Als er nun gar entdeckte, daß er selbst den Gesetzen des Naturreichs unterworfen ist, übertrug er den Versuch auch auf sich selbst. Es wäre nun merkwürdig, wenn er vor dem Gehirn und seinen Fähigkeiten haltgemacht hätte. So haben wir denn tatsächlich seit etwa 60 Jahren den wissenschaftlichen Versuch im Geistesleben, d. h. eine Erforschung nach naturwissenschaftlichem Verfahren.
Lotzes, Steinthals, F. H. Weber-Fechners Versuche über leiblich-seelische Wechselbeziehungen[2] und Helmholtz’ Untersuchungen über Sinnesvorgänge bereiteten die Bahn vor, die erst Wilhelm Wundt nachdrücklich beschritt, um mit Hilfe des wissenschaftlichen Versuchs die Psychologie,[3] die bisher rein grübelnd übersinnliche Geisteswissenschaft gewesen war, mit neuen und sicheren Ergebnissen zu bereichern. Seitdem ist in vielgliedriger Gelehrtenarbeit mit Bienenfleiß eine ungeheure Menge geistiger Tatsachen zusammengetragen worden. Die neue Seelenforschung ist eine wissenschaftliche Bewegung fast ohnegleichen geworden. Sie steht heute im Mittelpunkte unseres Denkens und beeinflußt alle Strömungen unserer Zeit.
Ein Rätsel lag der seelischen Forschung besonders nahe, das Gedächtnis, das als Grundbedingung alles höheren geistigen Lebens wohl überhaupt die tiefste Frage der Seelenkunde ist. Auch technische Vorzüge hat gerade diese Frage: Die Arbeitsleistungen des Gedächtnisses sind ja genau gemessen, und die Lernbedingungen lassen sich auch in zahlloser Weise verändern. Ebbinghaus war der erste Forscher, der dieses Teilgebiet bearbeitete, indem er in mühseliger Arbeit sinnlose Silben unter den verschiedensten Bedingungen selbst lernte und so die grundlegenden Ergebnisse der Gedächtnisforschung entwickelte.
Obgleich aber diese Wissenschaft heute mit wichtigen Ergebnissen einer fast abgeschlossenen Gedächtnisforschung aufwartet, ist leider von einer allgemeinen Nutzbarmachung so gut wie nichts zu spüren. Und doch ist es ein dringendes Bedürfnis unserer Zeit, bei den großen Anforderungen, die an das Wissen und Können jedes Menschen unserer Zeit, besonders aber des Schülers, gestellt werden, diese Schätze zu heben. Es ist eine unverantwortliche Kraft- und Zeitvergeudung, wenn Lehrer ihre Schüler, Eltern ihre Kinder planlos oder mit unsinnigem Verfahren den nun einmal erforderlichen Gedächtnisstoff einprägen lassen.
Die Überbürdungsfrage im Schulbetriebe wäre zur Hälfte gelöst, wenn jedes Kind zu einem vernünftigen Gebrauche und zu sinngemäßer Pflege seiner Gedächtniskraft erzogen würde. Die Kurzsichtigkeit würde vermindert, Zeit und Nervenkraft gespart werden. Dann ließe sich auch Zeit für bessere körperliche Ausbildung des Schülers gewinnen, damit jeder fähig ist, mit Körper und Geist, also mit allen seinen Kräften, dem Vaterland zu dienen.
Dabei will dieses Büchlein helfen. Es soll eine volkstümliche, kurze, aber doch nach Möglichkeit umfassende Darstellung bewährter alter Wege und neuerer Versuchs-Gedächtnisforschungen auch für Eltern und Schüler sein. —
[1] Binets und Simons Untersuchungen an geistig Minderwertigen (Imbezillen und Debilen) haben bewiesen, daß ein umfangreiches Gedächtnis eine recht seltene Ausnahme ist. Einer geringen Klugheit entspricht ein geringes Gedächtnis. Das ist die Regel. Die Untersuchungen an Durchschnittsschulkindern bestätigen sie durchaus. Erwähnt sei aber immerhin, daß bei Minderwertigen auch einmal eine Gedächtnisart sich ganz fabelhaft entwickeln kann. Ein geistig minderwertiger Vierzehnjähriger z. B. sagte nach drei Minuten Einprägung eine Seite lateinischer Wörter her, ohne je Latein gelernt zu haben. Vgl. auch S. 58 [Inaudi].
[2] Vgl. die Kosmos-Buchbeilage Dr. H. Dekker, Fühlen und Hören, S. 32/33.
[3] psyche (griech.) = Seele, logos (griech.) = Wort, Lehre. Psychologie = Seelenlehre, Seelenkunde. Leider ist unser wissenschaftliches Schrifttum noch so verwelscht, daß wir die Welschwörter noch daneben setzen müssen. Sonst findet sich der Leser auf keiner Seite einer wissenschaftlichen Abhandlung zurecht.