Zwischen Dänemark und Italien, Frankreich im Westen, Rußland und Ungarn im Osten liegt das Herzland Europas. Man könnte diesen ungefähr quadratischen Raum noch heute Deutschland nennen, denn deutsch ist die Hauptmasse seiner Bevölkerung, aus dem Schoß des mittelalterlichen Deutschen Reichs sind seine Staaten herausgewachsen. Weil aber seit 1871 dem jüngsten dieser Staaten, unserem neuen Deutschen Reich, schon durch seine Verfassungsurkunde der traulicher, geographischer klingende Name „Deutschland“ als gleichbedeutender zweiter Name beigelegt wurde, so empfiehlt es sich wohl, jenes Herzland unseres Erdteils nur als Mitteleuropa zu bezeichnen.

Nicht die geometrische, aber die morphologische Mitte Europas ist es ganz und gar. Jedes andere Glied des europäischen Körpers könnten wir wegdenken, es bliebe immer noch ein verstümmeltes Europa übrig. Stoßen wir dagegen Mitteleuropa aus dem Reigen der europäischen Länder aus, so haben wir bloß noch peripherische Glieder ohne Zusammenhang vor uns. Auch darin offenbart sich die Centrumsnatur Mitteleuropas, daß allein hier die drei Hauptvölkergruppen unseres Erdteils sich berühren, die germanische, slawische und romanische.

Physisch-geographisch dürfen wir Mitteleuropa kennzeichnen als die Abdachung vom westöstlich verlaufenden Hauptwall der Alpen zur Nord- und Ostsee, als ein Gebiet, dem Europas Adelszüge, Einheit in der Mannigfaltigkeit und Maßhalten ganz besonders zuteil geworden sind. Alle Bodenformen vereinigen sich hier in zonenweiser Lagerung: wir steigen von den firnbedeckten Zackenkämmen der Alpen hernieder auf die Hochflächen des Alpenvorlands, wo die Gewässer wie in den Alpen im Westen schon dem Rhonegebiet, im Osten dem der Donau angehören, treten dann ein in die vielgestaltige Welt der Mittelgebirgslandschaften mit Wasserabfluß nach allen Seiten, indessen doch zusammengehalten durch Zubehör ihres ganzen Flußnetzes allein zur Nord- und Ostsee, schließlich durchmessen wir das weite Tiefland mit seinen schiffbaren Strömen, unter denen der aus Gletscherwassern sich entspinnende Rhein der einzige ist, der alle vier Zonenstreifen miteinander verklammert, dem Westen Mitteleuropas eine ungleich bessere Verknüpfung spendend, als sie dem Osten nachgerühmt werden kann, wo außer der schmalen Elbpforte kein Strom Bresche gelegt hat in den Gebirgszug vom Fichtelgebirge bis zu den Karpaten, die Donau aber den geschichtlich so verhängnisvoll gewordenen Weg gen Osten weist.

Die Abstufung des Bodens in der Richtung von den Alpen zur Küste gleicht die Temperatur von Süd und Nord aus; München z. B. hat eine Juliwärme gleich der von Königsberg. Im allgemeinen nimmt die Wärme wie in Europa überhaupt vielmehr von Südwest nach Nordost ab. Die europäische Frostlinie des Januar zieht aus der Gegend der Elbmündung im Bogenlauf quer über den Main und die süddeutsche Donau nach Bosnien. Nur im Osten dieser Grenzscheide hat man also anhaltenden Winterfrost, bleibende Schneedecke auch außerhalb der Gebirge. Am längsten und meisten wird der Boden in der Südwesthälfte Mitteleuropas erwärmt; dort finden wir neben Weizen- und Spelt- schon Maisbau; Schwalben und Störche treffen zuerst durch die burgundische Pforte in der oberrheinischen Tiefebene ein; an Rhein und Neckar, Mosel und Main sehen wir unsere besten Weinlagen verteilt. In Ostpreußen verkürzt sich dagegen die warme Jahreszeit bereits so sehr, daß die Rotbuche wie aus dem nämlichen Grund in Rußland nicht mehr fortkommt. Glücklich beschirmt durch das südliche Hochgebirge gegen die nordafrikanisch heißtrockenen Sommer des Mittelmeerbeckens, wohnen wir auch den atlantischen Hauptquellen des europäischen Regens fern genug, um nicht eine Überfülle von Niederschlag zu empfangen wie die Westseite der britischen Inseln, und doch auch jenen wiederum nahe genug, um frei zu sein von der Steppendürre Südosteuropas. Mitteleuropa entrollt uns somit auch landschaftlich wie in seinem Wirtschaftsleben echt europäische Mannigfaltigkeit in seinen grünen Bergen und Thälern, auf seinen ebenen Fluren voll saftiger Weiden, fruchtbarer oder wenigstens den Bauernfleiß zur Genüge lohnender Felder, umfangreicher Laub- und Nadelholzwaldung. An Ertrag vom Getreidebau wie von der Viehzucht wird Europas Mittelland innerhalb unseres Erdteils allein durch Rußland ob seiner Raumgröße übertroffen, in Wein- und Obstsegen nähert es sich Frankreich und den sonnigen Südlanden, in seiner industriellen Bethätigung steht es bloß noch hinter England zurück, seitdem es im 19. Jahrhundert mit immer gesteigerter Energie den Vorzug gründlicher ausbeuten lernte, daß es bei Anteilschaft an allen geologischen Formationen verfügt über gewaltige Rohstoffmassen an Metall, Kohlen und Salzen; seine Küstenlinie mit trefflichen Häfen, namentlich den fast gänzlich eisfreien Nordseehäfen, sichert ihm die Osteuropa versagten ununterbrochenen Welthandelsbeziehungen durch Schiffahrt auf allen Ozeanen bis zu den fernsten Erdenwinkeln.

Als ostfränkisches Reich löste sich Mitteleuropa staatlich aus dem Verband der Monarchie Karls des Großen heraus, die es so eng mit Frankreich verknüpft hatte. Seine Osthälfte war freilich nach der Völkerwanderung an die nachrückenden Slawen verloren gegangen, wurde jedoch nachmals durch Zurückfluten des Deutschtums nach Osten zum größten Teil wiedergewonnen. Einem losen Bund der das westliche Mitteleuropa bewohnenden deutschen Stämme glich unser altes Reich, da es vom Sachsenherzog Heinrich nach dem Aussterben der Karolinger aus den ostfränkischen Trümmern organisiert ward. Es gliederte sich durchaus ethnographisch: dem niedersächsischen Kernstamm im Norden schlossen sich an die Thüringer und Hessen, die im Herzogtum Lothringen vereinigten Franken des nördlichen Rhein- und des Scheldegebiets, also die Bewohner der heutigen Rheinprovinz, Luxemburgs, Belgiens und der Niederlande, ferner die Mainfranken samt den wesentlich fränkischen Pfälzern, die Schwaben und die Bayern.

Aber es ist eine bisher zu wenig beachtete Thatsache, daß die staatliche Weiterentwicklung sich nicht im Rahmen dieser Stammesgebiete vollzogen hat, sondern je länger je mehr hierbei Leitmotive zu Tage traten, die dem Zusammenwohnen in physisch geschlossenen Verkehrsprovinzen erwuchsen. Das geographische Moment erwies sich mithin machtvoller als die Stämmegliederung. Das Stammland der Sachsen blieb zwar bis zum territorialen Zerfall des spätmittelalterlichen Deutschland überhaupt noch längere Zeit eine politische Einheit, befaßte es doch bis auf den ins rheinische Schiefergebirge reichenden Südzipfel, den heutigen Regierungsbezirk Arnsberg, das gut geeinte Stück Tiefebene von Holstein bis gegen den Niederrhein. Ihm schlossen sich die wahlverwandten ostelbischen Slawenlande zum guten Teil an, die durch ihr Plattdeutsch noch zur Stunde die Macht der niedersächsischen Kolonisation verkünden. Auch Hessen und Thüringen gaben in der so ungeographischen, meist rein dynastisch bedingten Herausschälung kleiner und kleinster Sondergebiete ihre Landeseinheit noch einigermaßen zu erkennen. Indessen der im Bodenbau gar nicht wurzelnde Grenzzug des lothringischen Herzogtums verschwand gar bald, auch die Pfalz schied sich von Mainfranken, das Schwabenland zertrennte sich in seine geographischen Elemente, die fast ausschließlich von den Bayern besiedelten deutsch-österreichischen Lande, die darum ursprünglich nur Marken unter der Oberhoheit des bayrischen Stammesherzogtums ausmachten, verselbständigten sich als alpine Wohnräume dieses Stammes, nur durch den Donaustrom verknüpft mit dem nunmehr auf das Alpenvorland nebst den ihm durch Isar und Iller angeschlossenen Randgliedern der nördlichen Kalkalpen beschränkten Herzogtum, dem fortan allein der Bayernname verblieb.

Die Entfaltung des mitteleuropäischen Staatensystems unserer Tage hat gar nichts gemein mit der Grenzabsonderung der Teilstämme unserer Nation. Bruchstückweise sind letztere an die fünf Staaten aufgeteilt. In den Niederlanden, Flämisch-Belgien und Luxemburg wohnen außer den friesischen Strandleuten Niedersachsen und Franken, in der Schweiz, mit Romanen unter einem Dach, Schwaben, in Österreich mit Slawen in friedloser Ehe Bayern. Nur die innerdeutschen Stämme der Thüringer und Hessen sind dem im neuen Deutschland zusammengefaßten Hauptrest Mitteleuropas ganz treu geblieben. Unser heutiges Deutsches Reich ist der Inbegriff sämtlicher Stämme unserer Nation, soweit sie nicht ausgerankt sind in die peripherisch abgegliederten mitteleuropäischen Staaten oder hinausgezogen nach Großbritannien, Siebenbürgen, Rußland und in transozeanische Fernen.

Wohl haben einstmals Stammesinteressen der politischen Einung unseres Volkes widerstrebt, als es noch keine mitteleuropäische Pentarchie gab. Der Sachsenstamm trägt noch immer seinen Widukind im Herzen, der ihm Freiheit und Glauben gegen den mächtigen Frankenkönig verteidigen half. Im Süden waren es die Bayern, die besonders gern der Centralgewalt des Reichs Widerpart leisteten, ja bis ins achtzehnte Jahrhundert traten bayrische Sympathien mit dem stammes- und glaubensverwandten habsburgischen Nachbarstaat so stark hervor, daß ein Anfall Bayerns an Österreich nicht ganz ausgeschlossen schien. In letzter Stunde siegten aber doch die realen Interessen, wie sie schon vor der Gründung des neuen Reichs im preußischen Zollverein, 1866 in der Zollvereinigung des norddeutschen Bundes mit den süddeutschen Staaten zum Ausdruck kam. Ganz deutlich verrät sich die Bedeutung von natürlich gegebenen Verkehrsbezirken für Vereinheitlichung der gesamten Lebensziele ihrer Bewohner, folglich für die allergesundeste Anbahnung staatlichen Zusammenschlusses darin, daß die beiden großen Verkehrshälften Mitteleuropas, die wir im antiquierten großdeutschen Sinn die norddeutsche und die süddeutsche nennen mögen, sich abspiegeln in der Staatengeschichte durch alle Jahrhunderte von Armins und Marbods Tagen her. Die für die Staatenkarte der Gegenwart entscheidende Losgliederung der Niederlande und Belgiens einerseits, der Schweiz und Deutsch-Österreichs andererseits vollzog sich eben deshalb als eine rein norddeutsche, bezüglich rein süddeutsche, weil es überhaupt bei Ausbildung der Teilstaaten Mitteleuropas nie eine dauernde Überschreitung der nord-süddeutschen Wende gegeben hat, die sich längs der Sudeten und des Erzgebirges zur Mainquelle hinzieht, um dann auf der Wasserscheide zwischen Main- und Wesergebiet sich dem Rhein zu nähern, die Pfalz Süddeutschland zuzuweisen. Auch der in unserem Reich am meisten fühlbare Gegensatz ist der zwischen der nord- und süddeutschen Staatengruppe.

Zum Glück ist er nicht so wesentlich verursacht durch die leise an Rassenhaß gemahnende wechselseitige Abneigung verschieden begabter Stämme, wie fast allgemein geglaubt wird. Zwar sind Schwaben und Bayern fast ausnahmslos nur in Süddeutschland heimisch, Franken dagegen wohnen vom preußischen Rheinland bis in die Pfalz, ja sie siedeln seit mehr als tausend Jahren sowohl an der lothringischen Mosel wie im gesegneten Mainland. Nein, der Abstand unseres Deutschtums in Süd und Nord wurzelt wahrlich nicht in Blutsfeindschaft. Sind doch die Germanen der Südhälfte Mitteleuropas allesamt erst aus Norddeutschland als echte Brüder der blondhaarigen Norddeutschen eingewandert! Mit einer Menge kleiner Absonderlichkeiten in Mundart und Gebräuchen hat sich allerdings auch ein gewisser Antagonismus gegen norddeutsches Wesen dort im Süden allmählich festgewurzelt; im näheren Verkehr mit Schwaben und Bayern als mit Norddeutschen sind auch die Mainfranken, so zweifellos sie ihrer Herkunft nach dem norddeutschen Frankenstamm angehören, zu Süddeutschen geworden. Aber ist es nicht ein bedeutungsvoller Zug im Leben unserer Nation, daß am meisten längs den Ufern des Rheinstroms die Grenze süd- und norddeutscher Volkstümlichkeit sich verwischt? Süddeutsches „le“ für die Verkleinerungssilbe „chen“ hört man ebenso gut am norddeutschen Rhein, „nit“ statt „nicht“ weit über Köln hinaus. Der Rhein bildet das wertvollste Einheitsband für den Westen unseres Reichs, ja er ist dessen eigentliches Rückgrat. Indem der Vater Rhein so leibhaftig uns alle Tage vor Augen hält, was der Verkehr auf seinen grünen Fluten, auf den Schienenwegen zu seinen beiden Seiten für den Austausch von Süd und Nord leistet, erbringt er uns den besten Beweis, daß die Einheitskraft unseres Reiches um so sicherer partikularistische Strebungen besiegen wird, je mehr die Schranken der alten Zeit mit ihrem schläfrigen Verkehr, meist nur im engen Bezirk, fallen, je mehr Güter- und Personenbewegung den Gesichtskreis der Deutschen über ganz Deutschland erweitert und sie alle begreifen lehrt, daß die Stärkung der gesamten Reichskraft jedem, auch dem kleinsten Teil des Reichskörpers zu gute kommt, während die Insassen eines solchen in seiner Vereinzelung höchst ohnmächtig ihre Freiheitshymnen singen würden.