Umfassende und eingehende Versuche lehren: Eine völlig wahrheitsmäßige Zeugenaussage gibt es nicht. Es handelt sich immer um ein Gemisch von Wahrheit und etwas Irrtum.
Geheimrat von Liszt wies den Teilnehmern an den Übungen seines kriminalistischen Seminars zweimal nach, wie unglaublich verfälscht die eigene Zeugenaussage war. Die beiden schlagenden Versuche haben berechtigtes Aufsehen erregt. William Stern teilt sie in seinem umfassenden grundlegenden Werke über „Die Zeugenaussage“ (4 Hefte) mit:
Das einemal ließ er zwei Übungsteilnehmer sich zanken, wobei ein ungeladener Revolver gezogen und abgedrückt wurde. Die Tatberichte gingen weit auseinander — die Aufregung fälscht natürlich stark Auffassung und Erinnerung. Deshalb wählte er später einen sehr ruhigen Vorgang:
22 Rechtskunde treibende Damen und Herren sind zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt. Da bringt ein Mann einen Brief an Geheimrat von Liszt. Während dieser ihn liest, nimmt der Bote ein paar Bücher aus dem Bücherfach, läßt sie fallen, hebt sie auf, behält ein Buch, stellt die andern wieder ins Fach, bekommt eine Antwort, geht hinaus und nimmt das Buch mit.
Nach einer Stunde Arbeit über Rechtsfragen erklärt Liszt, jenes kleine Erlebnis sei als ein wissenschaftlicher Versuch aufzufassen, jeder solle einen schriftlichen Bericht darüber geben.
Zur Überraschung aller Beteiligten ergab sich, daß von neun Behauptungen eine falsch war, bei diesem freien Bericht, der absichtlich eine Stunde später aufgenommen war, um der Wirklichkeit recht nahe zu kommen.
Beim Verhör nach acht Tagen konnte der vierte Teil der Fragen nicht mehr beantwortet werden. Und es ist immer anerkennenswert, wenn man über Dinge schweigt, die man nicht mehr genau weiß. Sonst wäre das Ergebnis noch trostloser geworden; denn außerdem war von fünf abgegebenen Antworten eine falsch.
Ein Richter hat nun die verzweiflungsvolle Aufgabe, die Wahrheit zu suchen und sieht sich Zeugen gegenüber,
- die so würdelos sind, daß sie die Wahrheit gar nicht sagen mögen;
- die infolge krankhafter Veranlagung sich selbst täuschen, die Unwahrheit sagen im guten Glauben, die lautere Wahrheit zu bieten. Hysterische sind ja bekannt als solche, die steif und fest an ihre bloßen Einbildungen glauben;
- hat selbst der geistig vollkommen Gesunde
- Auffassungsfälschungen,
- Erinnerungsfälschungen,
- Aussagefälschungen,
so daß man — wenn er frei erzählt — beim besten Zeugen unter 10–20 Behauptungen mit einer falschen rechnen muß.