Wir erwähnten schon, daß die einfachsten Empfindungen von uns nicht kalt hingenommen werden. Es ist sofort für Gefühlsbegleitung gesorgt, wie wir aus den Veränderungen der Atmung und des Herzschlags ersehen. Diese Veränderungen können mit langen Hebelvorrichtungen auf berußtes Papier geschrieben werden.[9] Nach Wundt herrschen folgende Gesetzmäßigkeiten zwischen Puls und Gefühlen:
Abb. 5. Die Gesetzmäßigkeit zwischen Puls und Gefühlen. (Nach Wundt.)
In diesen sechs Gefühlsrichtungen liegt eine ungeheure Summe von Gefühlsschattierungen und -verbindungen, die zu jeder Empfindung hinzutreten können.
Empfindungen enthalten Tatsächliches über die Außenwelt, Gefühle dagegen sind persönliche, innerliche Antworten des Geistes auf Reize.
So erblicken wir bei tieferer Betrachtung in unserm Geiste den mächtig schaffenden Grundsatz der Verbindung, weitgehender Verquickung und Durchdringung, aber doch auch wieder Wahrung der Eigenart der geistigen Elemente. Empfindung, Gefühl, Wille treten nicht vereinsamt auf, sondern immer eng verschlungen wie die Fäden eines wundersam verknüpften Flechtwerks.
Jetzt begreifen wir, warum wir überhaupt fähig sind, die einzelnen Hornstöße des Sturmsignals im Zusammenhang nachzusingen. Wenn wir nicht diesen Grundzug des Geistes kennten, getrennte Empfindungselemente mit anderen Empfindungen, mit Gefühls- und Willenswerten zu verknüpfen und zu einem Ganzen, zu einer Einheit, zusammenzuschweißen, würden wir vor einem Rätsel stehen. So aber zieht die Vorstellung vom ersten Hornstoß alles andere ins Bewußtsein nach, weil alles Dazugehörige: Empfindungen mit Klang-, Spannungs-, Lösungs-, Tätigkeits-, Lustgefühlen usw. verbunden wird, wozu noch eine Verknüpfung mit dem Wortgedächtnis getreten ist: „Kartoffelsupp, Kartoffelsupp, den ganzen Tag Kartoffelsupp, Supp, Supp, Supp.“ Dabei fühlt jeder ganz deutlich eine damit verbundene Gefühlsmischung, die sich nicht leicht in Worte fassen läßt: Das Ganze wirkt scharf, rhythmisch, stramm, ulkig usw. Im Gefecht treten dazu noch ganz andere, vorzugsweise Willenswerte von Pflicht, Gehorsam, Begeisterung, Wut usw. Ich erinnere mich noch ziemlich deutlich meiner eigenen Bewußtseinslage beim Hören dieses Rufes im Schlachtgetümmel. An das „Kartoffelsupp“ dachte ich nicht mehr, sondern werbend und mahnend, aufreizend und vorwärtsdrängend stand nur die andere Sinnverbindung im Blickpunkt des Bewußtseins: „Geht schneller vor, geht schneller vor, geht immer, immer schneller vor, vor, vor, vor!“ Und war man auch vom letzten Sprung noch atemlos, dieser Ruf stachelte an und peitschte alle vorwärts, bis nach ungeheuern Anstrengungen und Opfern die Stellung der Russen unser war.
Dieses Verbindungenschlagen der geistigen Elemente untereinander bezeichnet man, wenn es von selbst geschieht, als Assoziation (socius [lat.] = der Genosse, der Gesellschafter).
Es wird Zeit, daß wir auch in der Wissenschaft den fremden Sprachplunder loswerden: Vorstellungsverbindung ist für die Zunge nicht leicht genug. Das lange Wort mehrere hundertmal in einem Buche gebraucht, kostet Zeit, Lohn, Papier usw. Also: Vorstellbindung kann nicht mißverstanden werden.
Diese Bindungen verglich man früher mit einer Kette, bei der die Einzelvorstellungen, den Gliedern einer Kette gleich, aneinander gereiht sind. Jetzt veranschaulicht man das Wesen dieser nicht einseitigen, sondern vielseitigen, fast allseitigen Bindungen besser als ein weitverzweigtes Geflecht, als ein vielseitig brauchbares Netz.