, wenn die gelbe Rasse auf dem Arbeitsmarkt Europas auftritt? Welcher Umschwung wird im Welthandel eintreten, wenn China mit seinen Steinkohlenschätzen, seinem billigen Arbeitslohn zur Großindustrie übergeht? Harmonischer mag sich das Chinesentum ausgestalten, manche Schattenseite seiner bisher starr selbständigen Kultur freundlich durchlichten unter Befruchtung durch den Genius des Abendlandes. Aber weiterdauern wird der demantne Kitt seiner Gesellschaft, der ehrenfeste Familiensinn, weiterleben seine nervenstarke Ausdauer in allen Klimaten und die schier unerschöpfliche Arbeitskraft, vervielfacht durch Übernahme unserer Methoden in die Technik seines Wirtschaftsgetriebes. Eine große Zukunft steht dieser Nation zweifellos bevor. Denn auch von ganzen Völkern gilt das Dichterwort: In deiner Brust steh’n deines Schicksals Sterne.

VII.
Deutschland und sein Volk.