Oede und feucht lag er vor mir, als ich an der Seite des Mandarins auf den Weiher zuschritt, die wieder hergestellte Brücke überschritt und unter den Teakbäumen vor dem Grabe meines Söhnchens stand. Keine geweihte Erde umhüllte seinen kleinen Sarg, kein Grabstein zeigte die Stelle, wo er begraben lag, nur einige kleine Steinchen zeigten den Ort, wo man die Kinderleiche der Erde anvertraut hatte.

»Schlaf' in Frieden, du mein lieber, kleiner Chinese!« flüsterte ich zärtlich. »Du hast nun abgestreift den Körper, den dein Vater dir gegeben hat, doch das Stücklein Seele, das du von mir erhalten, von deiner europäischen Mutter, die fühlen und leiden und entsagen konnte, das hast du hinübergerettet, wo es kein Leid mehr gibt. Mit deinem Scheiden, süßer kleiner Engel, hast du das Band zerschnitten, das deine unglückliche Mutter an Chinesen knüpfte, das sie in fremden Landen bei grausamen Menschen zurückhielt. Hab' Dank und schlaf' in Frieden hier in fremder Erde! Deinen zarten Körper muß ich zurücklassen, dein Seelchen aber bleibt mit mir verbunden, bis der Engel Gottes einst die Toten weckt!«

Ich brach einen kleinen Zweig von einem Teakbaum, dann ging ich wieder, begleitet von dem immer gelassenen Mandarin, durch den Hof und die vielen Pforten zurück. Weder Li Bai noch sonst irgend jemand kam mir nahe, aber als ich an dem Hause meiner gelben Schwiegermutter vorbeiging, schien es mir, als ob ein Vorhang bewegt worden wäre – vielleicht täuschte ich mich auch.

»Auf morgen!« sagte der Mandarin.

»Auf morgen – und Dank!« entgegnete ich leise.

Und fried- und heimlos wie einst, wanderte ich zum englischen Hospital zurück.

XVIII.

Y prosigo mi senda, hacia, adelante,
Viendo lo que más ansio más distante
Y mi ventura yá desvanecida.
Cúanto me vuelvo más á lo pasado,
Hallo la vida un sueño mal sonado,
De quien ni sueña que es soñar la vida.
Mucio Teixeira.

XVIII.

Die Scheidung war ohne Schwierigkeiten durchgeführt worden. Beim Konsul hatten die Berichte des Doktors sehr den Weg geebnet, und bei den chinesischen Behörden tat sowohl das Ansehen als auch die weislich verteilten Bestechungen (im Orient noch mehr als im Okzident gilt das Sprichwort: »Wer schmiert, der fährt«) des Mandarins das ihrige. Die Vermögensbestimmungen waren schon vorher besprochen worden, so daß ein kurzgefaßter Bericht alles erklärte, und da keine Kinder da waren, fiel auch diese stets so schwer zu entscheidende Frage gänzlich weg. Noch ehe am 1. November die Mittagsmahlzeit die Angestellten den Berufspflichten entzog, war ich wieder frei, konnte gehen und tun, wie es mir gefiel.