Nach traumlosem, tiefem Schlafe, dem wir bewußtlos hingegeben waren, erwachen wir und mit uns die bewußte Tätigkeit unseres Geistes. Wir wissen von uns selbst, erkennen Teile der Außenwelt, wir sind bei Bewußtsein. Im Bewußtsein beginnt nun die Verarbeitung von Reizen der Außenwelt; denn an Auge und Ohr treten Äther- und Luftschwingungen. Die Sinnesnerven leiten die Reize weiter,[4] und im Gehirn haben wir Empfindungen. Darunter versteht der Forscher ein kühles Kenntnisnehmen von dem Reiz, das in Wirklichkeit so kühl gar nicht vorkommt. Wenn wir durch sinnreiche Apparate den Puls eines Menschen aufzeichnen lassen und zeigen ihm eine einfache Farbe, etwa Blau, oder lassen einen Ton erklingen — sofort zeigt der Puls Veränderungen, weil das Herz durch Gefühle etwas beeinflußt ist. Schon daraus sehen wir, daß mit den einfachsten Empfindungen schon Gefühle verknüpft sind. Reine Empfindungen, also bloßes kühles Kenntnisnehmen von Reizen ohne Gefühlsbegleitung, gibt es nicht. Der Seelenforscher aber muß die verwickelten geistigen Vorgänge zergliedern und unterscheidet deshalb scharf zwischen Empfindung, Gefühl und Willen. In Wirklichkeit hängen diese drei Elemente des Bewußtseins eng verbunden miteinander zusammen. Wie eng, das werden wir noch in diesem Abschnitt erkennen.

Abb. 1. Einfache Zuckung (Reflexbewegung).

Abb. 2. Leitung des Reizes bei bewußten Empfindungen (willkürliche Bewegungen).

Selbst wenn wir in einem stillen Zimmer die Augen schließen und kein störender Reiz uns trifft, merken wir doch noch deutlich, daß wir bei Bewußtsein sind, und können irgendein Erlebnis, einen Spaziergang u. dgl. vor unser geistiges Auge, wie wir das Bewußtsein auch nennen können, hinstellen. Vorstellungen sind es, die dann im Bewußtsein vorüberziehen. Freilich gelingt es uns nicht, alle Einzelheiten des damals Geschauten oder Erlebten wieder aufleben zu lassen. Unser körperliches Auge sieht ja nicht alles, und was es sieht, nicht überall mit gleicher Deutlichkeit. Von all dem aber, was unsere Augen sehen, macht das Bewußtsein, das geistige Auge, abermals einen Abzug; denn es hält Auslese. Nur das nehmen wir in unsern Geist auf, was das innere Auge aufmerksam betrachtet hat. (Vgl. auch [S. 50] ein auffallendes Beispiel dazu.)

Und damit sind wir wieder bei dem großen Rätsel angelangt, dem wir uns in diesem Buche widmen wollen: Was von unserm Bewußtsein erfaßt wurde, ob es nun dem Gesichts-, Gehörs-, Körpergefühls-, Geruchs- oder Geschmacksbereich angehört, können wir als Vorstellung in ähnlicher Weise auch wieder ins Bewußtsein zurückrufen. Diese großartige Fähigkeit, Erinnerungsreste (Vorstellungen) im Bewußtsein in ähnlicher Weise wie früher wieder aufleben zu lassen, bezeichnen wir, wie schon gesagt, als Gedächtnis.

Cartesius war der Meinung, was durch das Bewußtsein eingehe, hinterlasse (Gedächtnis-) Spuren. Diese Ansicht ist ein Fortschritt gegenüber Platos Veranschaulichung dieses Rätsels. Nach ihm sollen wir uns Erinnerungsbilder in der Seele ähnlich vorstellen, als wie den Siegelabdruck im Wachs. Aber auch des Cartesius’ Ansicht führt leicht zu grobsinnlicher Auffassung der Gedächtnisfrage. Deshalb redet man heute vorsichtiger von Anlagen zur Wiederbelebung früherer Empfindungen. Damit meint man, daß jeder Eindruck infolge der Anlage (oder Disposition) leicht wieder erneuert werden kann, sogar dann erneuert werden kann, wenn die Empfindung längst vorüber ist. Sie dauert mitunter jahrzehntelang. Ja, Ebbinghaus, der bei seinen Versuchen noch nach langen Zeiträumen Ersparnisse beim Wiedererlernen feststellen konnte, ist der Meinung, daß es bei Gesunden kein restloses Vergessen gibt.

Es ist unmöglich, uns der geistigen Schätze an Vorstellungen, die unser Gehirn besitzt, auf einmal bewußt zu sein; sie ruhen in ungeheurer Menge gewissermaßen in Dunkelheit, im Unbewußten. Nur einige wenige treten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein ein, und jetzt erst bemerken wir sie.