Ein Maler wendete folgendes Mittel in seiner Malerschule an. Um seine Schüler an das Zeichnen aus dem Gedächtnis zu gewöhnen, ließ er die Umrißlinie der Figur mit dem Bleistift in der Luft verfolgen. So nötigte er seine Schüler, das Muskel- mit dem Gesichtsgedächtnis zu verschmelzen. Noch vorteilhafter soll die feine Arbeit der Augenmuskeln für das Gedächtnis sein.[18]

Von sich selbst erzählt Meumann, daß er sich beim Lernen der Fremdwörter an die Klangbilder hielt. Die hebräischen Zeitwörter bereiteten ihm aber große Schwierigkeiten, weil alle in der ersten Silbe ein langes a, in der zweiten meist ein kurzes a haben, seltener e, o und a. Da half er sich damit, daß er, obgleich Hörer, nur auf das Gesichtsbild der Mitlaute achtete. Mit dem Gesicht lernend überwand er allmählich die Schwierigkeiten.

[17] Vgl. Prof. Dr. Paul Barth, Die Elemente der Erziehungs- und Unterrichtslehre. 6. Auflage (J. A. Barth, Leipzig), und W. A. Lay, Führer durch den Rechtschreibunterricht.

[18] In der Praktischen Gedächtnispflege S. 35–44 ist die Einschaltung geeigneter Muskelempfindungen beim Lernen ausführlich dargestellt.

IX. Sinnvolles Lernen.

Zuerst ist es nötig, den Inhalt zu erfassen. Dann erleichtert der Zusammenhang wesentlich die Einprägung. Eine geringe Zahl von Menschen schlägt den umgekehrten Weg ein, lernt erst die Wörter und versucht dann, mit deren Hilfe in den Inhalt einzudringen. Selbstverständlich kann dieses Verfahren nicht empfohlen werden. Das mögen nur solche Leute tun, die ein großes Gedächtnis für Wörter, aber geringes Verständnis haben. Da mag der Fleiß ersetzen, was an Geist fehlt.

Wenn der Sinn erfaßt ist, braucht der Lernende nach Ebbinghaus nur ein Zehntel der Zeit. Andere Forscher haben je nach der Schwierigkeit des sinnvollen Stoffs noch bessere Ergebnisse erhalten. Fünfundzwanzigmal so viel Wörter wurden behalten, wenn man den Versuchspersonen sinnvolle Sätze statt unzusammenhängender Wörter bot.

Die große Überlegenheit des durchdachten Zusammenhangs wird uns aus folgenden Ergebnissen klar.

Bei Meumanns Versuchen behielten die geübtesten Personen bis zu 13 Buchstaben, ebenso viele Zahlen, 7 bis 9 sinnlose Silben, bis 10 Einzelwörter, bis 20 Wörter eines Gedichts, bis 24 Wörter einer Weltansichtsrede. Daraus ersehen wir die wichtige Tatsache, daß nicht die Zahl der Elemente, sondern die Zahl der selbständigen Gedächtnis einheiten maßgebend ist. Obige 10 Einzelwörter enthielten etwa 50–60 Buchstaben. Das Gedächtnis behielt sie aber nicht als Buchstaben, sondern als Worteinheiten.

„Unser Gedächtnis ist eine synthetische (zusammensetzende) Tätigkeit, die aus Elementen Einheiten schafft, und das ist ‚assoziiert‘, was für unser Bewußtsein zum Teil eines Ganzen geworden ist.“ (Meumann.)