Wirkt aber bei den geistigen Verbindungen der Wille mit und unterscheiden wir deutlich Gefühle der Spannung, der Tätigkeit dabei, so entstehen nach Wundt Apperzeptionen, die unmittelbar unter der Mitwirkung der Aufmerksamkeit zustande kommen. Denken, Überlegen, Einbildungskraft und Verstandestätigkeit sind (nach Wundt) solche Verbindungen. Durch sie nur sind dann solche weitgespannten Zusammenhänge und Überblicke (Synthesen), solche tiefeindringenden Zergliederungen (Analysen) möglich, wie wir sie bei den Größen des Geistes bewundern.

Für Apperzeption, wie sie Wundt auffaßt, haben wir zahlreiche deutsche Wörter: denken, beziehen, überlegen, zergliedern, verknüpfen, verketten usw. Durch sie entstehen die höheren, den Menschen vor der Tierwelt aus­zeich­nen­den Ge­dächt­nis­ver­knüpfun­gen. Von diesen höheren Verbindungen läßt Goethe den Teufel bewundernd sprechen:

„Es ist mit der Gedankenfabrik,

Wie mit einem Webermeisterstück,

Wo ein Tritt tausend Fäden regt,

Die Schifflein herüber, hinüber schießen,

Die Fäden ungesehen fließen,

Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.“

[4] Wie derartige Reize zustande kommen und wie sie von den Sinnesnerven fortgeleitet werden, um als Empfindungen in unser Bewußtsein zu treten, zeigen die beiden ersten Abbildungen. Unser Finger berührt einen heißen Gegenstand oder verletzt sich an einer Nadel; sofort wird der Finger auch schon zurückgezogen, ohne daß unser Wille daran beteiligt ist. Das geht so zu: Der heftige Reiz (Hitze, Stichverletzung) erregt eine Empfindungs-Nervenzelle, ein Sinneskörperchen, von denen Hunderte und Tausende auf Fingern, Lippen und anderen empfindlichen Stellen verteilt sind ([Abb. 1]). Jedes dieser Sinneskörperchen, die nur einige Tausendstel-Millimeter messen, ist von einer feinen Nervenfaser umstrickt, die sofort den Reiz bis zum Hinterhorn des Rückenmarks leitet. Dort löst er eine so starke Erregung aus, daß sie nach dem Vorderhorn zu (motorischen) Bewegungs-Nervenzellen überstrahlt und dort auch Erregung verursacht. Sie teilt sich der Bewegungsnervenfaser mit, die den dazugehörigen Muskel zusammenzieht und den Finger von der gefährdeten Stelle entfernt. Der Zuckungsbogen ist geschlossen, wir haben eine unwillkürliche Bewegung, eine Reflexbewegung, gemacht, an der unser Gehirn vorderhand gar keinen Anteil genommen hat.

Wesentlich zusammengesetzter werden die Vorgänge, wenn wir uns im Dunkeln tastend bewegen. Dann genügt nicht die einfache Zuckungsbewegung zum Schutz des bedrohten Gliedes. Dann springt die Erregung nicht sofort vom Hinter- zum Vorderhorn, sondern steigt erst im Hinterhorn aufwärts ins Großhirn. Verschiedene Hirnstellen sind daran beteiligt ([Abb. 2]). Die an dieser Stelle als Schmerz, Druck, Kälte oder Wärme in unser Bewußtsein tretende Empfindung wird unter Hinzutritt des Willens zu einem Bewegungsantrieb umgearbeitet, der von der Bewegungszone im Gehirn zum Muskel abwärts geleitet wird, das bedrohte Glied mit bewußter Absicht zu bewegen.