Die hervorragende Bedeutung der Denkzusammenhänge war sicherlich schon vor langer Zeit unseren Vorfahren bekannt, sonst hätten sie nicht das Wort „Gedächtnis“ gebildet. Nur an dem, was durchdacht und verstanden ist, zeigen sich die besten Gedächtnisleistungen. Das Denken schafft eben die größten umfassendsten Vorstellungseinheiten und gibt allen Teilen einen weiteren Verwendungsbereich und eine größere Bereitschaft. Was die Vorstellbindungen unbewußt und achtlos erreichen, nämlich einen Zusammenhang unter den einzelnen seelischen Grundwerten, schafft das Denken viel dauerhafter, weitgespannter und besser. Diese Gedankenverknüpfungen (vgl. [S. 22]) bedeuten tatsächlich das Höchste, was der Menschengeist hervorzubringen vermag.

Das Verständnis für so manchen zunächst langweiligen Stoff geht uns erst auf, wenn wir vom Gegenteil ausgehen. Der Gegensatz wirft meist wertvolle Schlaglichter auf den ödesten Stoff und kann plötzlich in uns eine Fülle von Gedankenzusammenhängen anregen.

Ein vollendetes Beispiel dafür bietet die Beschäftigung mit der Rechtswissenschaft. Welche Marter für den Nichteingeweihten, in einem Gesetzbuch lesen zu müssen, wie es jetzt bei uns in Deutschland üblich ist!

Scheinbar etwas ganz anderes werden aber diese reizlosen Gesetzesabschnitte, wenn wir uns die Zeit nehmen, über jeden etwas nachzudenken, uns etwa vorzustellen, wie es sein würde, wenn das Gegenteil erlaubt wäre, uns einige anschauliche Fälle auszudenken und Vermutungen über den Grund der Entstehung des Gesetzes anzustellen. Ein so betrachteter Abschnitt ist dann schon zur Hälfte gelernt.

Die große Bedeutung des Gegensatzes in aller Kulturentwicklung, in unserm Denken, in unserm ganzen seelischen Leben, in der Dichtung (einfache Gegensätze, Gegensatzstimmungen an Ruinenstätten großer Vergangenheit, Parodie, Ironie, Satire, Paradoxon) habe ich ausführlich in „Deine gestaltende Seele und dein Stil“ dargestellt (Th. Müllers Verlag und Versandbuchhandlung).

Auch die Wörtchen „Warum?“, „Wozu?“ sind Zauberstäbe, die uns, etwa in Naturwissenschaften und Geschichte, mit einem Schlage in tausend Zusammenhänge bringen, die natürlich ganz wunderbare Gedächtnisstützen sind.

Von großer Wichtigkeit ist eine Geistestätigkeit, die wir schon in andern Abschnitten erwähnten, beim sinnvollen Lernen aber nicht übergehen dürfen: das Zurückschauen, Überblicken, Zusammenfassen, damit sich auch außer der Reihe Verbindungen knüpfen. Das schafft bewußte Ordnung unter unseren Geistesschätzen, während die Vorstellbindungen blind und unbewußt ordnen.

Zusammenfassend ist bei allem Lesen und Lernen zu fordern: Pausen einzufügen, um zurückzuschauen, in stiller Betrachtung zu vergleichen, um ähnliche oder entgegengesetzte Fälle heranzuziehen.

Ganz besonders gilt es für Vernunftzusammenhänge: Erst die Hauptgedanken klar herauszuschälen, den ganzen Aufbau in bezug auf Ursache und Wirkung, Grund und Folge, Zweck und Absicht klar vor das geistige Auge zu stellen; dann ist in einem langsamen Zeitmaß zu lesen, das dem Verstehen angepaßt ist.

X. Mnemotechnische Anregungen??