Es war in den ersten Septembertagen. Die große Hitze war vorüber, aber noch immer waren die Tage schwül, und es war angenehm, im Schatten der Bäume am fernen Weiher zu liegen. Sing war seit ein paar Stunden bei seiner Großmutter, da ich seit mehreren Tagen nicht wohl war. Ich konnte keine Krankheitsanzeichen angeben, nur Müdigkeit, Unlust zu jeder Arbeit und selbst zum Essen und Trinken. Li Bai war auf ein paar Tage verreist, die Geschäftsbriefe hatte ich trotz meiner Ermattung schon am Morgen vollendet, daher entschloß ich mich, in den Park zu gehen.

Als ich schon auf der Schwelle stand, kam die Dienerin meiner Schwiegermutter und fragte mit ihrem ergebensten Lächeln und mit vielen Demutsbezeugungen, ob ich nicht unter den schlanken Bambusrohren und den Teakbäumen ein wenig ruhen wollte, und ich nickte zustimmend. Wohl war es nicht mehr zu heiß in den Häusern selbst, aber etwas drückend war die Atmosphäre noch immer, deshalb schritt ich trotz meiner unerklärlichen Müdigkeit, die sich sogar auf mein Denkvermögen zu erstrecken begann, rüstig auf den Weiher zu, wo mir der Schatten der fremdartigen Sträucher in Herbstpracht entgegenschimmerte. Plötzlich fühlte ich eine unüberwindliche Sehnsucht nach meinem Kinde in mir erwachen. Wenn ich den kleinen weißen Chinesen – dieses seltsame Gemisch des Ostens und Westens – in meinen Armen hielt, schien es mir oft, als ob dies nicht ein Teil meines Selbst sein konnte. Da kam mir dieses fremdartige Wesen als etwas nicht zu mir Gehöriges vor, aber wenn ich die Augen schloß und nur sein weiches Gesichtchen an das meine preßte, da fühlte ich, wie ein unbeschreiblicher Strom von ihm auf mich überging und eine tiefe Liebe zu diesem Geschöpfchen in mir entbrannte. Vielleicht hatte er mein Wesen geerbt – oh, wie wunderschön wollte ich da seine Seele gestalten, voll Poesie, voll Verständnis für alles Schöne, alles Edle, alles Hohe! Wie wollte ich alles aufbieten, mir die Liebe meines Kindes zu sichern und ihm alle meine Gedanken zu weihen. Bis jetzt hatte ich es nicht verstanden, daß ein Weib Trost für alle Leiden in einem Kinde finden konnte, nun dämmerte das Begreifen dieser Tatsache langsam in mir. Müde wie ich war, schleppte ich mich, wie von einer inneren Macht gezogen, bis zu den Gemächern meiner Schwiegermutter. Das Zimmer war wider Erwarten ganz leer und nur auf der weichen Seidendecke lag etwas, was »ä-ä« sagte und seine winzigen Fingerchen zu zählen schien.

»Sing!« rief ich und umschlang leidenschaftlich den gefundenen Schatz. Niemand war anwesend, um ihn mir streitig zu machen, und ihn auf und ab schaukelnd und Zukunftspläne entwerfend, gingen wir, besser ging ich auf den Weiher zu. Die Sonne stand schon tief im Westen und ihre letzten Strahlen vergoldeten mit magischen Farbenspiegelungen das bunte Laub der Bäume. War es der Sonnenschein, war es meine Stimme, die immer wieder mit steigender Zärtlichkeit seinen Namen rief, war es die Ahnung von etwas, was außerhalb unseres alltäglichen Bewußtseins liegt – Sing lächelte mir zum erstenmal zu und streckte seine kleinen Aermchen mir entgegen. Ich blieb stehen, hob ihn hoch zu mir empor und preßte sein Gesichtchen gegen meine Lippen.

»Sing, Sing, mein Liebling!« flüsterte ich.

Die großen schwarzen Augen waren weit geöffnet und leuchteten seltsam, die kleinen Händchen griffen nach meinen Haaren, meiner Nase und glitten wie liebkosend über meine Wangen herab. Das kleine Mündchen lächelte, und Laute, die unzweifelhaft etwas Liebes bedeuten sollten, kamen von den dicken Lippen. Noch einmal küßte ich allen gelben Schwiegermüttern zum Trotz das zarte Antlitz meines Sohnes, und dann schritt ich auf die kleine gewölbte Brücke zu, die über den Weiher zu dem lauschigen Plätzchen führte. Hinter mir hörte ich die Dienerin schreien, die immer wiederholte:

»Sie hat das Kind! Sie hat das Kind!« was mich mit geheimer Genugtuung erfüllte.

Nun hörte ich auch die Stimme meiner Schwiegermutter, die mir lebhaft etwas zurief, aber ich nahm keine Notiz davon. Sie hatte mir selbst sagen lassen, ich möge mich unter die Teakbäume legen und ausruhen, und es konnte sie doch wahrlich nicht wundernehmen, wenn ich meinen Sohn mitnahm. Warum schrie sie plötzlich so wild, ich solle umkehren?

»Ka, Ka,« hörte ich sie rufen (das war ihr Name für mich, der in der Tat sehr chinesisch klang, wenn man ihn so veränderte), »bringe Sing zurück. Bleib' stehen!« rief sie wieder auf Chinesisch.

»Sie denkt, sie kann mir mein Kind wegnehmen, weil der Mandarin abwesend ist und Li Bai auch, aber darin soll sie sich irren. Ich behalte mein Kind – jetzt und in Zukunft!«

Hinter mir klang das eilige Laufen zweier Paare Füße, die mir mein höchstes Gut entreißen wollten, oder so dachte ich, da mein Herz voll Bitterkeit und Mißtrauen gegen meine Schwiegermutter war. Ohne mich umzusehen und nur Sing liebend gegen mich drückend, betrat ich den kleinen Steg. Mir deuchte, als hätte jemand hinter mir einen Schreckensruf ausgestoßen, aber ich war meiner Sache nicht sicher und dachte, daß es sich um einen Wutausbruch der Chinesin handelte. Doch als ich mich der Mitte des Weihers näherte, fühlte ich, wie die Brücke langsam nachgab und unter mir zusammensank.