Sein Vaterland kennen lernen ist unerläßliche Vorbedingung dafür, es richtig zu würdigen. Es fällt indessen bei Deutschland und seinem Volk nicht eben leicht, jene Vorbedingung zu erfüllen, da uns von Gau zu Gau stark individuelles Gepräge aufstößt. Versuchen wir in flüchtiger Wanderskizze zu zeigen, wie vielfach dieser reizvolle Wechsel von Landschaft und Volkstum auf der gegenseitigen Beeinflussung beider beruht.
Im Allgäu an den Quellbächen der Iller und weiter östlich in den bayrischen Alpen erhebt sich der Boden unseres Reichs wie nirgends sonst bis über die Schneegrenze. Hier allein jagt man die Gemse, wohnen halbnomadisch die Sennhirten in wettergebräuntem Blockhaus nur sommersüber auf der grünen Alpmatte, die sich einschaltet zwischen die schneebedeckten Zinnen des Hochgebirgsgrates und die tannendunkle Zone der unteren Gehängestufe. Auch letztere wird häufig unterbrochen vom lichteren Grün der Weideländerei, während Feldfluren ganz zurücktreten im Landschaftsbild, beschränkt gewöhnlich auf die Thalsohle in der Umgebung der Dorfschaften. Tiefer Naturfrieden lagert über dem Ganzen. Rinderzucht nebst Waldwirtschaft ernährt eine spärliche Anzahl genügsamer Menschen. Gleichviel ob Schwaben im Westen, Bayern im Osten, — die Alpennatur drückt den Bewohnern ganz gleichartigen Stempel auf. Gesundheit und Kraft spricht ihnen aus dem Antlitz, aus dem rüstigen Gang selbst auf schwindelndem Pfad an jäher Felswand. Stets von Gefahr bedroht durch übermenschliche Mächte, ist der Älpler ein aufrichtig frommer Mensch, nur kein Kopfhänger. Das erhebende Bewußtsein des Gelingens, der Überwindung von Gefahren ist hier mehr als anderwärts in Deutschland mit den einfachsten Arbeiten verbunden, mit dem Niederbringen einer Kötze Heu, dem Holzflößen, dem Botenweg. Das stimmt zur Fröhlichkeit, die sich im Echo weckenden Juchzer und Jodler Luft macht, genährt von der körperlichen Frische in dieser herrlichen, Gesundheit spendenden Natur.
Noch eine Strecke weit erfreuen uns ins nicht mehr hochgebirgige Vorgelände hinaus, soweit es noch wesentlich von alpenhaftem Klima beherrscht wird, die dem letzteren angepaßten Lebensformen: die Zerstreutheit der Einzelgehöfte in noch vorwiegend für Viehhaltung verwendeter Flur, ihr Holzbau mit dem weitvorspringenden, gegen den Sturm steinbeschwerten Dach, unter dem auf zierlicher Holzgallerie die vom Regen so oft benetzten Kleidungsstücke trocknen, der Tiroler Kremphut bei beiden Geschlechtern, das Lodenwams, der kurze, das Ausschreiten nicht hemmende Frauenrock, der feste Bergschuh. Dann aber wird die Landschaft eben, das Klima minder niederschlagsreich, je mehr wir uns längs den rauschenden Alpenflüssen Iller, Lech und Inn der Donau nähern. Da wohnt ein ackerbauendes, bierbrauendes Volk in geschlossenen Siedelungen. Inmitten ihrer Felderflur liegen ansehnliche Dörfer mit hohen roten Ziegeldächern, und manche altberühmte Stadt mit ehrwürdigen, hochragenden Gotteshäusern erinnert an eine große Vergangenheit. Regensburg und Augsburg erzählen schon durch ihren Namensklang, wie hier der Germane einst römische Städte nach seiner Weise ausbaute. Die Blüte von Augsburg und dem münstergekrönten Ulm wurzelte in der vormaligen Bedeutung der süddeutschen Donauhochfläche für den Handel zwischen den Mittelmeerhäfen und dem viel früher als Ostdeutschland kulturmächtigen rheinischen Westen. Augsburg verrät durch den modernen Aufschwung seiner Webeindustrie den regeren Sinn für gewerblichen Fortschritt, der die Schwaben vom Lech westwärts überhaupt vor den behäbigeren Bayern auszeichnet.
Über alle Städte des Alpenvorlands aber kam München empor, dieses glänzende Zyklopenauge auf der breiten Stirnfläche unseres Südens, das lebensvolle Verkehrscentrum dieser Ebene, die stets berufen war zwischen Nord und Süd, Ost und West zu vermitteln, der große Getreidemarkt für die getreidearmen Alpengaue, die erste Bierbraustadt der Welt.
Bloß das Donauthal über Passau hinaus verbindet die süddeutsche Hochfläche mit Österreich, eine Vielzahl bequemer Thalwege hingegen, die durch den Jura führen, verklammern mit dem übrigen Deutschland. Sie führen uns ins südwestdeutsche Becken, ganz eingesponnen ins süddeutsche Rheinsystem, mit dem Rheinstrom von Basel bis Mainz in seiner tiefsten Rinne. Im Maingebiet wohnen die nach ihm benannten südöstlichsten Franken. Sie haben auf dem mageren Keupersandboden inmitten des Regnitzlandes unter dem Schutz der noch heute die Stadt auf steilem Felsen überragenden alten Kaiserburg ihr Nürnberg gegründet, die einzige Stadt des Reichs, die durch das erfindungsreiche Schaffen ihrer Bürger die Blüte seiner mannigfachen, durchaus nicht bodenständigen Gewerbe seit dem Mittelalter bis zur Gegenwart bewahrt hat. Sonst ist der Mainfranke werkthätiger im Anbau seines fruchtbaren Triasbodens. In der Bamberger Gegend bis gegen Schweinfurt hin bilden Hopfenberge eine Landschaftszierde, im wärmeren Unterland, so um die alte Bischofsstadt Würzburg, Weinberge. Im lieblichen Neckarland haben die Nachkommen schwäbischer Juthungen ihre Heimat zu einer Stätte harmonischer Durchdringung von Anbau und Gewerbefleiß umgeschaffen. Der Ackersegen der Felder, der glänzende Obst- und Weinertrag der Bodenabstufung bis zu den Thalsohlen des Neckargeflechts ist es nicht allein, was die Menschenfülle des Ländchens ernährt; überall sehen wir das starke Flußgefälle zu industriellen Anlagen verwertet und die Steinkohlen vom norddeutschen Rheinland auf Schienen- wie Wasserweg heranfahren zum maschinellen Großbetrieb.
Mehr gesondert nach den Bodenformen erweist sich Anbau und Gewerbe auf der süddeutschen Rheinebene gegenüber ihren beiderseitigen Einschlußgebirgen. Jene hat sich von jeher den Namen „Deutschlands Garten“ verdient bei ihrem ertragreichen Boden, ihrem milden Klima. Bis zur Pfalz hin hält der hier noch für Bootfahrt etwas zu ungestüme Rhein die Uferlande im Ost und West auseinander; deshalb waren sie trotz gleichartiger Wirtschaftsweise ihrer Bewohner staatlich immer getrennt, erst die Pfalz vermählt auch politisch die beiden Uferseiten.
Getrennt entfaltete sich die wie immer von so vielen Zufälligkeiten abhängige Geschichte des Gewerbes in den schön bewaldeten Umrahmungsgebirgen: der Schwarzwald wählte sich die Holzschnitzerei, aus der sich dann Uhrenmanufaktur und Herstellung von Musikinstrumenten, selbst kostbarer Orchestrien entwickelte, der Wasgau die Baumwollweberei, deren Hauptsitz jedoch Mülhausen blieb, wo das Vorbild der Textilindustrie der Schweiz, der Mülhausen früher angehörte, noch heute nachwirkt.
Die von Saarbrücken und Aachen bis nach Sachsen und Oberschlesien verbreiteten Steinkohlenlager bewirkten es aber, daß die moderne Großindustrie Deutschlands doch eine ganz vorwiegend norddeutsche wurde. Süddeutschland ist auch hierin dem Norden nur dort mehr angeglichen, wo der Kohlenbezug aus dem norddeutschen Rheinbezirk, zumal aus dem für den Wasservertrieb so günstig gelegenen Ruhrkohlenbecken nicht zu teuer ist. Darum sind im südwestdeutschen Becken so jugendliche Städte wie Mannheim, Ludwigshafen norddeutsch rasch gewachsen, Landstädtchen des Donaugebiets wie Straubing oder Amberg in der Oberpfalz dörflich klein geblieben.
Krupps weltberühmte Gußstahlwerke in Essen holen sich ihr Eisen aus Nähe und Ferne, selbst aus Spanien, jedoch durch ihren Kohlenbedarf sind sie an die Ruhrgegend gefesselt; verschlingen doch die Kruppschen Maschinenöfen jährlich 1¼ Millionen Tonnen Steinkohle. Älterer Bedeutung für gewerbliche Anregung der Bewohner unseres rheinischen Schiefergebirges sind allerdings die Erzvorkommen gewesen. Die Schwertfegerei von Solingen ist so alt wie die Bleicherei und Weberei an der Wupper, aus der jene gewaltige Industrie der Doppelstadt Elberfeld-Barmen mit dreimal Hunderttausend Einwohnern hervorging. Überhaupt haben die drei Faktoren, Kohlenreichtum, großer Vorrat an Eisen-, Zink- und Bleierz nebst angeerbter Neigung des Volks zu gewerblichem Verdienst, dort am Nordsaum des Schiefergebirges und ins bergisch-märkische Land hinein an der Hand der Großindustrie die größte Massenverdichtung der Deutschen gezeitigt.
Das gefeiertste Stück des Rheinthals von Bonn aufwärts bis Bingen entrollt uns das lebensvolle Bild der verjüngten Schaffensthätigkeit unseres Volkes auf fast allen Gebieten. Eng aneinander reihen sich um den verkehrsreichen Strom die schiefergedeckten Städte und Dörfer, letztere oft nur in einer einzigen Häuserzeile eingeklemmt zwischen dem grünen Rhein und den nicht hohen, aber steilen Felsen seines gewundenen Thales, deren düsteres Grau von Rebengrün und stellenweise von Eichenwald verhüllt wird. Alles atmet Frohsinn und fortschreitenden Wohlstand; hier und da schaut noch ein römischer Wachtturm ins frisch pulsierende Leben der Gegenwart, neben Bergruinen aus dem Mittelalter grüßen vornehme Landsitze, schmucke Schlösser von den Höhen. Es ist das rechte Heim des weinfröhlichen Franken, der hier seit zwei Jahrtausenden haust und seinerseits dieser gottgesegneten Thalung den Stempel seiner energischen Schaffenslust aufgeprägt hat. Doch dieselben Rheinfranken wohnen doch auch auf den plattigen Flächen zur Seite von Rhein, Mosel und Lahn; indessen wie zurückgeblieben, wie weltabgeschieden und arm, wo der naßkalte Fels- oder Thonboden der Eifel, des Hunsrücks, des Westerwalds, über den der Nordwest Regenschauer und Schneewehen treibt, die Aussaat so kümmerlich lohnt!