»Li Bai, mein jüngster Sohn, ist ein Esel.«

Ich widersprach nicht, denn, wenn eine Tatsache so einleuchtend ist, wie diese, ist selbst chinesische Höflichkeit nicht mehr vonnöten.

»Ka,« fuhr er fort, »Sie sind eine sehr nette, kluge und immer gefällige Schwiegertochter gewesen. Ich möchte nur ungern Unannehmlichkeiten mit dem deutschen Konsul haben. Wollen Sie nach Europa zurückkehren? Wollen Sie, daß wir eine Scheidung einleiten und als Grund – als Grund –«

»Böse Zunge der Gattin angeben!« sagte ich. »Das ist ein Scheidungsgrund in China und das genügt.«

»Aber dies gilt nicht vor Ihrem Konsul!« sagte er.

»Mangel an Uebereinstimmungsvermögen, Untreue, was Sie wollen, nur lassen Sie mich nach Europa zurück!« versetzte ich müde.

»Wir werden Li Bai die Schuld geben,« sagte der Mandarin entschieden, »und ich werde nicht nur das von Ihrer Mama in meiner Bank niedergelegte Vermögen sofort auf eine europäische Bank überschreiben lassen, sondern Ihnen, wie vereinbart gewesen, einen jährlichen Betrag von –«

Ich lehnte ab. Ich wollte von den Chinesen nichts haben, aber was immer die Bewohner der Mitte auch sein mögen, redliche Geschäftsleute sind sie. Die Heirat war eine mißglückte Unternehmung, und er bezahlte ohne Murren das Defizit.

Eine Viertelstunde später war alles besprochen und ich kehrte in das Hospital zurück, um im Rekonvaleszentenheim noch so lange zu bleiben, bis die Scheidung vor dem chinesischen Magistrat und dem deutschen Konsulat vollzogen war, was in der nächsten Woche schon vorüber sein sollte. Heimkehren unter sein Dach wollte ich nicht, und darin gab mir der Mandarin vollkommen recht.

Die Scheidung sollte am 1. November vollzogen werden. Meine Koffer waren alle von Li Bai gepackt und nach Hongkong geschickt worden, da ich die Seereise zurück machen wollte; Mama hatte ich schriftlich von meiner veränderten Lage mit Bedauern (ich wußte, wie sehr sie auf die öffentliche Meinung hielt) Nachricht gegeben und zugleich mitgeteilt, daß ich erst einige Monate später reisen würde und auch bei meiner Heimkehr Jenny besuchen, aber nicht in meine Vaterstadt kommen wollte, um ihr alle Unannehmlichkeiten zu ersparen. Folglich war alles angeordnet und ich wieder frei – ach frei! Nur ein Gang blieb noch, ein schwerer. Ich hatte meinen Schwiegervater gebeten, Sings Grab besuchen zu dürfen, und heute kam er, mich am Vorabend meiner Scheidung noch einmal durch den Garten zu begleiten, wo so unendlich viel Bitteres mir begegnet war.