Dieser Volksglaube wird zur Zeit Christi nunmehr specialisiert und schliesslich ein integrierendes Element im religiösen Bewusstsein der Juden. Er wurde von Christus und seinen Aposteln übernommen und ging in das neue Testament über. Wie im alten Testamente, so giebt es auch im neuen Dämonen, aber sie sind nicht mehr die Söhne Gottes, sondern die Boten des Teufels (δαιμόνια, ἄγγελοι τοῦ διαβόλου), welcher ihr Haupt ist. Zwischen ihm und ihnen muss man unterscheiden. Der Teufel, wie Luther Satan übersetzt, hat viele Namen, welche grossenteils von dessen Wesen und Wirken, zum Teil aber auch von bestimmten Anlässen hergenommen sind. Er heisst σατᾶν, διάβολος, ἐχϑρός, βεελζεβούβ oder er wird umschrieben ὁ ἄρχων ιοῦ Κόσμου τούτου, ἄρχων τῶν δαιμονίων, ὁ δράκων μέγας, ὄφις ὁ ἄρχαῖος, ὁ πειράςων, ὁ κατήγωρ. Seine Stellung zu Gott hat sich verändert. Aus dem Diener, als welcher er im alten Testamente auftritt, ist er zum Herrn geworden. Damit hängt eine andere Auffassung und Beurteilung seiner Thätigkeit zusammen. Er hat von Anfang der Welt an gesündigt.[16] Die Verführung der Eva ist sein Werk.[17] Er gilt als Menschenmörder,[18] als Fälscher des göttlichen Wortes[19] und bringt schliesslich dadurch, dass er Judas zum Verrat anstiftet, Christus selbst um’s Leben.[20] Seine Macht ist unumschränkt. Die Finsternis ist sein Reich[21] und Dämonen bilden seine Gefolgschaft. Diese Dämonen sind ebenfalls Teufel, denn »einen« Teufel giebt es in dieser und auch in späterer Zeit nicht, aber jeder von ihnen hat einen bestimmten Wirkungskreis. Auf den obersten unter ihnen ist als den Repräsentanten der ganzen Gesellschaft der Name der Gattung übertragen worden. Die Dämonen selbst nehmen leiblich Besitz vom Menschen, von seinem Hab und Gut und gelten als Ursache von Wahnsinn, Blindheit, Stummheit, Epilepsie.[22] Sie wohnen in den Tiefen der Erde, an wüsten Orten[23] und nach sicheren Andeutungen des Paulus auch in der Luft.[24] Diese Auffassung entspricht also ganz der alttestamentlichen.
Wenn man gesagt hat, dass Christus nie lehrhaft vom Teufel spreche und nur dem herrschenden Volksglauben huldige und den Bösen als ein geläufiges Bild der Volkssprache im Munde führe,[25] so kann dies wohl zugegeben werden. Ebenso muss anerkannt werden, dass von einem persönlichen Kampfe zwischen Christus und dem Teufel nirgends die Rede ist, denn die oft citierte, namentlich dafür von der katholischen Theologie verfochtene Versuchung Jesu ist doch nur als eine symbolische Darstellung eines inneren seelischen Konfliktes in der bilderreichen Sprache des Orients aufzufassen. Das persönliche Wesen tritt somit noch vollständig in den Hintergrund, und die Gestalt des Teufels hat in Übereinstimmung mit der des alten Testamentes etwas Nebelhaftes behalten; sie ist wie die Gottes unpersönlich und weder räumlich noch zeitlich gebunden.
Bestimmter sind die Vorstellungen über seine Lebensgeschichte.[26] Man dachte sich den Teufel von Anfang der Welt an existierend. Als ein schöner Engel wohnte er im Himmel und wurde aus demselben gestürzt.[27] Dadurch gleichsam zwischen Gott und die Menschen gestellt, sucht er sich nun die Welt zu unterwerfen und entfremdet sich Gott mit der durch Christi Lehre zunehmenden Offenbarung immer mehr. Sein Dasein und Ende ist freilich nicht klar geschildert. Es scheint, dass der Teufel durch die Lehre Jesu besiegt wird und für immer in der Hölle gefesselt liegen muss.[28]
Eine besondere Erwähnung verdient die symbolische Darstellung des Teufels, besonders in der Apokalypse. Es werden hier drei Monstra geschildert. Das erste ist der grosse Drache, auch die alte Schlange, Teufel und Satanas genannt. Von ihm heisst es:[29] »Und siehe, es erschien ein grosser Drache, der hatte sieben Häupter und zehn Hörner und auf seinem Haupte sieben Kronen. Und sein Schwanz zog den dritten Teil der Sterne.« Er ist in der Hölle, was Gott im Himmel. Von ihm sind zwei andere Tiere abhängig, das Seetier und der Erddrache. Von dem ersten sagt der Prophet:[30] »Und ich trat an den Sand und sahe ein Tier aus dem Meere steigen, das hatte sieben Häupter und zehn Hörner, und auf seinen Häuptern zehn Kronen und auf seinen Häuptern Namen der Lästerung. Und das Tier, das ich sahe, war gleich einem Pardel und seine Füsse als Bärenfüsse und sein Mund eines Löwen Mund.« Das Erdtier[31] ist ein Helfer des Drachen. Es trägt zwei Hörner gleichwie das Lamm und redet wie der Drache. Diesen Haupttieren sind andere untergeordnet:[32] »Und ich sahe aus dem Munde des falschen Propheten drei unreine Geister gehen, gleich den Fröschen.« Sie versammeln die Könige der Erde, um Gott zu bekämpfen. Unter diesen Teufeln stehen die Heuschrecken, welche aus dem Brunnen des Abgrundes kommen und gleich kriegsbereiten Rossen sind. Ihr Angesicht ist das eines Menschen. Auf dem Haupte tragen sie goldene Kronen, sie haben Frauenhaare, Löwenzähne und Flügel.[33] Diese allegorischen Tiere vervollständigen das Bild des Teufels und seiner Kreaturen und sind die älteste, beschreibende Darstellung, die uns in der Litteratur begegnet. Ihre Kenntnis ist deshalb von besonderer Wichtigkeit, weil fast alle Künstler von dem 12. Jahrhundert an ihre Züge bildlich dargestellt und zum Gemeingut der Phantasievorstellung gemacht haben.
Das Gesammtbild, welches die Bibel vom Teufel bietet, beruht also auf echtem Volksglauben ohne jede dogmatische Tendenz und findet in der Dämonologie viel Verwandtes. Es ist im Gegensatz zu dem Bilde Ahrimans nicht so scharf gezeichnet, denn während in der persischen Religion der Dualismus, die Unterscheidung zwischen einem absolut bösen und guten Princip eine extreme genannt werden muss, ist sie in der Bibel nicht so konsequent durchgeführt, und der Teufel ist »kein böses Absolutes, sondern wird in jedem Moment von Gottes Allmacht getragen, die ihn nur des Ethischen halber Raum lässt.«
Ebenso wie der Glaube an den Teufel volkstümlich war, geradeso der an die Hölle. Die Juden hatten keinen Ort der Vergeltung, und in den älteren Schriften des alten Testamentes wird nur der Abgrund, wie Luther שְאול [Hebrew: She'ol] übersetzt, als ein finsterer, in der Tiefe gelegener Ort erwähnt, an dem die Toten in Grabesstille ruhn.[34] Erst in den nachexilischen Schriften unter Einfluss der persischen Anschauungen dringt die Vorstellung von einem Strafort in den Volksglauben, und die Sünder führen in Gehenna[35] ein Schattendasein, ähnlich den abgeschiedenen Seelen im Hades.
Durch die Lehre Christi, welche in dem Bestreben die Moral zu heben die ausgleichende Gerechtigkeit Gottes betont, wie die Parabel von dem reichen Mann und armen Lazarus beweist, wird die Vorstellung von der Hölle weiter ausgebildet. Häufig zieht sie Christus in seine Betrachtung, ohne dass ihr Bild als abgeschlossenes Ganzes uns begegnet, vielmehr muss es aus den vorhandenen Andeutungen erst konstruiert werden. Danach schlagen Flammen und Rauch aus einem nie erlöschenden, ewig brennenden Schwefelpfuhl empor,[36] in dem sich die Sünder vor Durst verzehren.[37] Oder die Vorstellung geht vom Gegenteil aus, und ewiger Frost umgiebt in der Hölle die Verdammten, welche heulen und vor Kälte mit den Zähnen klappen.[38] An jenen Ort des Schreckens gehen die törichten Jungfrauen,[39] der unnütze Knecht,[40] Gottlose, Ehebrecher, Diebe, Mörder, Götzendiener, Giftmischer, Unzüchtige, Lügner.[41] Sie alle schmachten in ewiger Pein, umgeben von Satan[42] und seinen Geistern, welche hier gefesselt liegen.[43] Der Sünder empfängt den Lohn für sein Verbrechen. Der Beginn der Höllenstrafen erfolgt nach dem grossen Weltgericht am Ende der Tage, auf das Christus oft prophetisch hinweist.[44] Dieses hatte im alten Testamente nur als dichterisches Bild der weltrichtenden Weltgeschichte gegolten,[45] da Gott zwischen Israel und seinen Feinden richten und die Heiden unterwerfen würde oder als Bild der Vergänglichkeit der Schöpfung, welche in heiliger Naturpoesie der Ewigkeit Gottes entgegengesetzt war.[46] Das Ende der Tage wurde dann in der neuen Lehre mit dem jüngsten Gericht verbunden, wo Christus wiedererscheint, zu richten und zu trennen Selige und Verdammte.[47] Jene gehen in den Himmel ein, diese in die Hölle. Versöhnend schliesst so die Lehre von der Gerechtigkeit Gottes ab, ewige Wonne den Gerechten, ewige Qual den Verdammten.
Die Lehre der Kirchenväter über den Teufel und die Hölle.
Die im neuen Testamente niedergelegten Anschauungen vom Teufel und der Hölle sind nun dauerndes Eigentum der kommenden Jahrhunderte geworden. Das Böse zu erkennen, den Teufel zu besiegen, der Hölle zu entgehen, den Himmel zu erringen, das ist das heisse Sehnen der Gläubigen.
In der ersten grossen Entwicklungsperiode des Christentums, die bis zum Untergang des weströmischen Reiches zu rechnen ist, verband sich der christliche Glaube mit dem römisch-hellenischen, sowie orientalischen an die alten Götter und Dämonen. Die philosophischen Spekulationen der Gnostiker und Manichäer über den Ursprung und das Wesen des Bösen berührte wenig den Volksglauben, dem die christlichen Priester im Gegenteil Concessionen zugestehen mussten, um den Übertretenden die Heilsbotschaft begreiflich zu machen.[48] Die Existenz der alten Götter wurde nicht geleugnet, aber sie wurden als böse Dämonen erklärt oder wohl gar mit dem Namen von Heiligen in Verbindung gebracht.[49] Diente doch die Statue des jugendlichen Hermes Κριοφόρος als Christus.[50] Den alten Glauben mussten die Übertretenden abschwören, aber er lebte in dem an den Teufel weiter fort. So trieben Exorcisten den Täuflingen den Teufel aus.[51] Man glaubte, dass ein böser Dämon jeden Menschen von seiner Geburt an begleite und also erst vertrieben werden müsse, sollte der Mensch nicht für immer an seinem Leibe und seiner Seele Schaden nehmen. Indem ferner die Kirchenväter den Glauben zum Dogma erhoben, lehrten sie, dass der Teufel und die Dämonen von Gott als gut geschaffen seien, dann abgefallen und eine Gemeinschaft unter einem Obersten bildeten. Ihr Sinnen und Trachten gehe nur darauf aus, alles, was Gott geschaffen und geordnet hat, zu vernichten. Der Teufel übt schrankenlose Macht auf Erden aus, kann indessen die Menschen zur Sünde nicht zwingen, wohl aber durch alle möglichen Mittel anreizen. Er steht zu den Menschen in inniger Beziehung, schliesst mit ihnen Bündnisse, um sie zu gewinnen.[52] So sagt Augustin:[53] »Die Zauberer leben mit den Dämonen in einer gewissen Gesellschaft und haben gleichsam einen Bund mit ihnen.« In diesem Glauben an die wirkliche Existenz des Teufels sind alle Kirchenlehrer einig. Worin sie auseinandergehen, sind drei Fragen:[54] 1) Über die physische Gestalt und Beschaffenheit des Teufels. 2) Worin bestand und wann fällt ihre erste Sünde? 3) Welches ist ihr Aufenthaltsort zwischen ihrem Fall und dem jüngsten Gericht? Der äusseren Gestalt nach ist der Teufel ein hässlicher Mohr von aussergewöhnlicher Stärke und Grösse[55] oder eine Missgestalt mit Hundeschnauze, behaart bis zu den Füssen, mit glühenden Augen, Feuer aus der Nase und Mund speihend und mit den Flügeln der Fledermaus.[56] Eine bilderreiche Sprache schildert ihn als scheusslichen Drachen mit drei Köpfen[57] – nach dem Vorbilde des Cerberus – oder vergleicht ihn mit einem bellenden Hunde[58] oder einem schnaubenden Rosse.[59] Die Frage, warum die Engel gefallen sind, ist verschieden beantwortet worden. Die einen meinten aus Hochmut, die andern aus Neid.[60] Als Aufenthaltsort aber dachte man sich gemeinhin die Erde. Indem die Väter diese drei Fragen zu lösen suchten, entwickelten sie allmählich das Wesen des Teufels genauer, gaben dem Begriffe eine bestimmte Form und der Gestalt mehr Realität.