Ostwärts folgt das hessische Bergland, das seit alters ein fleißiges, tapferes Bauernvolk ernährt, ohne Steinkohlen- und Erzschätze im grellen Gegensatz zum Rheinland bis ins 13. Jahrhundert völlig der Städte entbehrte, auf seinen anmutigen, aussichtsreichen Basaltkuppen, wie dem Petersberg bei Fulda, der Milseburg, dem Kreuzberg der Rhön, aber alte Andachtsstätten besitzt zum Beleg des nur scheinbar barocken Satzes „Basalt macht fromm“.

Wo in den noch weiter östlichen Gliedern unseres Mittelgebirgsraumes, dem thüringischen, dem sächsischen, dem schlesischen, für den Ackerbau gut geeigneter Niederungsboden rauheren Höhen benachbart liegt, da meldet meistens schon das Fichtengrün der letzteren und die falbe Flur mit den langgezogenen Rechtecken der Äcker zu ihren Füßen, wie die Bodenerhebung die Beschäftigung der Menschen regelt. Besonders schön aber kann man eben dort bei den Bergbewohnern die Wahrheit des Satzes kennen lernen: „Not ist die Mutter der Künste!“ Läge da fetteres Erdreich, das die Waldrodung zum Feldbau lohnte, und wäre der Winter dort nicht zu lang und zu rauh, so würden die armen Leute auf dem Harz, dem Erzgebirge nicht so emsig in den lichtlosen Erdenschoß eingedrungen sein, um mit Lebensgefahr Metalladern anzuschlagen in immer höher gesteigerter Kunst, wodurch diese Gebirge zu Musterschulen des Berg- und Hüttenwesens für die ganze Welt geworden sind; es würde ebenso wenig jene großartige Fülle hausgewerblicher Industriezweige erwachsen sein, die Kunst der Glasfabrikation eine so hohe Vervollkommnung erreicht haben wie es der Fall ist vom Thüringerwald bis in die Waldgründe der Sudeten. Die Regel, daß die Volkszahl nach den höheren Gebirgsstufen sich mindert, ist durch den Bienenfleiß und die mit Kunstsinn gepaarte hochgradige Geschicklichkeit dieser Gebirgsbewohner mehrfach ins Gegenteil verkehrt worden. So leben die Erzgebirgler auf der fast keine Feldfrucht neben der Kartoffel tragenden Kammhöhe ihres Gebirges in dichteren Scharen, volkreicheren Dörfern als unten die Bauern auf dem fruchtbaren Löß des ebenen Vorlandes an der Pleiße, Mulde und Elbe. Ihre Vorfahren kamen als Bergleute auf die luftigen Höhen; als dann die Erzschätze allzubald versiegten, blieben die Nachgeborenen mit leidenschaftlicher Heimatsliebe auf der armen Gneisscholle, suchten und fanden Verdienst durch Schnitzerei, Tischlerei, Spitzenklöppeln und Feinstickerei, so daß sie mit fast chinesischer Anspruchslosigkeit bei Kartoffelkost und Blümchenkaffee ein zahlreiches, auskömmlich lebendes, sangeslustig fröhliches Völkchen wurden.

Großartiger freilich offenbart uns zu guterletzt das norddeutsche Tiefland den Sieg unserer Nation über eine von Haus aus kargende Natur. Wie hat es der Deutsche verstanden, selbst dem dürftigsten Diluvialsand in steigenden Mengen Nahrungsmittel abzugewinnen, sogar in den Mooren sich ein sauber wohnliches Obdach, ja Wohlstand zu schaffen. Eben bei der harten Arbeit, die sich Jahr um Jahr erneuert, wenn hier der Landmann sich und den Seinen das Dasein fristen will, ist der harte Menschenschlag groß geworden, der in Treue und Tüchtigkeit, Ausdauer und Kraft den Kern des preußischen Staates ausgestalten, mithin die Grundlage unseres Reiches legen half. Die Wegsamkeit der Ebene schon als solcher, die Schiffbarkeit ihrer Ströme, die Zwischenlage zwischen den Gebirgen mit ihren der Niederung versagten Kohlen und Metallen auf der einen, dem Meer auf der andern Seite erzeugte eine Entfaltung von Handel und Industrie, die im Zeitalter des Dampfer- und Eisenbahnverkehrs eine vordem ungeahnte Höhe erklomm. „Arbeit schafft Wohlstand und Macht“, das lehrt uns das Emporkommen gerade dieses Nordens unseres Vaterlandes aus den früheren ärmlichen Zuständen besonders vernehmlich. Dem Wirtschaftsfortschritt dieses Raumes vor allem, gar nicht bloß der politischen Vorrangstellung Preußens ist es beizumessen, daß das Schwergewicht des neudeutschen Reiches im Nordosten liegt. Bis tief ins Mittelalter koncentrierte sich das geistige Leben, das Aufblühen größerer Gemeinwesen hauptsächlich auf den Südwesten Deutschlands. Nunmehr ist die Pflege von Kunst und Wissenschaft bis in unsere östlichsten Grenzmarken vorgedrungen, und große wie mittlere Städte sind über unser ganzes Tiefland verteilt. Sie ordnen sich namentlich in drei Reihen. Eine verfolgen wir von Aachen über Leipzig bis ins Vorland der Sudeten; sie hält sich in der Nähe des Gebirgsfußes, wo der Boden der Niederung thonhaltiger, deshalb fruchtbarer ist, und nutzt den Marktvorteil aus, wie er sich überall darbietet durch den Erzeugungsgegensatz zwischen Gebirge und Ebene. Eine zweite fällt in die große mittlere Verkehrsaxe, die zugleich ein Stück der gesamteuropäischen von Paris über Moskau ausmacht: sie besteht vorzugsweise aus Brückenorten wie das steinalte, doch ewig jugendfrische Köln, Hannover, Magdeburg, das natürliche Hauptcentrum des Verkehrs der Nordostniederung Berlin, ferner Frankfurt a. O., Posen. Die dritte befaßt die Küstenstädte, die erst durch den Kaiser Wilhelm-Kanal an einen einheitlichen, rein deutschen Schiffahrtsweg gelangten. Sie waren zum guten Teil schon zur Hansezeit Deutschlands Stolz als Organe seines Überseehandels nach England, Skandinavien, Rußland. Bei vorzugsweiser Richtung dieses Seeverkehrs über das baltische Meer mußte Lübeck das Venedig des Hansebundes werden. Nun schaut unser weltumspannend gewordener Handel naturgemäß zumeist gen Nordwest, wo in der innersten Nische des einzigen Weltmeergolfes mit deutschem Küstenanteil das deutsche London durch seine thatkräftige Bürgerschaft zum ersten Handelshafen des europäischen Festlandes entwickelt ward. Was wäre Deutschland ohne Hamburg! Aber wir dürfen hinzufügen: Was wäre Hamburg ohne Deutschland mit seiner riesenhaften Arbeitsleistung, mit seinem machtvollen Reichsschutz!

Wir Deutsche im Reich gehören eben zusammen nicht bloß durch uralte oder erst auf diesem Boden geknüpfte Verwandtschaftsbande und eine mehr denn tausendjährige gemeinsame Geschichte, nein vor allem durch unser Vaterland. Das haben wir zu Nutz und Frommen friedlichen Schaffens gemeinsam zu schirmen durch unser starkes Heer, und an der allertreusten unserer Grenzen, an der Küste, durch unsere endlich erlangte, der Kauffahrerflotte unter schwarz-weiß-roter Flagge auf allen Meeren der Welt als Schild dienende herrliche Kriegsflotte. Aber dies Vaterland fordert nicht bloß unser einmütiges Zusammenhalten als die nötige Schutzfeste unseres Daseins. Es heischt auch unsere Dankbarkeit. Ihm danken wir über alle kleinen Stammessonderungen hinaus die ernste Zucht zu Arbeit, Sparsamkeit und guter Sitte, den gemeinsamen Pulsschlag eines treuen Herzens.


Aus Natur und Geisteswelt.

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