Seine Silberhaare bäumen sich. —

Vollständig verrückt! Nicht? Nun, der das dichtete, war der junge Schiller. Daraus kann man die Größe der Arbeit und Übung ahnen, die ihn zu unserem Dichterfürsten gemacht hat. Und von Fritz von Uhde wird erzählt, daß sein Lehrer ihm den guten Rat gab, Pinsel und Palette wegzulegen: „Aus Ihnen wird doch nichts!“ Aber der Grundsatz: „Nulla dies sine linea“, kein Tag ohne Linie oder Pinselstrich, hat ihn auf die Höhen seiner Kunst geführt.

Von einer andern Seite her wollen wir die Aufmerksamkeitserziehung als eine Erziehung grundlegender Geisteseigenschaften betrachten. Unsre Ärzte heilen manche Nervenkranke neuerdings dadurch, daß sie diese ernsthaft arbeiten lassen. Im ärztlichen Schrifttum wird geradezu einstimmig auf die ganz erstaunliche Bedeutung der Arbeit für die Persönlichkeitsbildung, für den Willen, ja, für die geistige Gesundung des Menschen hingewiesen. Aber, diese wohltätige Wirkung findet sich nur bei streng geordneter, stetiger, pflichtgemäßer Arbeit, nie bei spielerischer Scheinarbeit.

„Manche schwere Neurasthenien des späteren Lebens, die sich in sog. Platzangst, nervösen Lähmungen usw. äußern, sind nur vergrößerte Formen jener mangelnden Unterordnung des Körpers und des Nervensystems unter den Willen, die sich im Schulleben in fortgesetzter Nachlässigkeit, Flüchtigkeit und Zerfahrenheit in der Arbeitsleistung zeigt. Starke Übung in der geistigen Bezwingung nervöser Unstetigkeit im Arbeiten kann sehr wohl eine starke vorbeugende und heilende Wirkung auf dem Gebiet der Nervenleiden haben.“ (Förster, Schule und Charakter, S. 239.)

Unser Buch soll keine bloße Belehrung sein, es soll zur Tat anregen. Der rechte Mann verlangt Beweise und forscht selbst nach. So wäre eine reizvolle Aufgabe, die eigene Aufmerksamkeitsform festzustellen und mit dieser kleinen Aufgabe den segensreichen Grundsatz: „Erkenne dich selbst“ zu üben. Ein beliebiger Lesestoff, ganz kurze Zeit von einer zweiten Person gezeigt, genügt dazu schon. Wir hätten aufzuschreiben, was wir gesehen haben, und zu vergleichen. Haben wir einzelne Wörter oder Buchstaben richtig erfaßt, so gehören wir zur ersten, müssen wir uns viel Flüchtigkeitsfehler, Einbildungszutaten bei der Nachprüfung eingestehen, zur zweiten Art.

Jene mögen sich im schnellen Erfassen der Buchstaben und Wörter, bei Spaziergängen im schnellen Erfassen der Fensterzahl, einer Häuserreihe mit einem Blick, der einzelnen Latten an einem Zaun usw. üben.

Die andern möchten ihrem Blick bestimmte Richtung geben, ihn nicht oberflächlich dahinschweifen lassen: Andauernd mehr ins einzelne schauen, mehr nach Unterschieden beim Betrachten des Lattenzaunes oder der Fenster einer Häuserreihe suchen usw.

Diese Übungen sind bei den verschiedensten Gelegenheiten noch zu erweitern, bis sich die gemischte Aufmerksamkeitsform entwickelt, die alle Vorzüge der beiden andern in sich vereinigt. Über die vieldienliche Anwendung des hier Erkannten in Lehre und Leben ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Ich habe in der „Praktischen Gedächtnispflege“ S. 12–23 mehr darüber mitgeteilt.

Die Taktgliederung.

Die Versuchs-Seelenforschung entdeckte, daß die Aufmerksamkeit rhythmisch ist. Wir können uns davon überzeugen, indem wir unsere Taschenuhr so weit von uns entfernt niederlegen, daß wir ihr Ticken gerade noch hören. Da merken wir zu unserem Erstaunen, daß wir ein paar Augenblicke das Ticken vernehmen, dann eine kurze Zeit nicht mehr, es dann abermals hören, darauf wieder nicht usw. An der Uhr liegt es nicht, die tickt in bestimmtem Takt weiter, unsere Aufmerksamkeit aber wechselt, indem sie sich anspannt, dann nachläßt, um wieder angespannt abermals nachzulassen.