Darum kommt jetzt auch der Arbeitsunterricht dem Kinde viel näher. Er bietet dem tätigen Kinde neue, tiefgreifende Erlebnisse, nicht einen rasch vorüberrauschenden Wortschwall. Dem Kinde die Dinge in die Hand! Nachbilden! Daran erleben! Das ist die heutige Losung. Worte sind unlebendig, die nur dann das Kind packen und fesseln, wenn eine Geschichte, also ein fremdes oder eigenes Erlebnis, alle übrigen unterrichtlichen Maßnahmen mit einem gewissen Erlebnisgefühl überstrahlt.

Mit der Geschlechtsreife wird der Gedankenverlauf begrifflich, aber doch verfehlen Erlebnisse auch beim Erwachsenen nie ihre Wirkung, wie wir aus der Spannung schließen müssen, die man Reisebeschreibungen, Novellen, Romanen, Kriegserlebnissen usw. entgegenbringt. Da sind wir gespannt, erregt, unser Geist ist in außerordentlich hohem Maße tätig. Schon der selige Homer kannte diesen Zug der menschlichen Seele. Anstatt trockene Beschreibungen zu bieten, etwa eine Rüstung Stück für Stück zu beschreiben, stellt er uns den Helden dar, wie er sie Teil für Teil anlegt. So wird aus einer trockenen Beschreibung — eine Geschichte, ein Erlebnis.

Die Anwendung des Grundsatzes, Gedächtnisstoffe erst gründlich zu erleben, bedarf einer ausführlichen Darstellung. Ich gebe sie in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“. Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung. Leipzig-Eutritzsch.

Lernen im Ganzen oder in Teilen?

Wenn wir einen Schüler beim Lernen von Gedichten beobachten, so machen wir fast stets die Erfahrung, daß er das Ganze in kleinere Abschnitte zerlegt, diese einzeln lernt und dann versucht, sie aneinanderzureihen. Die Gründe dafür sind: Man will die schwierigen Stellen erst für sich lernen. Dann möchte man auch gern einen Fortschritt sehen, denn beim Lernen im Ganzen kommt das Gefühl des Auswendigkönnens erst ganz zuletzt. Auch glauben besonders Kinder leicht, einer umfangreicheren Aufgabe nicht gewachsen zu sein. Diese Einbildungen, Selbsteinflüsterungen (Autosuggestion) beeinflussen tatsächlich das Gedächtnis manchmal in so ungünstiger Weise, daß unter Umständen das Lernen im Ganzen weniger wirkungsvoll ist (vgl. auch [S. 48]). Aber wie unsinnig dieses stückweise Lernen ist, zeigt folgende Zeichnung. Die starken Striche zeigen an, wievielmal ein Vers für sich gelernt wurde. Die Bogenlinien zeigen, wie oft das Versende an den Anfang gehängt wurde.

Wer so lernt, braucht sich nicht zu wundern, wenn es ihm geht, wie dem Vereinsvorstand, der beim Stiftungsfest mit der üblichen Rede loslegte: „Verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Dann ging es munter weiter, bis der Begrüßungsgedanke ausgeführt und die Überleitung zu etwas Neuem nun fällig war. Statt dessen stammelte der Redner: „Ja, jawohl, verehrte Anwesende, es ist so Sitte in unserm Verein, daß wir den Tag seiner Entstehung festlich begehen ....“ Nun war er unrettbar wieder auf den 1. Abschnitt seiner Rede eingestellt und fand sich erst weiter, als er sie ablesen konnte.

Berggipfel erglühen,

Waldwipfel erblühen,

Vom Lenzhauch geschwellt;

Zugvogel mit Singen