Der hohe Norden Amerikas hat in den Eskimo ein wahres Idealvolk von Anpassung an die harten Lebensbedingungen der Arktis groß gezogen. Kein Schwächling wurde an den kärglich mit Speise beschickten Tisch der Eskimolande zugelassen. In Kleidungs- und Wohnweise erklügelte sekulare Erfahrung ein unübertreffliches System von Gegenwehr gegen eine so häufig bis unter den Quecksilberfrostpunkt erniedrigte Temperatur; die Dänen, die sich an Grönlands Westküste häuslich niedergelassen haben, können dort ihr Dasein nur fristen, indem sie sich genau so wie die Eingebornen in eng anschließende Pelzkleidung hüllen mit der ruhenden Luftschicht zwischen Pelz und Oberhaut als trefflichem Warmhalter nach dem Prinzip der Doppelfenster. Ausschließlich an der Seeküste zu wohnen gestattet dem Eskimo seine Heimat, weil nur hier auch im Winter Seehunde zu erlegen sind. Robbenschlag, weiß der Eskimo, ist für ihn das alleinige Mittel, durch alle Jahreszeiten hindurch sich zu beköstigen. Wie bei uns der junge Jurist zumeist erst sein Assessorexamen bestanden haben muß, ehe er die Verlobungskarten drucken lassen darf, so ist es darum dem Eskimojüngling durchaus erst nach dem Fang seines ersten Seehundes gestattet, seiner etwas thranigen Geliebten die Hand zum Ehebund zu reichen.
Doch welch scheinbar unbegreiflicher Gegensatz! Unter diesem Gorgonengesicht eisiger Polarnatur mit ihrem grauenhaften Winter, der auf Monate den belebenden Sonnenstrahl der Erde mißgönnt, — da erfreuen sich die Eskimo habituellen Frohsinns! Eben hierin offenbart sich uns eine psychische Naturauslese. Besonders der andauernde Lichtmangel stimmt die Lebensgeister der Menschen herab und untergräbt bei dem tief innerlichen Zusammenhang zwischen Leib und Seele gar bald auch die körperliche Gesundheit. Das veranlaßte ja Julius Payer nur aus den lustigsten Quarneroli die Mannschaft seines Tegetthoff zu wählen, und wie viel Kurzweil mußte er trotzdem aufbieten, letztere vor stumpfer Verzweiflung zu retten, als das Schiff, vom Eis gepackt, ziel- und willenlos in die anscheinend ewige Polarnacht hinaustrieb! So geht denn unser Schluß kurz dahin: nur ganz besonders mit Gemütsheiterkeit begnadete Menschen blieben bei gelegentlichem Eindringen in jene nördlichsten Breiten, wie sie allein die Westfeste erreicht, am Leben; gemäß der bekannten Erblichkeit gerade auch der Temperamentsstimmung vererbten sie diese durch nichts zu beugende Fröhlichkeit auf fernere Geschlechter, denen dies kostbare Gut, obschon bloß in wenigen Tausenden von Herzen, dadurch behütet bleibt, daß jedem zufällig zu Trübsinn Ausartenden von der Natur das Todesurteil gesprochen wird.
Eine andere beneidenswerte Charaktertugend dieser „Letzten Menschen“ gen Norden, ihre Friedfertigkeit, wurde erst recht ersichtlich tellurisch gezüchtet. Denn ohne Feuerungsstoff zu besitzen mußten sich die Eskimo durch Abgabe der eigenen Körperwärme vor dem Erfrieren unter ihrem Obdach wechselseitig bewahren. Der wenn auch deshalb eng und niedrig gehaltene Innenraum ihrer Hütte ließ sich aber doch nur auf den erforderlichen Wärmegrad bringen, wenn er durch Halbverschläge zum Wohnen einer Vielzahl von Familien verwendet wurde. Da hieß es denn: Vertragt euch hübsch oder erfriert! Die Eskimo zogen verständig genug das erstere vor und wurden somit trotz ihres vielmehr cholerischen als phlegmatischen Wesens eine so verträgliche Menschenvarietät, daß sie selbst Rechts- und Ehrenhändel satirisch-lyrisch ausfechten, indem beide Parteien vor versammelter Gemeinde mit den unblutigen Waffen recitativer Spottlieder aufeinander eindringen und derjenige als Sieger aus dem Streit hervorgeht, der den lachenden Beifall der Genossen schließlich auf seiner Seite hat.
So erkennen wir beim unbefangenen Verfolgen ursächlicher Zusammenhänge überall den Menschen, ob unmittelbar oder in weiterer Vermittlung, bis zu seines Herzens Tiefen als echtes Kind seiner Heimat.
II.
Das Meer im Leben der Völker.
Die einzige absolute Großmacht auf Erden ist das Meer. Aus dem Meeresschoß erst ist das Land geboren worden, das noch heute in insularer Zerstückelung bloß hie und da den allumfassenden Ozean unterbricht. Nur das Meer bildet zwischen der Lufthülle und dem Gesteinspanzer der Erde ein Ganzes, und der Hauptsache nach ist die Erde immer noch ein vom Ozean umwogter Planet. Auch den geheimnisreichen Ursprung des organischen Lebens werden wir uns als ein folgenschweres Begebnis innerhalb der Meeresflut aus jener Zeit zu denken haben, da es noch kein Land gab und unzertrennt ein einziger Ozean den Erdball umgab als koncentrische Hohlkugel gleich der ihn selbst einschließenden der Atmosphäre. Ist aber die Weiterentfaltung des irdischen Lebens einheitlich erfolgt, so entstammen selbst die landbewohnenden Gewächs- und Tierformen bis hinan zum Menschen marinen Verfahren.
Durch äonenlange Anpassung an die Daseinsbedingungen außerhalb des Meeres hat sich indessen eine tiefe Kluft herausgebildet zwischen land- und meerbewohnenden Geschöpfen. Zwar Flüsse und Seen, durch ihre Wassernatur dem Meer wahlverwandte Elemente des Landes, verwischen in Ausnahmefällen die sonst so streng eingehaltene Grenze des ozeanischen Faunareichs; manche Fische sind wie Aale und Lachse geradezu Doppelwohner in Salz- wie Süßwasser, andere Seefische gewöhnen sich allmählich an das minder salzige Gewässer der Flußmündungen, bis ihre Nachkommen, die Stromadern hinaufschwimmend, schließlich für die Dauer im Süßwasser verbleiben, gleichwie der kleine Keulenpolyp in jüngster Zeit erst aus der Nordsee durch das Brackwasser der Elbmündung in die Elbe und Saale, ja bis in den Süßen See bei Eisleben eindrang. Wale gebären am Land, flugkräftige Fischräuber, so der Fregattvogel, der Albatros bewegen sich mit ihren mächtigen Schwingen tagelang über hoher See, Tausende von Kilometern entfernt von der Küste. Trotzdem bleibt der Küstenzug die durchgreifendste Scheidelinie in der Verbreitung der Lebewesen auf Erden. Und der Mensch, dessen ganze Organisation darauf hinweist, daß seine Ahnen im Tertiäralter früchteverzehrende Waldinsassen gewesen, war selbstverständlich von Anfang an ausschließlicher Landbewohner. Der Küstenring der Ostfeste darf als weitgesteckte Außenmauer des Heimatshauses der Urmenschheit gelten.
Das Meer kann auf den Menschen, als er es zuerst erblickte, nur abschreckend gewirkt haben mit seiner Ungastlichkeit, mit den jähen Gefahren, durch die es den nährenden Mutterboden des Festlandes bedrohte in der Gestalt von hoch aufspringender Brandung, überschwemmenden Fluten, furchtbarem Sturmwetter. Dem weit überlegenen, mit elementarer Gewalt andrängenden Feind gegenüber sah sich der wehrlose Mensch zuvörderst in die Verteidigungsstellung gedrängt, zumal an Flachküsten, wo das Steigen und Fallen des Meeresspiegels bei Flut und Ebbe Gezeitenströmungen erzeugt, die weit über die Küstenniederung daherfegen. Plinius hat uns ein dramatisches Bild dieses an Urzeiten gemahnenden Kampfes mit dem Ozean vom deutschen Nordseegestade überliefert, als dieses zur römischen Kaiserzeit des schirmenden Deichbaus noch entbehrte. Alltäglich, berichtet Plinius, setzte der Flutstrom dies Land der germanischen Chauken unter Wasser, daß die Bewohner, in ihre Hütten geflüchtet, Seefahrern glichen, bis dann der Ebbestrom einsetzte und die Leute wie Schiffbrüchige aus ihren engen Behausungen lockte, um Fische aus dem zurückweichenden Meerwasser zu fangen oder ausgeworfenen Seetorf vom feuchten Wattengrund aufzulesen. Wir sehen hier den Daseinsstreit des Menschen mit dem Meer schon mit vervollkommneten Hilfsmitteln geführt; die Chauken hatten sich bereits auf selbst aufgeführten Hügeln, auf „Wurten“, einen festen Baugrund für ihre Hütten geschaffen, wie noch heute die Halligleute auf den kleinen, darum uneingedeichten Marschlandinseln vor Schleswigs Westküste solche benutzen. Es brauchte nur noch der „goldene Reif“ des Deichwalles längs der Küste gezogen zu werden, um den amphibischen Gürtel des Wechselspiels der Gezeiten als weide- und weizenreichen schweren Marschboden dauernd dem deutschen Festland zu gewinnen. Man weiß es aus der Geschichte, wie viel Segen dieser Triumph unseren und den niederländischen Küstenbewohnern eingetragen hat, seitdem der Friese nach dem letzten Spatenstich stolz dem in feste Schranken zurückgewiesenen „blanken Hans“ d. h. dem Meer das Siegeswort zurief: „Trutz nun, blank Hans!“ und es heißen durfte: Deus mare, Batavus litora fecit. Der über den sonst so allmächtigen Gegner erzielte Erfolg steifte den freiheitsstolzen Nacken und je unablässiger der Deichbau gemeinsame Arbeit forderte für seine fernere Instandhaltung, wie er nur zu gründen gewesen durch thatkräftiges, entsagungsvolles Zusammenwirken vieler, desto zählebiger entfaltete sich hinter dieser Festungsmauer gegen den Tyrannen Okeanos der den selbstsüchtigen Einzelwillen bändigende ehrenfeste Gemeinschaftsgeist, der alle staatliche Ordnung trägt, ganz ähnlich wie Jahrtausende früher hinter den Damm- und Kanalbauten am unteren Huangho, in Babylonien oder am ägyptischen Nil.