An dem Bilde der Hölle, wie sie das neue Testament schildert, hielten die Kirchenlehrer fest.[61] Sie verlegten sie in das Innere der Erde und vergleichen ihr Feuer mit dem von Sodom[62] oder nennen es ignis corporalis,[63] πῦρ αὶώνιον, ἄσβετον, σωφρονοῦν. Indem sie so mit der Schilderung der Bibel übereinstimmen und auch den Glauben an das jüngste Gericht beibehalten, streiten sie nur über die Ewigkeit der Hölle, über den Beginn der Strafen der Verdammten und über das Ende des Teufels, welcher in der Hölle gefesselt liegt. Diese Streitigkeiten eingehend zu erörtern, muss der Theologie überlassen bleiben, wichtig aber ist ihr Resultat. Zum Dogma wurde die Lehre des Origenes erhoben, dass die Strafen sogleich nach dem Tode beginnen, und dass das jüngste Gericht eine Erhöhung der Strafen bringe. Der Teufel, welcher bis dahin auf Erden und in der Hölle herrschte, bleibt jetzt in der letzteren. So haben zwar die Kirchenlehrer für die Topologie der Hölle wenig Neues beigebracht, aber das Verhältnis des Teufels und der Verdammten zu ihr näher bestimmt.

Die Anschauungen über den Teufel und die Hölle im frühen Mittelalter bis zur Zeit der Ottonen.

Die Lehren der Kirchenväter haben im Mittelalter mit der Bekehrung der Germanen, deren Cultur wesentlich religiösen Inhalt enthielt, ihre fruchtbarste Verwertung gefunden. In der Poesie, dem Gebiete, auf welchem die schöpferische Geisteskraft der Germanen in besonders eigenartiger Weise zur Geltung gelangte, werden der Teufel und die Hölle oft geschildert. Durch Vermischung römisch-griechischer, christlicher und germanischer Vorstellungen erhält die Gestalt des Teufels Attribute, welche bleibend geworden sind, und der Charakter das Satanische, was ihm bisher fehlte.[64]

Diese neue Metamorphose betont bald das Menschliche, bald das Tierische. Wie früher wird der Teufel als rabenschwarzer Mohr geschildert mit runzliger Haut.[65] Er ist entweder erschreckend gross oder eine Zwerggestalt, welche an Figuren der germanischen Mythologie erinnert. Zuweilen verrät ihn ein Bocksohr, Hörner, Schwänzchen, Pferdefuss, Attribute, welche den Satyrn eigen sind und auch leicht zu den Tieren Bezug nehmen, welche germanischen Göttern beigegeben waren, wie der Bock dem Thor, das Pferd dem Odhin.[66]

Auf den Teufel werden alle möglichen Laster zurückgeführt. Das Würfelspiel, dem die Germanen leidenschaftlich frönten, galt als seine Erfindung und von ihm glaubte man, dass er in der Hölle um Menschenseelen spiele.[67] Der Teufel tritt als Zauberer und Wettermacher auf, er bewirft die Priester und Frommen mit Steinen und steckt die Häuser in Brand. Er bringt Ungeziefer, Würmer und Krankheiten hervor. So wird er zum handelnden Individuum mit menschlichen Leidenschaften.[68]

Wie seine Person allmählich aus verschiedenen Elementen erwuchs, so verschmolzen auch mit dem Begriffe der Hölle die verschiedenartigsten Vorstellungen. Hier gingen die germanischen Anschauungen besonders leicht in die christlichen über. So wird Hel zur Hölle, wie schon die Ethymologie des Wortes zeigt und die Vorstellung von dem Weltuntergange wird mit der Idee von dem jüngsten Gerichte verbunden. Als Zeugnis für die Verschmelzung sei auf den Heliand[69] und Muspilli[70] verwiesen.[71]

Die Hölle wird besonders gern in lateinischen Gedichten des zwölften Jahrhunderts behandelt. In diesen wird die Qual der Verdammten ausführlich geschildert. Angeführt seien zwei Gedichte:[72]

Tunc infernus apparebit
et damnatos absorbebit,
fulgus ignis atque vermes
Trucidabant peccatores.

Das zweite »De poena peccatoris« betitelte lautet:[73]

O quam grave, quam inmite,
A sinistris erit: »ite«
Cum a dextris: »vos venite.«
dicet rex, largitos vitae.
Tunc spes omnis interibit
et cras cras prorsus abibit.
ad tormenta quisquis ibit,
jam amplius non exibit.
Ibi flammis exuretur
et a vermis rodetur,
ab angustiis augetur,
qui salvari non meretur,
et turribiles ultores
judicabant pravos mores.