Besteht doch auch die Tätigkeit des geübten Lesers nicht mehr in einem mühseligen Aneinanderreihen von Buchstaben, sondern einige wenige Buchstaben werden scharf ins Auge gefaßt, was an Zeichen dazwischen liegt, wird überflogen und in Gruppen zusammengefaßt. Gar nicht anders ist es beim schnellen Klavierspielen oder Stimmenbuchlesen. Diese Hinweise deuten darauf, daß die eben angeregte Übung des Geistes im Zusammenfassen zu Einheiten keine Spielerei ist, sondern den mannigfachsten angewandten Gebieten zugute kommt, nicht zuletzt dem Gedächtnis, dessen wichtige Grundlagen in einer scharfen gründlichen Beobachtung und eben im Einheitenbilden bestehen. Die Vorteile, die Takt und Gruppenbilden dem Gedächtnis gewähren, scheinen zum Teil ihre Ursache in dem „Stelle-Anweisen“ zu haben.
Jedes Glied einer übersichtlichen Gruppe hat seinen bestimmten Platz. In ungeordneter Masse ist das unwillkürliche Merken eines bestimmten Platzes sehr erschwert. Da nun Zahlen, sinnlose Silben, verwickelte Formen gewissermaßen glatt sind und dem Gedächtnis kein hervorstechendes Merkmal bieten, fördert tatsächlich Ortsmerken das Gedächtnis.
In Lehre und Leben läßt sich das Stelleanweisen mannigfaltig mit Erfolg verwenden. Mündliche Darbietungen müssen gut gegliedert, klar geordnet sein. Auf alles Neue muß der Hörer durch eine Ankündigung, gewissermaßen Überschrift, vorbereitet werden, damit er weiß, wohin es einzuordnen ist. Schriftliche Darbietungen an der Tafel oder in Unterrichtsbüchern sind übersichtlich zu gruppieren. Gelegenheit zu einem Überblick, zu Rückschau und Zusammenfassung sollte oft geboten werden. Ist etwa die Übersicht über jene vier Begriffe auf [S. 21] dem Leser überflüssig erschienen? Oder hat nicht vielmehr jeder deutlich gefühlt, wie dadurch mehr Klarheit geschaffen und Verwechslungen vorgebeugt wurde?
Gefühl und Anteilnahme (Interesse).
Die Bedeutung der Gefühle schon bei einfachen geistigen Vorgängen lernten wir [S. 14/15] kennen. Es kommt ihnen aber eine noch weit größere Macht zu. Wie die Zergliederung der Seelenvorgänge lehrt, sind die entscheidenden Antriebe sowohl bei der ursprünglichen Bildung der Vorstellungen wie bei ihrer allmählichen Umwandlung die begleitenden Gefühls- und Willensvorgänge (W. Wundt). Und nach Th. Ziegler kommt uns überhaupt nur zum Bewußtsein, was Gefühlswert hat. Darum stehe das Gefühl an der engen Pforte des Bewußtseins und entscheide über Aufnahme oder Nichtaufnahme, über ja oder nein. Daraus geht hervor, daß der Gedächtnisvorgang die allertrefflichste Anregung erfährt, wenn der Lernende eine möglichst hochgespannte Neigung für die Arbeit gewinnt. Dann sind Aufmerksamkeit und Wille ohne weiteres da.
Was du tust, das tue freudig — und es wird gelingen. So wird jede Arbeit zu einer Quelle der Lebensfreude. Aber wie kommen wir zu einer solchen frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß, wie sie sich auch für die Gedächtnisarbeit als fördernd erwiesen hat?
Man sollte meinen, eine aufgeregte Begeisterung müsse ungemein fördernd wirken. Das ist aber nicht der Fall. Ob dabei zuviel Aufmerksamkeit aufgesaugt wird? Die anzustrebende mittlere frohe Gefühlsstimmung steht nicht mehr unter dem unmittelbaren Eindruck eines lustvollen Erlebnisses, das die Wogen der Freude hochgehen ließ, sondern unter seinen Nachwirkungen, die über den ganzen Tag und seine Gedächtnis- und Arbeitsleistungen einen Schimmer von froher Stimmung verbreiten. Wir können diese Gefühlsnachwirkungen mit den Nachbildern (vgl. Praktische Gedächtnispflege S. 13) vergleichen. Wie es möglich ist, Nachbilder festzuhalten und auszunützen, so auch eine abklingende Gefühlsflut.
Heinrich Seidel[14] schuf in seinem „Leberecht Hühnchen“ das Bild eines wundervollen Alchimisten des Glücks, der aus den unscheinbarsten, vom Durchschnittsmenschen unbeachteten Gedanken und Dingen unglaublich viel goldene Schätze des Gemüts herausschmelzt. Und wenn wir es versuchen, werden auch wir erkennen, daß die Erinnerung an froh verlebte Stunden des Lernens und Schaffens, der Hinblick auf das ferne schöne Ziel oder auf die nahe Belohnung, die man sich selbst nach getaner Lernarbeit gönnt, Neigung, Freude und Willen steigern. Selbst der sprödeste Stoff hat für einen aufnahmefähigen und klugen Kopf reizvolle Seiten. Suchet, ihr werdet bestimmt finden! Meist fehlt es auch nur an einem kraftvollen Anfang. Hat man sich nur erst hineingewagt, dann merkt man Zusammenhänge und findet, daß alles fesselnd und bedeutsam ist innerhalb seines Zusammenhangs. Auch im Kraftgefühl, daß man trotz verlockender Ablenkungen sich doch nicht von den gestellten Lernaufgaben abbringen läßt, ist leicht ein Grund zur Fröhlichkeit zu finden.
Man schätze diese Anregung ja nicht gering ein! Die Freude vertieft, beschleunigt, gibt unserer Gedankenentwicklung Flügel — gedrückte, trübe Stimmung verlangsamt. Wenn es nun noch gelingt, in dieser frohen, ausgeglichenen Gefühlslage von mittlerem Maß dem Stoff Entzücken abzugewinnen, dann ist der Lernerfolg gesichert. Aber woran haben wir das meiste Vergnügen?
An dem, was wir erleben, wobei wir im höchsten Grade tätig sind. In einer Arbeit des Leipziger Instituts für experimentelle Pädagogik[15] habe ich nachweisen können, daß fast sämtliche freien und ungebundenen Aussagen der Kinder von 8 Jahren bis zur Geschlechtsreife auf die verschiedensten Reizworte hin Erinnerungsreste von bestimmten Erlebnissen sind.[16] Das Kind bietet fast stets eine Geschichte, die ein eigenes oder fremdes Erlebnis darstellt.