I. Die grundlegende Bedeutung des Gedächtnisses.

Die gewaltigen Errungenschaften der Technik und Großbetriebe, die kulturfördernden Leistungen der Wissenschaften, die in rastlosem Fortschreiten die Menschheit zu ungeahnten Höhen führen, sie alle entsprangen dem menschlichen Geiste. Nicht auf einmal. In mühevollem Arbeiten, Entdecken und Verwerten baute die Nachwelt auf den Errungenschaften der Vorwelt weiter. Was der einzelne schuf und entdeckte, vermochte er mit einer bewundernswerten Kraft seines Geistes zu bewahren, mit dem Gedächtnis. Es entfiel ihm nicht sofort wieder. Er lehrte das Neue die andern. Sie vermochten es auch zu behalten, zu verwerten und weiter zu vererben. Das Gedächtnis ist die Fähigkeit des Menschen, Wahrnehmungen oder Vorstellungen einzuprägen, zu behalten, wenn auch nicht unverändert, und später in ähnlicher Weise wieder zu erneuern.

Im Gedächtnis liegen die Wurzeln zu jenem gewaltigen Riesenbau an Errungenschaften, den der einzelne Mensch überhaupt nicht mehr zu überschauen fähig ist. Das Gedächtnis ist das Pfund, mit dem er wuchern konnte. Darum wurde es auch immer hochgeachtet und zu bilden versucht. Von den ältesten Zeiten an bis zu den Gelehrten unserer Tage, Weltweisen, Ärzten, Erziehern usw., schenkte man ihm regste Beachtung. Es ist ein Schlüssel zum gesamten geistigen Leben.

Und wenn wir die verschiedenen Stufen menschlicher Begabung betrachten, so zeigt sich eine fast ausnahmslose Regel: Minderwertige Geister haben geringe Gedächtniskraft,[1] mittelgroße stets bessere Gedächtnisleistung, und hervorragende Geister fallen meist auch durch ihre erstaunliche Erinnerungsfähigkeit auf. Das Gedächtnis und die gesamte Geistesbildung stehen im allgemeinen im gleichen Verhältnis zueinander.

Ein Aristoteles, Leibniz, Goethe, Humboldt, Wilhelm Wundt und andere waren nur deshalb fähig, große geistige Zusammenhänge zu schauen und hervorzubringen, weil ihnen das Gedächtnis wie ein großes beseeltes Buch, das von selbst seine Seiten öffnet, einen ungeahnten Reichtum an geistigen Arbeitsunterlagen lieferte.

Auf so breiter, umfassender Grundlage gewonnene Ergebnisse haben entschieden mehr Allgemeingültigkeit und kommen der Wahrheit sehr nahe. Das Gedächtnis vertieft die Geistesbildung und gibt ihr Reichtum und Umfang.

II. Der wissenschaftliche Versuch.

In fabelhafter Weise beherrscht jetzt der Mensch die Natur, deren einstmals gefürchtete Kräfte von ihm zu getreuen, arbeitsamen Knechten herabgedrückt worden sind. Den Hauptanteil an dieser Arbeit hat jenes winzige bißchen Gehirn, 1400 g schwer, das erst ganz langsam, dann immer schneller, lawinenartig die Mittel fand, den Menschen zum Herrn der Natur zu machen.

Dabei entdeckte er einen bemerkenswerten Kniff. Es ist noch gar nicht so lange her, daß er darauf verfiel, im Vergleich zu dem weiten Weg, den die Menschheit bisher gehen mußte. Er entdeckte, daß die Natur einfach gestellte Fragen unveränderlich nach bestimmten Gesetzen beantwortete. Diese Frage ist das Experiment. Nachdem ihm diese Gewißheit geworden, stellten seine Arbeiter auf naturwissenschaftlichem Gebiete Milliarden von Fragen an den Erdgeist. Dem Ursachgesetz unterworfen, beantwortete er auch geduldig alle einfach gestellten Fragen in unzweideutiger Weise. Wenn aber voreilig und neugierig nach den letzten, höchsten und schwierigsten Dingen gefragt wird, dann schüttelt er kräftig sein Haupt, und wenn er überhaupt antwortet, so geschieht es in einem Rätselwort.

Der Forscher läßt sich jedoch dadurch nicht entmutigen. Er zerschlägt listig das ganze Rätsel in mehrere Teilfragen und wiederholt vereinfacht den Versuch, bis er die Gesetzmäßigkeiten des Geschehens klar erkennt. Mit der Erkenntnis der Natur sind aber dem Menschengeiste meist gleichzeitig die Mittel zu ihrer Beherrschung gegeben.