Ein leichter Krach, ein gellender Aufschrei von meinen Lippen, der aus zwei anderen Lippen ein Echo fand, und ich glitt hinunter in die Tiefe. Verzweifelnde Anstrengungen machend, um die Oberfläche zu erreichen oder doch das Kind über den Wasserspiegel zu heben, klammerte ich mich mit der einen freien Hand fest an die Reste der eingebrochenen Brücke und versuchte mich emporzuschwingen, doch vergeblich. Ein wahnsinniger Schmerz im Fuß verhinderte mich daran. Ich hatte ihn zwischen ein Brett hineingeklemmt und verstand plötzlich, daß ich nicht an die Oberfläche gelangen konnte, daß man den Steg eigens hatte durchsägen lassen, um mich durch einen »Unfall«, wie man am Konsulat melden würde, aus dem Leben zu schaffen. Li Bai hatte einen Träger seines Namens – die Mutter des Kindes, die verhaßte Europäerin, sollte sterben.
Oh, die grausigen Sekunden, bevor ich ganz das Bewußtsein verlor, das entsetzliche Verstehen, daß das zarte Kind in meinen Armen steif wurde, daß dies Seelchen dahin zurückkehrte, woher es gekommen, eins wurde mit Tao. Wenn Tao alles war, dieses langsame Hingleiten von heftigem Todeskampfe in ruhigeres Hinsterben, das Rauschen in den Ohren, das dem Sterbenden das Brausen der Todesschwingen zu sein scheint, und dann die Nacht, die endlich Vergessen bringt. – – –
Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, lag ich auf dem Rasen am Rande des Weihers, über mich neigte sich scheinbar gelassen und ruhig wie immer der gestrenge Mandarin, und in den Armen hielt ich, noch immer leidenschaftlich fest an mich gepreßt, Sing, mein totes Kind! Langsam fielen meine Arme nieder, langsam schlossen sich die Lider aufs neue, die zu viel Elend gesehen hatten, um mehr schauen zu wollen, und nur wie im Traume hörte ich, wie der Mandarin zum englischen Arzte sagte:
»Sie hat das Bein gebrochen und soll in das Hospital gebracht werden!«
»Wäre sie nicht besser daheim aufgehoben als unter Fremden?« fragte der Doktor sichtlich verwundert.
»Sie ist am besten bei Ihnen untergebracht!« entgegnete im selben gelassenen Tone der Mandarin, aber ich hörte heraus, daß er den teuflischen Plan durchschaut hatte und mich in Sicherheit zu bringen wünschte.
Ich fühlte, wie man mich auf eine Tragbahre legte, dann schwanden mir die Sinne. – – –
Sechs Wochen waren ins Land gezogen, die kalten Oktobertage senkten ihre Nebelschleier auf Tientsin herab und ein feiner Regen schlug gegen die Fenster des Saales, in welchem ich auf einem großen Bette lag und auf meinen Fuß sah, der heute zum erstenmal aus dem Gipsverband genommen worden war.
Ueber fünf Wochen hatte ich in heftigen Fieberphantasien gelegen und nichts von dem gewußt, was draußen in der Welt vorgefallen war. Li Bai war gestern zu mir gekommen, kalt und höflich wie immer vor allen Fremden, und hatte sein Bedauern über mein »Mißgeschick«, wie er es nannte, ausgedrückt. Ich hatte die Nurse gebeten, uns allein zu lassen, und ihm dann alles so erzählt, wie es sich zugetragen hatte.
»Wir müssen eine eigene Wohnung haben, Li Bai!« sagte ich energisch. »Der Arzt hat Vergiftungserscheinungen in mir entdeckt und ich weigere mich, in das Haus deiner Mutter zurückzukehren!«