Endlich wurde das unmittelbare Behalten geprüft. Das Auge betrachtete durch einen Spalt sinnlose Silben, ein- und zweisilbige Wörter, die sich auf einer Trommel vorüberbewegten. Man ließ nun nach 15, 30 oder 60 Sekunden angeben, was gemerkt worden war. Schon bei 30 g Alkohol (¾ l Bier) treten nach 15 bis 20 Minuten häufige Auslassungen (vergessen) ein, auch falsche Angaben. Die Zuverlässigkeit leidet stark. Besonders bei sinnlosen Silben, die schwerer zu lesen und aufzufassen sind als sinnvolle Wörter, stieg die Zahl der Auslassungen auf das Fünfzehnfache, die der falschen Angaben aufs Doppelte der Fehler in nüchternem Zustande.
Es zeigt sich also eine um so größere Beeinträchtigung, je anstrengendere oder höhere Leistungen vom Geiste verlangt werden. Je geistloser, je maschinenmäßiger, je eingeübter eine Arbeit ist, desto geringer ist der Schaden. Es wirkt also der Alkohol auf den am ungünstigsten, der schöpferisch tätig sein will.
Nach größeren Gaben, bei 60 g Alkohol (= 1½ l Bier), war die Erschwerung oder Lähmung der geistigen Arbeit bis zwei Stunden nachzuweisen. Bei mittleren Gaben, bei 30–45 g Alkohol (= ¾–1 l Bier), ergab sich ebenfalls bei allen geprüften geistigen Leistungen eine deutlich nachweisbare Minderung von etwa 40 bis 50 Minuten Dauer.
Nach geringen Gaben (7,5–10 g = ¼ l Bier) trat vor der Lähmung eine kurze, viertel- bis halbstündige Erleichterung ein, jedoch nur bei Arbeiten, die irgendwie mit Muskelarbeit zusammenhängen, z. B. beim Lesen (Sprachmuskulatur), beim Loslassen der Hebel. Aber dieser unwesentliche, kurze Vorteil wird übertroffen von Nachteilen: Die Sicherheit und Genauigkeit nimmt ab. Was nützt es, wenn die Bewegung erleichtert, aber die Überlegung verringert wird und die Zuverlässigkeit leidet! Was ist das aber für ein verfluchter Gewinn, wenn der Führer eines Kraftwagens das Lenkrad schneller dreht, aber gerade nach der falschen Richtung, und einen solchen Zusammenstoß mit Wagen oder Baum oder Prellstein verursacht, daß alle Insassen herausgeschleudert werden und Hals und Beine brechen!
„Und gar eine einmalige Gabe von 80 g Alkohol = 2 l Bier verfliegt nicht rasch und vollständig, sondern hinterläßt eine gewisse Nachwirkung, die nach 24 Stunden noch nicht ganz verschwunden ist.“ (Kräpelin.)
Jede Erleichterung fehlt bei den Vorstellbindungen und beim Rechnen. Auf das Gedächtnis wirkt also auch eine kleine Gabe von allem Anfang an schädlich. Kräpelin folgert, daß der Weingeist von vornherein die Verstandes- und gefühlsmäßigen Vorgänge, später auch die zunächst erleichterten Bewegungen erschwert.[22]
Wenden wir uns nun von diesem auch die Gedächtnistätigkeit lähmenden zu
den anregenden Giften, Tee und Kaffee.
Sie enthalten beide dasselbe Gift. In den Kaffeebohnen schwankt der Gehalt an Kaffein (Koffein, Teein usw.) von 0,7–2,2%, in den Blättern des chinesischen Tees von 2–3,5%, im Paraguaytee (Ilex paraguayensis) beträgt er gegen 5%.
Es sei ausdrücklich darauf hingewiesen, daß es kein gänzlich ungefährliches Gift ist. Kräftige Gaben erzeugen Gedankenverwirrung, Schwindel, Ohrensausen, Beklemmung, Zittern der Hände, jagenden, zuweilen aussetzenden Puls. Sind diese Erscheinungen vorüber, so bleibt eine körperliche und geistige Niedergeschlagenheit zurück. Bei Tieren tritt nach größeren Mengen unter allgemeiner Muskellähmung der Tod durch Ersticken ein. Wenn wir auch heute etwas an den Genuß von Kaffee gewöhnt sind, so ist Kindern, Herzkranken und nervösen Personen gegenüber Vorsicht, am besten Ersatz des Kaffees nach altdeutscher Sitte durch eine reiche Auswahl kräftiger Suppen geboten.