Alle Bild- und Gemäldebetrachtungen sind umbildende Angleichungen. Doch nicht nur sie, auch alle Auffassungen von Dingen, die wir wiederholt sehen. Angenommen, wir sehen einen wirklichen Fackelzug der Kleinen. Wie unendlich lange Zeit würden wir wohl brauchen, um die ungeheure Fülle von Einzelempfindungen, die gewaltige Flut von Gefühlen und ihren Verbindungen, wirklich alle aufzufassen! So greift unsere Aufmerksamkeit aus der Fülle von Eindrücken nur einige wenige Züge heraus (Kinder, Fackeln, Laternen). Wir haben gar nicht die Zeit, alle Einzelheiten aufzufassen. Aus früheren Vorstellungen wird so schnell, daß wir es gar nicht merken, alles Fehlende ergänzt.
Auf diese Weise wird die Auffassung aller Eindrücke wesentlich beschleunigt, weil unser Bewußtsein natürlich mit Erinnerungsvorstellungen viel schneller arbeiten kann, als wenn eine Zergliederung der gesamten Flut von Eindrücken erfolgen müßte. Wir erinnern uns daran, daß unser Bewußtsein nur 6 Einheiten gleichzeitig aufnehmen kann. Wem das als ein Mangel erscheint, der wolle ja bedenken, daß ohne diese wundervolle Angleichung und ohne jene Bewußtseinsenge die Eindrücke unserer Umgebung das Bewußtsein erdrücken oder wir so fassungslos dastehen würden wie ein Blinder, der plötzlich sehend wird.
Genau der gleiche Fall liegt vor beim Übersehen von Druckfehlern. Unser Lesen ist infolge der Übung so geschwind, daß wir nicht mehr Buchstaben an Buchstaben reihen, sondern wir überfliegen ganze Wörter. Kaum ist das Wortbild flüchtig erfaßt, sofort kommt aus dem Erinnerungsschatze das ganze Wort und die richtige Wortbedeutung ins Bewußtsein. Wir übersehen also eigentlich nicht nur den Fehler, wir tun noch viel mehr, wir setzen unbewußt infolge des lebendigen, sofort sprungbereiten Vorstellungsschatzes das richtige Wort an Stelle des falschen.
Beim Sprechen, besonders beim schnellen, werden ganze Silben verschluckt, ganze Wörter arg verstümmelt, und doch hören wir sie richtig. Sofort, wenn solche unvollständige Klanggebilde ins Bewußtsein treten, taucht das vollständige Wort aus dem Gedächtnis ergänzend auf, verbindet sich mit dem neuen Klanggebilde, und die Wortbedeutungsvorstellung tritt dann auch noch aus dem Gedächtnis ins Bewußtsein. So verstehen wir. Wie unvollständig unser sprachliches Hören meist ist, merken wir erst, wenn wir uns einmal verhören. Wir glauben ein Wort bestimmt gehört zu haben, während es nachweislich gar nicht gefallen ist. Aus unserm Gedächtnis stammt das Wort mit Wortbedeutung. So mächtig treten alte Vorstellungen auf, daß sie jene unklare Schallempfindung vollkommen in den Schatten stellen und uns selbst weismachen, es sei der neue Eindruck.
Diese Umbildungsvorgänge machen uns um eine wichtige Entdeckung reicher. Sie zeigen uns, wie unglaublich viel Altes, Gedächtnismäßiges wir in unsere Erlebnisse hineintragen. Alles Erkennen und Wiedererkennen sind Umbildungen, wobei von den betreffenden alten Vorstellungen meist ein gemengter Knäuel von Erinnerungsresten rege wird.
Uns fällt das Sprichwort ein: „Irren ist menschlich!“ Das hat uns die Erfahrung schon oft gezeigt. Wie tief dieses Irren aber schon in den einfachsten Erinnerungsvorgängen begründet ist, hatten wir doch nicht vermutet. Ist doch insofern alle menschliche Auffassung ein Irren!! So erklären sich schon manche Mängel der Zeugenaussage. Vgl. S. 50–55.
Jetzt beginnen wir zu ahnen, von welch gewaltiger Bedeutung die Forderung ist: „Mehr Arbeit der Sinne!“ ([S. 50].) Es leuchtet doch ein, daß nur dann eine neu auftretenden Reizen entsprechende Auffassung erfolgen kann, wenn wir früher peinlich genau ähnliche Dinge aufmerksam zergliedernd auffaßten und so einen reichen Schatz möglichst vollständiger und richtiger Vorstellungen erwarben.
3. Es sind aber auch Vorstellbindungen verschiedener Sinnesgebiete möglich. Freilich besteht zwischen den einzelnen Sinnen eine Scheidewand, so daß ein ununterscheidbares Zusammenfließen wie bei der vollkommenen Verschmelzung nicht stattfinden kann. Aber doch knüpfen sich auch hier zarte Bande, die allerdings etwas loser sind als die Verbindungen des gleichen Sinnesgebiets, aber doch noch als feste Bindungen angesprochen werden müssen. Es sind die „Komplikationen“ (ich schlage dafür vor „mehrsinnliche Bindungen“). Wenn wir einen Borsdorfer Apfel sehen, und es läuft uns das Wasser im Munde zusammen, so ist das nur möglich, weil die Gesichtsvorstellung vom Borsdorfer Apfel mit der Geschmacksvorstellung früher eine Bindung eingegangen ist, so daß jetzt sofort die Speicheldrüsen abzusondern beginnen. Ein starker Donner weckt in unserm Bewußtsein gleichzeitig vielleicht das Gesichtsbild eines Feldgeschützes oder Mörsers infolge der Gehör-Gesichtsbindung. Beim stillen Lesen können viele an sich beobachten, wie sie leise Sprechbewegungen ausführen. (Siehe später Inaudi! [S. 57].) Eine Übersicht würde uns also bieten:
| Vorstellbindungen (Assoziationen) | |||
| eines Sinnesgebietes, |
| verschiedener Sinnesgebiete | |
| | |
| |
| Verschmelzung | Angleichung |
| vielsinnliche Bindung |
Endlich gibt es auch Bindungen, die nicht in einer für die Beobachtung unteilbaren Tat (simultan) vor sich gehen, sondern wo infolge Verzögerung deutlich zwei Teile nachzuweisen sind. Diese verzögerte (sukzessive) Vereinigung beruht sonst auf den gleichen allgemeinen Ursachen und hat dieselben Eigenschaften zweier gleichzeitiger Bindungen, der umbildenden Angleichung und der mehrsinnlichen Bindung. Sie ist der Beobachtung leicht zugänglich; denn alles, was uns von selbst einfällt, wenn wir uns ganz willenlos dem Spiel der Gedanken hingeben, ist verzögerte Bindung. Das gesamte Erinnern, sämtliche Gedächtnisvorgänge sind nacheinander ins Bewußtsein tretende Vorstellbindungen. Scheinbar von selbst folgt einer Vorstellung dann eine ganze Menge anderer. Wir wissen aber, daß dieses Folgen nur auf Grund von Verbindungen möglich ist. Deshalb verweisen wir andauernd auf frühere oder spätere Stellen, damit jeder beim zweiten Lesen möglichst viele Brücken schlägt.