»Glauben Sie,« fragte er nach einer Pause, »daß Li Bai je das Doktorat machen wird?«

»Nein!« sagte ich aufrichtig. »Er hat keinen Ehrgeiz, keinen Fleiß, kein Interesse. Alle meine Bemühungen waren erfolglos!« gestand ich geknickt.

»Dies war nicht Ihre Schuld!« entgegnete er. »Sie sollen nicht mehr so lange allein sein!« sagte er sodann und ging.

Von da an durfte ich Sing den ganzen Vormittag behalten und am Abend brachte man ihn mir schon früh, aber ich beobachtete, daß der Blick meiner Schwiegermutter unendlich feindselig auf mir ruhte, wenn sie auch nicht mehr wagte, Sing so lange wie früher von mir fernzuhalten. Ein leises Grauen beschlich mich oft, wenn ich sie so lautlos herbeischleichen sah und ihre ölige Stimme vernahm, die immer einige höfliche Erwiderungen auf meinen tiefen Kotau hatte. Aeußerlich sprach nichts – es sei denn das unmerkliche Zucken um die Augen und Mundwinkel – von ihrer Abneigung gegen mich, aber eine Art sechster Sinn ließen mich diese ihre Gefühle wissen, als ob sie es mir offen gesagt hätte.

Mit Hilfe Li Bais gelang es ihr noch an manchen Tagen, den Kleinen fortzutragen, aber sie wagte nicht mehr sich zu weigern, ihn auszuliefern, wenn ich nach einiger Zeit mit Kotau und höflicher Bitte meinen Sprößling abholte. Sie reichte ihn mir mit den öligsten Worten und dem verbindlichsten Lächeln, aber die wimperlosen Lider senkten sich über die Augen, und die kleinen knochigen Hände ballten sich, als wollten sie einen unsichtbaren Feind erwürgen.

Und Wochen kamen und gingen. Sie brachten mich immer näher dem Ereignis, das für meine Zukunft entscheidend werden sollte.


A. F. Seebacher 

XVII.

E vo' senza ba taglia e senza gloria
E più non mi sorride il Dio d'un giorno.
Dentro è gelo e infinita ombra intorno
E sopita dei cieli è la memoria.
Ada Negri.

XVII.