Abb. 3. Schnellseher nach Wundt. Rechts Schieber in einem Augenblick des Falles. (Aus Schulze, Werkstatt der experiment. Psychologie und Pädagogik.)

Nun ist es mit unserem geistigen Auge ebenso wie mit dem körperlichen: Das Bild, das unser Blick erfaßt (das Blickfeld), ist nicht in allen Teilen gleich deutlich und klar. Nur einen kleinen Ausschnitt des Bildes in der Richtung, in der das Auge gerade blickt, sehen wir ganz klar, den Blickpunkt.

Die Vorstellung nun, die eben aus dem großen Reich des Unbewußten über die Bewußtseinsschwelle ins Bewußtsein eingetreten ist, erscheint uns noch nicht ganz deutlich und klar. Sie steht nun zwar im Blickfeld des Bewußtseins, erreicht aber erst ihre höchste Klarheit und Deutlichkeit, wenn sie in den Blickpunkt des Bewußtseins („Brennpunkt der Aufmerksamkeit“ nach Wundt) weiterschreitet. Dies geschieht unter der Leitung der Aufmerksamkeit, von der sie hier festgehalten werden kann, sonst schreitet sie vom Blickpunkt in das Blickfeld und wird immer mehr verdunkelt. Wenn sie nicht von der Aufmerksamkeit wieder in den Blickpunkt gehoben wird, sinkt sie nach einiger Zeit über die Schwelle des Bewußtseins ins Unbewußte zurück. Wir merken dann nicht eher wieder etwas von ihr, als bis sie wieder einmal über die Bewußtseinsschwelle gelangt. Fortwährendes Gehen und Kommen geistiger Inhalte finden wir so im Bewußtsein. Alle wandern durchs Blickfeld (Perzeption),[5] nicht alle durch den Blickpunkt (Apperzeption),[6] nämlich nur die durch Aufmerksamkeit ausgezeichneten.

Früher wurde hin und wieder behauptet, in einem Augenblick könne unsere Aufmerksamkeit sich nur einem Eindruck hingeben, sich nur auf eine Vorstellung richten. Das ist aber eine Unterschätzung dieser geistigen Kraft des Bewußtseins und der Aufmerksamkeit. Rein aus der Erfahrung liefert uns die Schrift der Blinden den Gegenbeweis.

Ihr Urheber, der französische Blindenlehrer Braille, hatte in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts keine Ahnung von den Ergebnissen der Versuchs-Seelenforschung und jener merkwürdigen Beständigkeit des Bewußtseinsumfangs (Höchstzahl 6 Einheiten), die wir sofort kennenlernen werden. Da er selbst erblindet war, kam er nach den mannigfaltigsten Versuchen und Übungen darauf, nicht über sechs verschieden gelagerte (erhabene, d. h. fühlbare) Punkte hinauszugehen = ⠿ Nur so können diese Punkte als Buchstaben von den Blinden leicht und sicher tastend unterschieden werden. Gewöhnlich werden dazu beide Zeigefinger benützt. Der rechte geht voraus und faßt gleichzeitig die vorhandenen Punkte auf, der linke folgt prüfend, zergliedernd und faßt die Punkte nacheinander auf.

Die Buchstaben A–J werden durch die obersten vier Punkte dargestellt, die Buchstaben K–T entstehen durch Hinzufügen des untersten linken Punkts. Zu diesen Zeichen noch den rechten untersten Punkt gesetzt, ergibt den Rest des Abc.